Zu Unrecht vergessen: Vor 500 Jahren segelte Elcano als Erster um die Welt, doch Magellan wurde berühmt

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Zu Unrecht vergessen: Vor 500 Jahren segelte Elcano als Erster um die Welt, doch Magellan wurde berühmt

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Vor 500 Jahren segelte der Spanier Juan Sebastián Elcano als Erster um die Welt. Als Held ging jedoch Ferdinand Magellan in die Geschichte ein. Warum sich der Mythos um den falschen Weltumrunder bis heute hält.

Von Manuel Meyer, Getaria 1 Kommentar
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Eigentlich suchte der portugiesische Seefahrer Ferdinand Magellan 1519 im Auftrag der spanischen Krone nur eine westliche Seeroute nach Asien. Sein Ziel: die indonesischen Gewürzinseln der Molukken. Pfeffer, Zimt, Nelken und Muskatnuss waren in Europa im 16. Jahrhundert so wertvoll wie Gold.

Magellan fand an der Spitze Südamerikas schliesslich eine Durchfahrt vom Atlantik zum Pazifik, die heute nach ihm benannte Magellanstrasse. So wurde seine Expedition zu einer der grössten Entdeckungsreisen der Geschichte, die vor genau 500 Jahren mit der ersten Weltumsegelung endete. Sie war der Beweis, dass die Erde tatsächlich rund ist.

Wer im Internet nach der «ersten Weltumseglung» sucht, stösst also automatisch auf Ferdinand Magellan. Selbst in vielen Schulbüchern wird der portugiesische Seefahrer (1480–1521) als erster Mensch beschrieben, der den Erdball umrundete. Doch der Historiker Daniel Zulaika stellt klar:

«Das ist falsch. Tatsächlich starb Magellan bereits zur Hälfte der historischen Erdumrundung am 27. April 1521 im Pfeilhagel philippinischer Inselbewohner auf Mactan.»
Daniel Zulaika Spanische Historiker

Daniel Zulaika
Spanische Historiker

Es war der spanische Seefahrer Juan Sebastián Elcano (1486–1526), unter dessen Kommando die niemals geplante Erdumsegelung vollendet wurde. Der aus dem baskischen Fischerdorf Getaria stammende Abenteurer heuerte damals als Schiffmeister auf der «Concepción» an, einem der fünf Schiffe, mit denen Magellan am 20. September 1519 aus dem Hafen des südspanischen Sanlúcar de Barrameda auslief. «Elcano war damals pleite und sah sich gezwungen, an der Expedition teilzunehmen», erzählt Elcano-Experte Daniel Zulaika.

Trotz Meuterei macht die Crew Elcano zum Kapitän

Zuvor suchte Elcano das grosse Geld, wurde Kaufmann, liess sich aber auch als Söldner und Schmuggler anheuern, erklärt Historiker Zulaika, der bereits drei Bücher über Elcano veröffentlichte. Elcano legte sich sogar ein eigenes Handelsschiff zu, führte aber ein verschwenderisches Leben. Italienische Handelspartner forderten ihn schliesslich auf, sein Schiff zu übergeben, um seine Schulden zu begleichen. Das verstiess gegen spanisches Recht. «Um den totalen Bankrott zu vermeiden und die Begnadigung des spanischen Königs zu erlangen, verpflichtete sich Elcano, an Magellans Expedition teilzunehmen», so Zulaika.

Nach Magellans Tod und dem vieler Kapitäne und Offiziere übergab die noch verbliebene Crew Elcano das Kommando. Obwohl dieser seit seiner Beteiligung an einer Meuterei im März 1520 degradiert wurde und nicht mehr zur Offiziersriege gehörte, wurden andere Kapitäne von den Seeleuten als unfähig angesehen. Elcano vertrauten sie. «Er war ein erfahrener Seefahrer und ein geborener Anführer», weiss Historiker Daniel Zulaika. Schon als junger Mann lernte er von seinem Vater, einem Schiffmeister, die Navigation. Er war Schmuggler, kämpfte mit der spanischen Armada in Algerien und Italien und wurde schliesslich Kapitän eines Handelsschiffs, bevor er zur Magellan-Flotte stiess.

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Nach einer halbjährigen Irrfahrt erreichte Elcano mit den noch verbliebenen beiden Schiffen schliesslich die Molukken und nahm die begehrten Gewürze auf. Die Schiffe trennten sich. Was aus der «Trinidad» wurde, die wieder Richtung Südamerika fuhr, ist nicht sicher. Sie kehrte nie wieder nach Spanien zurück.

Eines der härtesten Seeabenteuer überhaupt

Elcano wählte mit Magellans Flaggschiff, der «Victoria», den Rückweg um Afrika herum und vollbrachte damit die Erdumrundung. Um nicht von den Portugiesen abgefangen zu werden, die eifersüchtig ihre Gewürzroute bewachten, fuhr er nicht wie üblich die Küste entlang, sondern nahm den gefährlicheren, aber direkteren Weg durch den Indischen Ozean zum Kap der Guten Hoffnung. Von dort ging es die Westküste Afrikas entlang nach Spanien.

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Die Odyssee war eines der härtesten Seeabenteuer überhaupt. «Ich glaube wahrhaft, dass eine solche Reise niemals wieder unternommen wird», schrieb der Schiffchronist Antonio Pigafetta, einer der wenigen Überlebenden. Wer nicht an Hunger, Durst oder Skorbut gestorben war, fiel Krankheiten oder Gefechten mit Eingeborenen zum Opfer.

Am 6. September 1522 kamen unter der Führung Elcanos nach zwei Jahren, elf Monaten und zwei Wochen von den insgesamt 247 Expeditionsteilnehmern nur noch 18 abgemagerte und zerlumpte Gestalten wieder im südspanischen Sanlúcar de Barrameda an. Niemand hatte mehr mit der Rückkehr eines der Schiffe der Magellan-Flotte gerechnet.

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Elcano wurde vom spanischen König Karl I. mit allen Ehren empfangen, aber auch einer strengen Befragung wegen seiner Beteiligung an der Meuterei gegen Magellan unterzogen. Elcano konnte sich herausreden. Der König erhob ihn in den Ritterstand, verlieh ihm eine üppige Pension und ein von einer Weltkugel gekröntes Wappen mit der lateinischen Inschrift «Primus circumdedisti me» («Du hast mich zuerst umrundet»).

In Getarias Kirche San Salvador aus dem 15. Jahrhundert, in der Elcano getauft wurde und seine Eltern beerdigt sind, steht diese Inschrift auf einer alten Steinplatte in Erinnerung an den Helden. «Viele denken deshalb, Elcano wäre hier begraben. Er starb aber 1526 auf einer zweiten Expedition zu den Gewürzinseln an Skorbut und wurde ins Meer geschmissen», erklärt Historiker Zulaika.

Verlorenen Kampf gegen den «Mythos Magellan»

In Spanien ist Elcano heute noch ein Volksheld. An diesem Wochenende finden in Geatria zum 500. Jahrestag seiner historischen Erdumrundung Konzerte, Ausstellungen und Feste statt. Laiendarsteller spielen seine Rückkehr und den Empfang vom König in den mittelalterlichen Gassen des Fischerortes nach. Noch heute sind ihm Plätze und Strassen in Getaria gewidmet. Seine Statuen prägen die wichtigsten Plätze. Ein riesiges Denkmal über den Fundamenten einer alten Bastion erinnert an Elcanos historische Entdeckungsfahrt.

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Doch ausserhalb Spaniens ist Elcano eher unbekannt. Sämtlicher Ruhm gilt Magellan. Eine chilenische Provinz ist nach ihm benannt, eine Raumsonde, Pinguine, Lammgerichte, Mondkrater und sogar Zwerggalaxien in der Nähe der Milchstrasse werden «Magellansche Wolken» genannt, weil seine Männer sie als erste Europäer am Himmel der Südhalbkugel gesichtet hatten.

Den Kampf gegen den «Mythos Magellan» konnte Elcano kaum gewinnen, erklärt Zulaika. Die gesamte Expedition war die Idee des charismatischen Seefahrers, der zudem einen filmreifen Heldentod starb und die alles entscheidende Ost-West-Passage am Südzipfel Amerikas fand, die nach ihm benannte Magellanstrasse.

Während Magellan für die erste Weltumsegelung in die Geschichtsbücher einging, wurde Elcano grösstenteils vergessen. «Eine historische Ungerechtigkeit. Immerhin hat er die Fahrt nicht nur beendet, sondern auch fast die Hälfte der Entdeckungsreise geleitet», meint Historiker Daniel Zulaika. Aber die Welt ist ja bekanntlich ungerecht, selbst, wenn du sie als erster umrundet hast.

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