Wenn nicht nur der Regen tropft

Die Abteilung Dermatologie des Kantonsspitals Aarau bietet eine spezielle «Schwitz-Sprechstunde» an. Pro Woche werden ein halbes Dutzend Patienten beraten.

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Walter Schwager

Michel Meier (Name geändert), 27-jährig, ist ein attraktiver junger Mann und ein motivierter Student der Iurisprudenz. Er liebt das wortreiche Argumentieren - und er würde auch die Auftritte vor Leuten lieben, wenn da nur etwas nicht wäre: Michel Meier schwitzt! Er schwitzt unter den Armen so stark, dass sich auf seinen Hemden unter den Achselhöhlen dunkle Schweissflecken bilden. Die Angst, dass alle Leute bei seinen Plädoyers auf seine Achselhöhlen starren könnten, hat dazu geführt, dass sich Michel Meier vor seinen Auftritten in der Anwaltskanzlei und im Gerichtssaal fürchtet und begonnen hat, diesen Situationen auszuweichen.
Michel Meier ist mit seinem Problem nicht allein: Ein ähnliches Problem hat die junge Frau, die nicht heiraten mag, weil sie sich vor Schwitzspuren im Hochzeitskleid fürchtet. Oder der Journalist beim Radio, der erfolgreiche Architekt oder der Chauffeur im Postauto. Alle genannten Personen leiden an einem störenden übermässigen Schwitzen, im Fachjargon «Hyperhidrose» genannt.

Was tun? Michel Meier hat die spezielle «Schwitz-Sprechstunde» in der Abteilung Dermatologie des Kantonsspitals Aarau aufgesucht, wo pro Woche etwa ein halbes Dutzend Personen beraten werden. Dermatologen, plastische Chirurgen und Thoraxchirurgen arbeiten dort eng zusammen, um für Schwitzpatienten die beste Lösung zu finden. Tatsächlich haben neue Behandlungsmöglichkeiten dazugeführt, dass heutzutage mehr Patienten mit Hyperhidrose von ihrem Problem befreit werden können.
Während beim Schwitzen am ganzen Körper eine Behandlung mit Medikamenten häufig nur mässig erfolgreich ist, bieten sich beim fokalen Schwitzen (siehe Unterhänger) verschieden Therapieansätze an. Die meisten Patienten -wie Michel Meier - schwitzen nur an einer bestimmten Stelle, beispielsweise in den Achselhöhlen. Eine Aluminiumsalz-haltige Crème hat bei Michel Meier allerdings wenig Wirkung gezeigt. Beim Achselschwitzen gilt deshalb die Behandlung mit Botulinumtoxin als Therapie der Wahl. Das von Bakterien produzierte Gift lähmt nach Einspritzen in die Haut die Nerven, die die Schweissdrüsen zur Schweissproduktion anregen. Die Wirkung hält aber nur etwa ein halbes Jahr an; anschliessend muss die Therapie wiederholt werden. Die Behandlung mit Botulinumtoxin ist auch nicht eine obligatorische Kassenleistung. Die meisten Krankenkassen zahlen heute aber zumindest einen Beitrag an die Behandlungskosten von rund 650 Franken.

Im Kantonsspital Aarau werden bei «Schweiss-Patienten» auch chirurgische Behandlungen durchgeführt - allerdings erst in einem nächsten Schritt. Dabei werden die Schweissdrüsen in den Achselhöhlen entweder herausgeschnitten oder mit speziellen Kanülen abgesaugt. Die Schwitzhemmung ist nicht ganz so gut wie bei Botulinumtoxin, hält aber langfristig an.
Bei Schwitzen an den Händen wird man die Iontophoresebehandlung zuerst versuchen. Dabei werden die Hände in Wasserbecken gelegt, durch die ein schwacher Strom läuft. Die notwendigen Geräte für diese Behandlung werden im KSA für eine Probebehandlung vermietet. Wenn diese erfolgreich verläuft, kann ein Iontophoresegerät käuflich erstanden werden. Die Krankenkassen übernehmen die dafür anfallenden Kosten.

Die Durchtrennung des Nervenstrangs, der zum Schwitzen an Armen und Händen führt, «thorakale Sympathektomie» genannt, führt zu einer lebenslangen Schwitzblockade an den Händen und wäre an sich die beste Behandlung. Leider führt der Eingriff aber bei der Hälfte der Patienten zu einem stark störenden Schwitzen an einer anderen Körperstelle.
Und was hat Michel Meier geholfen? Dank der Behandlung mit Botulinumtoxin hat er seine Praktika erfolgreich überstanden und befindet sich auf dem besten Weg zum erfolgreichen Anwalt. Die junge Frau hat mittlerweile geheiratet, und auch bei den anderen Personen konnte das Problem des störenden Schwitzens in Beruf und Gesellschaft gelöst werden - zumindest für sechs Monate.

Zum Autor: Markus Streit ist Chefarzt der Dermatologie am Kantonsspital Aarau.