Die junge Patientin war ein typisches Beispiel: Immer derart müde, dass sie manchmal sogar mitten im Essen oder beim Spazieren einschlief. Und wenn sie fest lachen musste, sackten ihre Beine einfach unter ihr weg und sie lag für ein paar Minuten bewegungslos am Boden. Für Ramin Khatami, Leiter Kompetenzzentrum Schlafmedizin an der Klinik Barmelweid, war rasch klar: Die junge Frau litt an einer Narkolepsie, einer neurologischen Krankheit, bei welcher der Schlaf-Wach-Rhythmus stark gestört ist.

Eine Krankheit, von der rund 4000 Menschen in der Schweiz betroffen sind, vielleicht viel mehr, die es gar nicht wissen. «Viele Hausärzte kennen die Symptome noch viel zu wenig», sagt Khatami. Tatsächlich sei die Krankheit nicht einfach einzuordnen: «Müdigkeit ist ein sehr verbreitetes Phänomen, jeder zweite Patient klagt bei seinem Hausarzt darüber – da denkt man nicht automatisch an eine Narkolepsie.»

Mitten im Gehen einschlafen

Zwei Hinweise gibt es allerdings: Erstens, wenn die Schlafattacken ganz plötzlich auftreten, zweitens, wenn sie sehr intensiv sind. Das heisst, der Schlaf kann nicht nur bei einer eintönigen, bewegungsarmen Tätigkeit wie beim Sitzen am Schreibtisch zuschlagen, sondern auch beim Plaudern oder unterwegs. Ausserdem können Narkolepsie-Patienten an Schlaflähmungen leiden, bei denen der Geist bereits aus dem Schlaf aufgewacht ist, aber der Körper sich weigert, auf Befehle zu reagieren. «Das ist harmlos und kann auch gesunden Menschen passieren», beruhigt Schlafforscher Khatami.

Auch «hypnagoge Halluzinationen», bei denen sich Traum und Realität vermischen, können ein Anzeichen für eine Narkolepsie sein. Auch diese können aber bei gesunden Menschen auftreten. Ein eindeutiges Symptom hingegen sind die sogenannten Kataplexien: Diese treten in stark emotionalen Situationen auf, am häufigsten wenn jemand fröhlich lacht, aber auch sich heftig ärgert. Dann lässt plötzlich die Muskelspannung nach, und aus bestimmten Körperteilen oder sogar dem ganzen Körper entweicht plötzlich alle Kraft. «Die Betroffenen liegen dann oft am Boden, die kraftlosen Augen geschlossen, und wirken, als wären sie bewusstlos», sagt Khatami. «Sie hören aber alles und sind geistig voll da.» Solche Zustände dauern nur etwa eine Minute, und die Tatsache, dass sie oft im Zusammenhang mit starken Emotionen auftreten und die Personen bei vollem Bewusstsein bleiben, unterscheidet sie eindeutig von einer Epilepsie.

Den Schlafforschern Ramin Khatami und Armand Mensen gaben solche Beobachtungen einen wichtigen Input: Offensichtlich können Emotionen die Muskelkraft beeinflussen. «Es musste also einen Zusammenhang geben zwischen Muskelsteuerung und Belohnungssystem», erklärt Khatami. Tatsächlich: Bei gesunden Patienten produziert der Hypothalamus, welcher Funktionen wie Appetit oder Körpertemperatur reguliert, einen Botenstoff namens Orexin oder Hypokretin. Dieser wiederum stabilisiert den Schlaf- oder Wachzustand, den Narkolepsie-Patienten fehlt er. Khatami und seine Kollegen wollten wissen, wie das zusammenspielt: Sie präsentierten drei Studiengruppen Bilder, die mit witzigen Details verändert wurden.

Eine Gruppe bestand aus völlig gesunden Probanden, eine zweite aus Narkolepsie-Erkrankten, denen das Hypokretin fehlt, und eine dritte aus Parkinson-Patienten, denen der Botenstoff Dopamin fehlt, verantwortlich für Belohnungs- und Glücksgefühle im Hirn. Die Tests zeigten: Beide Botenstoffe sind wichtig. «Gesunde Menschen erfassen eine Pointe und werden dafür vom Hirn belohnt», erklärt Khatami. Bei den Parkinson-Patienten, ohne Dopamin, passierte gar nichts. Narkoleptiker hingegen reagieren anfangs sehr sensibel auf lustige Anreize, aber dann entfällt die Belohnung. «Das Dopamin ist zwar vorhanden, aber ihnen fehlt das Hypokretin, das vermutlich die Dopaminausschüttung anregen müsste.» Statt die Freude auskosten zu können, schlafen sie ein.

Immerhin halbwegs normal leben

Die Studie wurde auf «PLOSone» veröffentlicht, und sie kann helfen, die Therapie von Narkolepsie-Patienten zu verbessern. Mehr noch: «Sie kann Erklärungen für das Belohnungssystem im menschlichen Gehirn liefern», sagt Khatami. Das wiederum ist von grosser Bedeutung für Medizin und Psychologie: «Das ganze Leben ist daran gekoppelt, ob das Hirn belohnt wird.» Gerade mal einen Zehntel lernen wir bewusst, der Rest passiere anatomisch. «Das Belohnungssystem ist also essenziell fürs Überleben.»

Narkolepsie kann bisher nur symptomatisch behandelt, nicht aber geheilt werden. Anregende Medikamente und Mittel, die den Dopaminhaushalt regulieren, können die ärgsten Schlafattacken abwenden und den Betroffenen ein halbwegs normales Leben ermöglichen.

Das ist umso wichtiger, weil diese meist zwischen 14 und 19 Jahren erkranken. Oft können sie nicht ihren Wunschberuf erlernen oder Auto fahren, und auch eine Beziehung wird schwierig. «Vielleicht gelingt es uns dereinst, das fehlende Hypokretin zu ersetzen», sagt Ramin Khatami. «Oder vielleicht erkennen wir, wie die Zellen zerstört werden, und können diesen Vorgang verhindern.»