Forschung
Vielleicht können wir dank neuen Studien Schmerzen bald steuern

Hirnscans zeigen: Auch ohne Krankheit sind Schmerzen echt und sogar messbar. Forscher können mit Hilfe einer neuen Studie zwischen körperlichem Schmerz und «psychologischem» Schmerz unterscheiden.

Claudia Weiss
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Studien zeigen: Bei chronischen Rückenschmerzen hat das Hirn den körperlichen Schmerz übernommen.

Studien zeigen: Bei chronischen Rückenschmerzen hat das Hirn den körperlichen Schmerz übernommen.

Getty Images/iStockphoto

Zuerst spürten die Probanden am Unterarm eine sanfte Wärme. Dann wurde das Gerät immer heisser, bis sie einen ziemlich starken Hitzeschmerz verspürten. Zum Glück handelt es sich um Freiwillige, die an einer Studie über chronischen Schmerz teilnehmen.

«Chronisch» heisst drei Monate und länger anhaltend. Dennoch finden Ärzte oft keine Ursache für das Leiden und schicken die Patienten weiter oder verabreichen ihnen irgendwelche Schmerzmittel.

Diese Schmerzpatienten sind aber nicht, wie ihnen oft unterstellt wird, Hypochonder: Sie stellen sich ihren Schmerz nicht nur im Kopf vor, sondern er ist wirklich da. Aber, wie neuste Forschungen zeigen, steckt dennoch ihr Hirn hinter dem Ganzen.

Schmerz ist eine Art Puzzle

Dank einer neuen Studie können jetzt Forscher unterscheiden zwischen einem Schmerz, dem eine körperliche Ursache zugrunde liegt – eine Verletzung oder eine Krankheit – und einem Schmerz, der von einem Hirnzustand ausgelöst wird.

Bis anhin war Schmerz auch für Experten ein kniffliges Puzzle: Zwar lässt sich ganz genau feststellen, wo im Gehirn beispielsweise die Ohren und Augen mit den Bereichen für Hören und Sehen verlinkt sind. Schmerz hingegen ist viel vertrackter, weil er sowohl körperliche als auch psychische Anteile beinhaltet. So viel nämlich bewiesen schon frühere Studien: Depressionen und Angststörungen können zu Schmerzzuständen führen. Und umgekehrt ertrugen Probanden Schmerz viel schlechter, wenn sie sich zu Studienzwecken die Laune vermiesen liessen.

Heisst das also wiederum umgekehrt, dass wir sozusagen selber einen Weg aus dem Schmerz herbeidenken können? Das wollte Tor Wager von der University of Colorado herausfinden.

Er und sein Team verkabelten dafür insgesamt 114 gesunde Erwachsene mit dem fMRI, jenem Magnetresonanzgerät, das Hirnaktivitäten life mitmessen kann. Zuerst beobachteten sie, wie sich die Hirnaktivitäten veränderten, während sie den Probanden am Unterarm immer grössere Hitze zuführten. Als die Hitze wirklich schmerzhaft wurde, konnten die Forscher deutlich auf dem Scan sehen, wie mehrere Areale des Hirns aktiviert wurden. Und zwar bei allen Teilnehmenden in einem völlig identischen Muster. Wagers Team nannte diese Schmerzsignale fortan die «Neurologische Schmerz-Signatur».

Daraufhin untersuchten die Wissenschafter, ob die Probanden diesen Schmerz allein durch ihre Gedanken kontrollieren könnten: Sie schlugen ihnen vor, sich den Schmerz «neu zu denken», ihn sich beispielsweise als warmes Tuch an einem kühlen Tag vorzustellen. Und siehe da: Die Probanden konnten zwar nicht die neurologische Hirnreaktion abschwächen, wohl aber den subjektiven Schmerz, den sie fühlten.

Und dabei aktivierten sie unbewusst andere Bereiche des Hirns: Jetzt traten plötzlich Regionen in Aktion, die mit dem Nucleus accumbens (verantwortlich für Belohnungsgefühle) und dem ventromedialen Präfrontal-Cortex (verantwortlich für die Unterdrückung negativer Gefühle) verlinkt sind.

Anhand der jeweils aktiven Hirnbereiche können die Forscher jetzt erstmals feststellen, welche Art Schmerz vorliegt. Das könnte beispielsweise Fibromyalgie-Patienten zugutekommen, deren Krankheit wenig erklärt ist, sich aber mit Schmerzen am ganzen Körper bemerkbar macht. Das Problem ist bei ihnen wie bei all den anderen unverstandenen Schmerzpatienten, dass der Schmerz nicht sichtbar ist und bisher auch nicht messbar war.

Hirn übernimmt Körperschmerz

Fast gleichzeitig, so berichtet das Wissensmagazin «New Scientist», untersuchten in Chicago Wissenschafter Patienten mit chronischen Rückenschmerzen. Sie fanden heraus, dass bei diesen Patienten dieselben Hirnregionen tätig waren wie bei der Versuchsgruppe in Colorado, die ihren Schmerz mittels Gedanken modulierten.

Das lässt den Schluss zu, dass bei chronischen Schmerzzuständen der «psychologische» Schmerz den körperlichen Schmerz quasi übernehmen kann. In solchen Fällen nützen Schmerzmittel wenig. Das kann erklären, warum eine Behandlung mit traditionellen Mitteln – vor allem in den USA oft auch mit Opioiden – oft wirkungslos ist. Deshalb erwartet Wager, dass die Schmerztherapie im nächsten Jahrzehnt riesige Fortschritte machen wird: Dank fMRI könnte man feststellen, ob jemand Schmerzmittel benötigt oder eine Psychotherapie.

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