Sabine Hurni

Stress lass nach: Adaptogene Heilpflanzen und wie sie die Resistenz des Organismus verbessern

Der Echte Ginseng unterstützt nach langer Krankheit die Genesungsphase.

Der Echte Ginseng unterstützt nach langer Krankheit die Genesungsphase.

Das Leben erfordert in vielen Bereichen Anpassungsfähigkeit – nicht nur auf emotionaler Ebene, auch der Körper muss sich ständig an neue Situationen anpassen: Zeitumstellung, Temperaturschwankungen, Stresssituationen. Heilpflanzen stärken uns dann den Rücken.

Das Wort «adaptogen» kommt vom lateinischen «adaptare = anpassen». Gemäss der Europäischen Arzneimittel-Agentur EMA sollen adaptogene Heilpflanzen die Resistenz des Organismus gegen ein breites Spektrum an widrigen biologischen, chemischen wie auch physikalischen Faktoren verbessern. Sie lassen den Körper zum Beispiel besser an extreme klimatische Bedingungen gewöhnen, erhöhen seine Leistungsfähigkeit, schützen vor vorzeitiger Alterung und helfen mit, die schädigenden Einflüsse von Stress auf den Körper zu reduzieren.

Das Wissen über solche Heilpflanzen ist keine Erfindung der Neuzeit. Schon unsere Vorfahren und viele Urvölker kannten Früchte und Wurzeln, die ihnen auf langen Wanderungen oder unter widrigen Wetterbedingungen halfen, Kraft zu sparen und sich den Umständen besser anzupassen.

Die EMA hat bislang vier pflanzliche Heilmittel als Adaptogene anerkannt: den Echten Ginseng (Panax ginseng), die Borstige Taigawurzel (Eleutherococcus senticosus), das Chinesische Spaltkörbchen (Schisandra chinensis) und den Rosenwurz (Rhodiola rosea). Während die Taigawurzel und der Ginseng nach längeren Krankheiten die Genesungsphase unterstützen, bewährt sich das Spaltkörbchen mit seinen antioxidativen und leberschützenden Eigenschaften als Anti-Aging-Mittel; und der Rosenwurz ist bei chronischem Stress und Burnout das Mittel der Wahl.

In einer 2012 veröffentlichten Studie nahmen Stresspatienten vier Wochen lang zweimal täglich 200 mg Rosenwurz ein. Schon nach wenigen Tagen nahmen Erschöpfung, körperliche Symptome, Konzentrationsstörungen und Reizbarkeit spürbar ab. Ein ähnlich guter Erfolg zeigte sich bei einer zwölfwöchigen Behandlung von Burnout-Patienten, bei denen die psychischen und körperlichen Symptome deutlich abnahmen.

Nachhaltige Entspannung

Im Gegensatz zu Koffein oder anderen Stimulanzien, die nur einen kurzen Energiekick geben, sorgen die Adaptogene für eine nachhaltige und lange andauernde Entspannung. Grundsätzlich kann man Adaptogene über lange Zeit einnehmen. Machen Sie aber trotzdem zwischendurch eine Pause von zwei bis drei Wochen. Vor allem dann, wenn Sie von einer Pflanze zur anderen wechseln. Aufgrund der eher anregenden Wirkung sollten Adaptogene eher morgens und mittags eingenommen werden.

Der Erfolg der Adaptogene basiert auf ihrem positiven Einfluss auf die hormonelle Achse vom Hypothalamus über die Hypophyse bis zur Nebennierenrinde. Der Hypothalamus koordiniert als Teil des Gehirns wichtige Vorgänge im Körper und ist ein wichtiges Steuerorgan für das Hormonsystem. Er bestimmt, wann welche Menge eines Hormons gebildet wird. Einige dieser Hormone bewirken ihrerseits, dass die Hirnanhangdrüse (Hypophyse) Hormone produziert und ausschüttet. Diese wiederum wirken auf die vielen Hormondrüsen des menschlichen Körpers. Emotionale oder körperliche Stress- situationen, körperliche Anstrengung, der biologische Rhythmus, die klimatischen Bedingungen und viele weitere Faktoren beeinflussen dieses Zusammenspiel.

Wenn wir Stress haben, wird die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse aktiviert, damit die Nebennierenrinde möglichst viel Cortisol produziert. Dieses versetzt uns in eine Art Alarmbereitschaft. Wird der Stress zum Dauerzustand, sorgt der hohe Cortisolspiegel für Bluthochdruck, ein geschwächtes Immunsystem, eine gestörte Schilddrüsenfunktion, Unfruchtbarkeit, einen erhöhten Blutzuckerspiegel usw. Die pflanzlichen Adapto-gene hemmen die Ausschüttung von Cortisol, senken so den Cortisolspiegel und lindern auf diese Weise die stressbedingten Beschwerden.

Hilfe bei Stresssituationen

Neben den vier offiziell anerkannten Adaptogenen gibt es eine Vielzahl weiterer Heilpflanzen mit stressreduzierender Wirkung. Sie haben eine auffallende Gemeinsamkeit: Alle gedeihen unter extremen Klimabedingungen. Einige der wirkungsvollsten Pflanzen wachsen in Gegenden, in denen die Differenz zwischen Sommer- und Wintertemperaturen bis zu 100 Grad Celsius betragen kann.

Vielleicht ist es ja kein Zufall, dass Adaptogene gerade jetzt an Bekannt- und Beliebtheit gewinnen. Wir haben einen tropischen Sommer erlebt, einen äusserst milden Herbst und erwarten mit Spannung, was der Winter dieses Jahr zu bieten hat. Die Wetterkapriolen erfordern vom Körper höchste Flexibilität. Und man muss nicht vor dem Burnout stehen, um sich ein Stärkungsmittel zu gönnen. Es reichen auch kurzzeitige Stresssituationen, bedingt durch Prüfungen, Projekte oder sonstige Ereignisse, klimatische Extreme oder emotionale Krisen, die ein Höchstmass an Anpassung erfordern. Das Adaptogen ändert zwar nichts an der Situation. Aber es ist ein hilfreicher Schwimmgurt, der uns im Strudel des Alltags hilft, den Kopf über Wasser zu halten.

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