Schizophren

Stimmen im Kopf: Ein Computer-Avatar bändigt die Halluzinationen

Die schizophrenen Personen wissen, dass der selbst kreierte Avatar sie nicht verletzen kann.HO

Die schizophrenen Personen wissen, dass der selbst kreierte Avatar sie nicht verletzen kann.HO

Akustische Halluzinationen sind die häufiste Form bei Menschen, die an Schizophrenie leiden. Sie sind oft unaushaltbar – und können Betroffene zum Suizid drängen. Jetzt haben Wissenschafter eine simple Therapie herausgefunden.

Sie kommen aus dem Nichts, diese Stimmen, die zischeln, schimpfen, bedrängen – und die es in Wirklichkeit gar nicht gibt: Akustische Halluzinationen sind die häufigste Form von Sinnestäuschungen bei Menschen, die an Schizophrenie leiden.

Diese Stimmen sind manchmal fast unaushaltbar, sie können die Betroffenen massiv bedrohen oder zum Suizid drängen.

Vielen Patienten helfen Psychopharmaka, meist kombiniert mit einer Psychotherapie. Bei anderen lassen sich die Stimmen mit den bisherigen Methoden nicht zum Schweigen bringen, sie melden sich heftig und über Jahre hinweg.

Nun haben Wissenschafter des Psychiatrischen Instituts am King’s College in London eine revolutionäre Methode herausgefunden, die zumindest einem Teil dieser Menschen künftig helfen kann: eine Avatar-Therapie. Das tönt futuristisch, funktioniert aber ganz simpel.

In einem ersten Therapieschritt kreieren die Patienten ihr virtuelles Geschöpf.

«Dabei ‹zeichnen› sie ihre eigenen Gesichter mithilfe eines Computerprogrammes», erklärt Thomas Craig, Professor für Sozialpsychiatrie an der Universität London, der die Studie leitet.

Genauer: «Sie wählen ein ungefähres Gesicht – männlich, weiblich, ethnische Gruppe, Haarfarbe und so weiter – und können dieses dann beliebig anpassen, so lange, bis es genau das Gesicht wird, das sie wollen.» Dasselbe tun sie mit der Stimme, die sie für diesen Avatar auswählen.

Avatar übernimmt innere Stimme

Dem fertigen Avatar ordnen sie dann ihre innere Stimme zu. «Damit wird etwas, was normalerweise im Innern des Patienten stattfindet, in einen äusseren Raum gestellt, wo man es konfrontieren oder mit ihm reden kann», erklärt Psychiater Craig.

Er vermutet, dass die Therapie deshalb funktioniert, weil sie Patienten und Therapeuten erlaubt, zum ersten Mal etwas zu teilen, was bisher nur die Patienten hören konnten.

Damit das Gespräch echt wirkt, synchronisiert der Computer die Lippen dieses Computergesichts, sodass die Therapeuten mit ihren Patienten via Avatar «in Echtzeit» sprechen können.

Im Laufe des Gesprächs ermutigen sie dann ihre Patienten, dieser Avatar-Stimme mehr und mehr entgegenzuhalten. Damit lernen Betroffene schrittweise, die Kontrolle über ihre Halluzinationen zu übernehmen.

«Eine interessante Möglichkeit, die vor allem mit dem Einsatz der modernen Technologie neue Wege beschreitet», findet Stefan Kaiser, Oberarzt an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich.

Er behandelt zahlreiche Psychosepatienten, unter anderem mit kognitiver Verhaltenstherapie, bei der die Patienten ebenfalls versuchen müssen, die Kontrolle über die Stimmen und damit ihren Alltag zu erlangen.

Ergänzung zu Psychopharmaka

Kaiser glaubt zwar nicht, dass die Avatar-Methode eines Tages den Gebrauch von Medikamenten überflüssig machen wird.

«Aber sie bietet eine gute Alternative, die vielleicht künftig die bisher zur Verfügung stehenden Behandlungsmethoden mit Psychopharmaka und kognitiver Verhaltenstherapie sinnvoll ergänzen kann.»

Entwickelt hat diese Methode unter anderen der inzwischen emeritierte Londoner Psychiatrieprofessor Julian Leff vom Institut für Mentale Gesundheit der Universität London, der auch die Pilotstudie mit 16 Patienten begleitete.

Dabei zeigte sich bei bis zu sieben Therapiesitzungen: Fast alle Patienten meldeten eine Verbesserung und sagten, sie hörten ihre inneren Stimmen weniger häufig und weniger heftig. Bei drei der Patienten hörten die Stimmhalluzinationen sogar vollständig auf – nach 16, 13 respektive 3,5 Jahren.

Leff erklärt dieses Phänomen so: «Auch wenn die Patienten mit dem Avatar interagierten, wie wenn er eine reelle Person wäre, wussten sie, dass er sie nicht verletzen kann, weil sie ihn ja selber kreiert haben.»

Dies ganz im Gegensatz zu den halluzinierten Stimmen, die oft drohen, die Patienten und ihre Angehörigen zu töten oder zu verletzen. «Als Resultat dieser Therapie gewinnen die Patienten das Selbstvertrauen und den Mut, den Avatar und damit ihren Verfolger zu konfrontieren», sagt Leff.

Studie soll Wirksamkeit bestätigen

Falls sich die Wirksamkeit dieser Therapieform in der nächsten Studienphase bestätigt, ist das ein grosser Schritt: Damit könnte endlich jenen geholfen werden, denen Psychopharmaka kaum oder gar nicht nützen. Und anderen Schizophrenie-Patienten könnte es zumindest ermöglichen, ihre Medikamente niedriger zu dosieren.

Die nächsten drei Jahre und die Studie mit 142 Betroffenen, so hofft der Londoner Psychiater Thomas Craig, werden zeigen, wem diese Therapiemethode wie viel helfen kann. «Das Schöne an dieser Therapieform ist ihre Einfachheit und rasche Wirkung», bringt er es auf den Punkt. Das sei ein Unterschied zu anderen Therapien, die teuer seien und oft monatelang dauerten, bis sie eine Wirkung zeigten.

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