Jede Woche sterben in der Schweiz zwei Menschen, weil sie keine Organspende bekommen. Und dies trotz einer Kampagne des Bundes, welche die Spenderzahlen hätte erhöhen sollen. Denn die liegen hierzulande tiefer als in Frankreich (27 Spender/Million Einwohner) und Österreich (25 Spender/Million Einwohner). Bei uns lag die Zahl bei 13 Spendern/Million Einwohner, als der Aktionsplan des Bundes 2013 lanciert wurde. Und sie ist seither lediglich auf 13,3 gestiegen, wie Radio SRF gestern berichtete. Also immer noch markant tiefer als in den Nachbarländern.

Organspenden in Europa

Organspenden in Europa

Fragt sich: Woran liegt das? An der allgemeinen Einstellung der Leute zum Organspenden eher nicht, meint Franz Immer, Direktor der Stiftung Swisstransplant. Auch die Schweizer seien insgesamt positiv eingestellt zur Organspende. Gestiegen sei allerdings die Ablehnungsrate unter den Angehörigen, die entscheiden müssen, ob die Organe eines Verstorbenen zur Transplantation freigegeben werden sollen. Und zwar von 40 Prozent (2012) auf rund 60 Prozent.

Der Wille des Verstorbenen

«In mehr als 50 Prozent der Fälle kennen wir den Willen des Verstorbenen nicht», sagt Franz Immer. Das Transplantationsgesetz verlangt, dass man «aktiv Ja sagt» auf die Frage, ob man nach seinem Ableben die eigenen Organe zur Transplantation zur Verfügung stellt oder nicht. Dafür gibt es die Spenderkarte, die man herunterladen und ausdrucken kann (www.swisstransplant.org). Oder man kann sich die App medical ID aufs Smartphone laden und sich dadurch als Spender identifizieren. Wer seine Organe spenden will, und dies durch die Karte auch bestätigt hat, sollte aber trotzdem mit seinen Angehörigen darüber sprechen. Denn damit lassen sich belastende Situationen in der Intensivstation vermeiden oder abmildern. Die Angehörigen stehen unter Stress, wenn ein Familienmitglied gestorben ist, und sind dann oft überfordert, «im Sinne des Verstorbenen» zu entscheiden. In nur knapp drei Fällen von hundert ist das Kärtchen dabei und damit der Wille des Verstorbenen klar, sagt Immer. Ist beim Smartphone Bluetooth aktiviert, erkennt das Aufnahmespital bereits bei der Einlieferung, dass ein Spendewilliger kommt, und kann bereits entsprechende Massnahmen in die Wege leiten.

Schwere Schädigungen des Gehirns können nach Unfällen eintreten (etwa ein Drittel aller Fälle) oder nach Hirnblutungen, Vergiftungen oder Erstickungen. Der Hirntod muss von zwei unabhängigen Ärzten festgestellt werden, die nicht im Transplantationsprozess involviert sind.

Man muss wissen, dass die Information der Angehörigen, dass der Patient tot ist (das heisst: der Hirntod festgestellt ist), getrennt vorgenommen werden muss von allen Gesprächen, ob Organe gespendet werden sollen. Die Angehörigen sollen auch Zeit und die Möglichkeit haben, mit dem plötzlichen Verlust zurechtzukommen. Das wird manchmal schwierig, weil man die Angehörigen auch nach dem Willen des Patienten fragen muss, bevor der Hirntod feststeht. Es ist erlaubt, bestimmte Massnahmen, die für die Organentnahme nötig sind, bereits vorher einzuleiten. Es kann bis zu zwei Tage dauern, bis der Hirntod wirklich zweifelsfrei festgestellt ist. Während dieser Zeit dürften Massnahmen durchgeführt werden, die für die Organentnahme nötig sind. 72 Stunden nach der Hirntoddiagnose müssen sie aber beendet werden. Eine Organspende ist dann nicht mehr möglich.

Das Konzept des Hirntods ist nicht einfach zu begreifen (Box am Ende des Abschnitts). Gibt es jetzt mehrere Tode? Wählen die Mediziner einfach aus, was ihnen besser passt? Solche Gedanken können auftreten. Die Angehörigen haben den Toten gesehen, durften ihn berühren. Das Irritierende dabei: Ein für hirntot Erklärter wirkt lebend, denn seine Herz- und Kreislauffunktionen sind noch da, er atmet auch. Sein Körper zeigt Reflexe, die den Eindruck hinterlassen, dass er noch lebt. Seine Körpertemperatur kann ansteigen, er kann schwitzen. Das ist für die Angehörigen extrem belastend, wenn sie sich vorstellen, dass der Patient mitbekommt, was vorgeht, dass er gar Schmerz fühlt. Dies ist nicht der Fall, es sind reine Reflexe aus dem Rückenmark. Die Schmerzempfindung erfolgt im Gehirn und das ist abgestorben.

Franz Immer glaubt nicht, dass diese Beobachtungen wesentlich sind, dass Angehörige ablehnen. Aber es gibt sie und sie werden in kontroversen Diskussionen über den Hirntod auch immer wieder vorgebracht.

Die Infrastruktur mache den Unterschied ebenfalls nicht aus, sagt Franz Immer. Die Schweizer Spitäler seien gut aufgestellt, die Abläufe, um Organspender zu identifizieren und die nötigen Massnahmen einzuleiten, seien installiert.

Spenderregister einrichten

Knackpunkt bleibt, dass der Spenderwille nicht besser dokumentiert ist. Frankreich und Österreich haben eine «Widerspruchslösung», man muss explizit festhalten, dass man kein Spender ist. Das Schweizer Parlament hat eine Umstellung des Systems mehrfach abgelehnt. Ebenfalls abgelehnt wurde die Einrichtung eines nationalen Spenderregisters. Es sei zu teuer, beschied der Bundesrat. Swisstransplant erwäge nun, dies nochmals in die Hand zu nehmen, sagt Franz Immer. Anfang September entscheide der Stiftungsrat. Natürlich wolle man das dann mit dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) absprechen. An den Kosten könne es eigentlich nicht scheitern. Neun zusätzliche Stellen, wie der Bundesrat bei der Ablehnung argumentiert habe, brauche es nicht. Swisstransplant habe Kapazitäten.

Eine «automatische Zustimmungslösung» wird es ohnehin nicht geben. Ohne die Zustimmung der Angehörigen werden keine Organe entnommen. Auch wenn der Spenderwille des Verstorbenen dokumentiert sei. FDP-Nationalrat Laurent Wehrli (VD) will nochmals einen Vorstoss für ein nationales Register machen. Und CVP-Nationalrätin Viola Amherd (VS) will auf den ablehnenden Entscheid zum Systemwechsel von 2015 zurückkommen. SP-Nationalrätin Silvia Schenker (BS) war zwar dagegen, sieht aber die Möglichkeit, freiwillig im elektronischen Patientendossier einen Vermerk einzutragen.