Medizin
Krebs-Heilung: Das grosse Geschäft mit dem grossen Versprechen

Rund 3000 neue Krebsmedikamente wurden entwickelt, die besser heilen sollen. Doch wer soll dafür bezahlen?

Anna Wanner
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Rund 3000 Krebsmedikamente sind derzeit in Entwicklung, sagt die Pharma.

Rund 3000 Krebsmedikamente sind derzeit in Entwicklung, sagt die Pharma.

Keystone

Medikamente und deren Preise sind ein ewiges Politikum. Der SP und dem Preisüberwacher können sie nicht tief genug sein. Die Pharmabranche fordert hingegen angemessene Preise für die Finanzierung der Forschung.

Patient im Mittelpunkt?

Der Begriff «personalisierte Medizin» wird häufig als unpräzise oder gar irreführend kritisiert. Es geht weniger um die Persönlichkeit und die Bedürfnisse des Patienten, sondern um den Fortschritt und seine Konsequenzen für die Therapien: Dass genetische und biologische Aspekte eines Patienten bei der Diagnose berücksichtigt werden.

Der Streit wird in Bälde neu entfacht, wenn der Bundesrat bekannt gibt, wie er die Medikamentenpreise festlegen will: An welchen Kriterien soll sich deren Preis orientieren? Die Branche geht derzeit davon aus, dass der Bundesrat mit seinem Vorschlag, den er noch diesen Monat präsentiert, keine Stricke zerreissen wird. Die Preise werden wohl auch in Zukunft anhand ihrer Wirkung und dem Preisvergleich mit dem Ausland bestimmt.

Der wahre Preisschock

In den letzten drei Jahren orientierten sich die Preise an jenen im Ausland und konnten massiv gesenkt werden. Zwar konnten Medikamente tatsächlich billiger bezogen werden. Doch die Einsparungen von rund 700 Millionen Franken sind einfach verpufft.

Die Ausgaben für Arzneimittel gingen insgesamt nicht zurück, weil neue, wirksamere Medikamente die Kosten in die Höhe treiben. Und es ist noch keine Erholung in Sicht. Im Gegenteil.

Rund 3000 neue Krebsmedikamente liegen in der Pipeline und werden derzeit am Menschen erforscht. Viele werden es nicht bis zur Zulassung und in die Routinetherapie schaffen. Trotzdem versprechen sie bessere, auf den Patienten zugeschnittene Therapien. Der Vorteil: Unnötige Behandlungen und starke Nebenwirkungen können verhindert werden.

Andreas Schiesser vom Kassenverband Santésuisse verweist auf weitere Konsequenzen: «Wenn Medikamente nur bei gewissen Genkategorien wirken und den Status von ‹Orphan Drugs› erhalten, also Medikamente für seltene Krankheiten, werden sie einfacher zugelassen. Doch weil die Behandlung sehr spezifisch ist und eine hohe Wirksamkeit hat, steigen die Preise.»

Wirksam und wirtschaftlich?

Wenn die Therapie nicht ein paar tausend, sondern mehrere zehntausend Franken pro Jahr kostet, stellt sich angesichts der fortwährenden Prämiendiskussion auch die Finanzierungsfrage. Oder ob aufgrund der hohen Kosten Medikamente rationiert werden, wie das beim Hepatitis-C-Medikament Sovaldi der Fall ist.

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) gibt an, dass für die Finanzierung neuer Medikamente «die gleichen gesetzlichen Voraussetzungen wie bei den anderen Leistungen» gelten. So müsse für die Vergütung durch die Krankenkasse geprüft werden, ob Arzneimittel und Analysen «bei geringen Fallzahlen oder seltenen Krankheiten» die Kriterien der Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit (WZW) erfüllen. Bloss: Was passiert, wenn die Medis den Kriterien nicht entsprechen?

Das BAG hat 2014 das Krebsmedikament Perjeta von der Liste der kassenpflichtigen Medikamente genommen, weil es die Kriterien verfehlte. Zwar kann es das Leben eines Krebspatienten um etwa acht Monate verlängern – in Fachkreisen gilt das Medikament deshalb als wirksam. Doch dem BAG ist es zu teuer. Die Krankenkassen können im konkreten Fall selbst entscheiden, ob sie Perjeta vergüten wollen oder nicht, weil es sich bei Krebs um eine lebensgefährliche Krankheit handelt.

Die Frage, ob gewisse Medikamente Patienten vorenthalten werden dürfen oder sollen, bleibt aber unbeantwortet.

Der Preis als Nebensache

Probleme könnten gemäss Santésuisse auch bei der Preisfestsetzung entstehen: «Wenn dank eines neuen Medikaments weniger Behandlungen notwendig sind oder man ein qualitativ besseres Leben führt und dadurch Kosten spart, stellt sich die Frage, wie der Preis festgelegt werden soll. Nur weil der Nutzen unendlich ist, darf der Preis nicht unermesslich hoch sein.» Der Preis sei mittels WZW-Kriterien festzulegen.

Unabhängig vom Preis, legen Onkologen grosse Hoffnung auf neue Therapien. «Was sich uns auftut, ist eine technologische Revolution; vergleichbar mit der Einführung des Internets», sagt Beat Thürlimann, Leiter des Brustzentrums im Kantonsspital St. Gallen. Er, der schon zahlreiche Krebsmedikamente der neuen Generation verabreicht hat, hält Kritikern entgegen: «Zwar müssen die Prämienzahler wegen höherer Krankenkassenkosten etwas mehr bezahlen. Doch machen Krebsmedikamente nur etwa 1 Prozent der Gesundheitskosten aus.» Ausserdem sei die innovative Pharmaindustrie für die Volkswirtschaft ein Segen und soll gefördert und nicht gebremst werden.

Aus Sicht des Patienten

Doch auch Ärzte äussern Zweifel: Bei den neuen Medikamenten handle es sich um eine Propaganda der Pharmaindustrie, die lediglich ihre Produkte verkaufen wolle.

Andere warnen vor der neuen Technologie, weil sie den «gläsernen Patienten» fürchten – was die Solidarität unter Versicherten zerstören könnte.

Thürlimann weiss um die Notwendigkeit, zu lernen, mit dem Fortschritt umzugehen. «Der Mensch ist ein ängstliches Wesen und skeptisch gegenüber neuen Technologien.» Das sei immer so gewesen. Visionär sei das aber nicht.

So verlangt er von den Kritikern, den Blickwinkel der Patienten einzunehmen. «95 Prozent der Bevölkerung sind aktuell nicht von einer invalidisierenden oder tödlichen Krankheit bedroht und können sich den Luxus leisten, darüber zu philosophieren, welche Medikamente zugelassen werden.» Die anderen hätten diesen Luxus nicht. «Die brauchen das Medikament. Politik und Industrie müssen mit neuen Preismodellen dafür sorgen, dass dieses beim Patienten auch ankommt.»