Kleinkinder führen fast alles zum Mund, was sie mit Händen greifen können. Die Gefahr des Verschluckens kleiner Gegenstände stellt sich deshalb laufend, aber nie so ausgeprägt wie zur Advents- und Weihnachtszeit.

Grösster Gefahrenherd sind die jetzt allgegenwärtigen spanischen Nüssli: «Verschluckte oder auch in die Nase gesteckte Nüssli oder andere Kleinteile können bei Kleinkindern Atemwegsbeschwerden auslösen und schlimmstenfalls zu einer lebensgefährlichen Atemwegsblockade führen», sagt Nicolas Regamey, Leitender Arzt für Pneumologie am Kinderspital Luzern.

Letzte Woche mussten bei ihnen zwei Kleinkinder notfallmässig operiert werden. «Beim einen wurde ein Nüssli aus der Lunge entfernt, beim zweiten eine Marmel vorgefunden», sagt Thomas Linder, Chefarzt der Klinik für Hals, Nasen, Ohren am Luzerner Kantonsspital.

Neben Glaskugeln und Nüsschen haben auch andere kleine Spielsachen, Plastikteilchen, Rüebli- und Apfelstückchen sowie teilweise auch Erbsen ein grösseres Gefährdungspotenzial.

Spitäler mahnen deshalb regelmässig Anfang Dezember zu erhöhter Vorsicht. «Kinder unter drei Jahren sollten aufgrund des Aspirationsrisikos prinzipiell gar keine spanischen Nüssli essen», betont Ivo Iglowstein, Leitender Arzt Interdisziplinäre Notfallstation von der Stiftung Ostschweizer Kinderspital in St. Gallen.

Und wenn es das trotzdem macht und sich dabei «verschluckt»? Im besseren Fall kann das Kind den Fremdkörper aus der Luftröhre aushusten, im schlimmsten Fall droht akute Erstickungsgefahr. Gelangt der Fremdkörper in die unteren Atemwege, kann er sich in den Bronchien festsetzen. Mögliche Folgen sind Husten, Atemnot und Lungenentzündung. Zu gefährlicher Atemnot kann es auch dann noch kommen, wenn der Fremdkörper durch anhaltendes Husten ungünstig verrutscht.

Keine Todesfälle wegen Nüssli

Immerhin, Todesfälle aufgrund von spanischen Nüssli sind weder in Luzern noch in St. Gallen bekannt, wohl aber aufgrund der Aspiration anderer Gegenstände, wie Ivo Iglowstein sagt.

Dramatisch ist das Geschehen aber oft auch bei glimpflichem Ausgang. Das Kind hustet, kriegt kaum mehr Luft, der Kopf läuft blau an – da kann man als Eltern in grösste Panik geraten. Trotzdem raten die Ärzte: Ruhe bewahren! Das Kind soll nicht durch die Eltern noch zusätzlich aufgeregt werden, so Lungenspezialist Nicolas Regamey. Man solle versuchen, dem Kind den Fremdkörper aus dem Mund zu nehmen. Aber Vorsicht beim Herausholen mit den Fingern: Der Gegenstand könnte so noch weiter in den Rachen gelangen.

Unverzüglich die 144 anrufen muss man dann, wenn das Kind nicht mehr atmet. Säuglinge soll man in diesem Fall mit Gesicht nach unten auf den Unterarm nehmen und auf den Rücken klopfen. Bei Kindern ab einem Jahr wendet man am besten das sogenannte Heimlich-Manöver an: Hände in der Mitte des Kinderbauches verschränken, sodass dieser eingedrückt wird, was das Aushusten des Fremdkörpers unterstützt. Achtung: Diesen Griff wegen Verletzungsgefahr nicht prophylaktisch üben, sondern nur im Notfall anwenden.

Wenn das Kind etwas verschluckt und hustet, aber atmet, sollte man es in Ruhe lassen und beobachten. Bei bleibendem Husten (auch wenn der Gegenstand inzwischen draussen ist) oder sonstigen Atembeschwerden ist es angebracht, den Arzt aufzusuchen.

Die notfallmässige Entfernung von Nüssli und anderen Gegenständen aus der Lunge erfolgt mittels Intubation. Dazu sollte das Kind «nüchtern» sein, bis zum Spitaleintritt nichts mehr zu trinken oder zu essen bekommen. Nachdem der Fremdkörper mit dem flexiblen Endoskop erkannt wird, erfolgt die Entfernung durch ein starres Rohr mit einer Zange.