Zittern

Heidi Grolimund leidet seit ihrer Jugend an Parkinson – und wartete Jahrzehnte auf die Diagnose

Seit bald 50 Jahren hat Heidi Grolimund Parkinson. Trotzdem sagt sie: «Mir geht es gut!»

Seit bald 50 Jahren hat Heidi Grolimund Parkinson. Trotzdem sagt sie: «Mir geht es gut!»

Bald 50 Jahre ist es her, seit Heidi Grolimund am juvenilen Parkinson-Syndrom erkrankt ist. Ein Psychiater missinterpretierte ihr Leiden als Minderwertigkeitskomplex. Die Geschichte einer Frau, die sich – allen Widerwärtigkeiten zum Trotz – nie hat unterkriegen lassen.

Bereits als Kind war Heidi Grolimund klar, dass mit ihr etwas nicht stimmt. «Schon als 14-jähriges Mädchen hatte ich starkes Muskelzittern, wenn ich aufgeregt war», erzählt die heute 65-jährige Rentnerin, die mit ihrem Mann seit 45 Jahren ein kleines Häuschen am Rand von Grenchen (SO) bewohnt. Richtig schlimm sei es nach einem Verkehrsunfall im Alter von 17 Jahren geworden. Ein Motorradfahrer hatte die junge Frau übersehen, es kam zur Kollision und Heidi Grolimund erlitt mittelschwere Kopfverletzungen. Bald nach dem Zusammenstoss seien unerklärliche Symptome aufgetreten, die keinen direkten Zusammenhang mit dem Unfall gehabt hätten, erinnert sie sich. «Oft begann ich regelrecht von innen heraus zu zittern.» Eine Unruhe, die auf Hände und Füsse übergriff.

Unzählige Abklärungen und Arztbesuche folgten, doch selbst der Besuch bei einem Psychiater brachte kein Licht ins Dunkle. Ganz im Gegenteil, sagt Grolimund: «Der Psychiater hat äusserst schmerzhafte Ganzkörper-Elektroschocks mit mir gemacht und mich anschliessend mit der Diagnose ‹Ausgeprägter Minderwertigkeitskomplex› nach Hause geschickt.» Da sie auf keinen Fall in der Psychiatrie habe landen wollen, habe sie ab da versucht, die Symptome, so gut es, ging zu verstecken. «Vor beinahe 50 Jahren ist die Psychiatrie noch längst nicht so weit gewesen wie heute. Und sie hatte einen miserablen Ruf.»

Auch Junge sind betroffen

Szenenwechsel. Wir sitzen in der kleinen Küche von Heidi und Bruno Grolimund. Aus dem Küchenfenster fällt der Blick auf die Wandflue. Auf dem Tisch liegt das iPhone der Rentnerin, das mit einem Klingelton Bescheid gibt, wann sie die nächste Medikamentenration einnehmen muss. Die Füsse und Hände von Heidi Grolimund sind unablässig in Bewegung. Auf die Idee, dass die Muskelkrämpfe, das Zittern und die übermässig aktiven Muskeln mit Parkinson zu tun haben, sei sie durch einen Film über die neurodegenerative Krankheit gekommen. «Doch Parkinson wurde aufgrund meines jugendlichen Alters von den Ärzten lange Zeit ausgeschlossen.» Die endgültige Diagnose habe sie erst im Alter von beinahe 50 Jahren erhalten, so Grolimund. Da die Beschwerden im Laufe der Zeit immer schlimmer geworden seien, habe sie sich Anfang der 2000er-Jahre im Inselspital Bern ein weiteres Mal untersuchen lassen. «Und dort haben die Spezialisten dann das Parkinson-Syndrom diagnostiziert.» Damit ist Heidi Grolimund nicht alleine: Gegen sieben Millionen Menschen leiden weltweit an Parkinson – doppelt so viele wie noch vor 25 Jahren. Forscher gehen davon aus, dass es bis im Jahr 2040 mehr als 14 Millionen sein werden.

Hyperaktiv mit Happy End

Was auf den ersten Blick überraschen mag: Seit der definitiven Diagnose geht es Heidi Grolimund besser als zuvor. Denn: «Erstens erhielten meine Beschwerden so endlich einen Namen, und zweitens konnte man die Medikamente spezifisch auf mich abstimmen», sagt sie. Auch für ihren Mann Bruno, die beiden Töchter und die drei Grosskinder sei die Diagnose kein Problem gewesen. «Sie haben mich ja nie anders gekannt.» Heidi Grolimund lacht und betont: «Mir geht es gut!»

Damit das auch so bleibt, pflegt die «Basteltante» der Kinderkirche «Zytglöggli» ihre vielen sozialen Kontakte, ernährt sich gesund und ausgewogen («ein Glas Smoothie zum Zmorge ist Pflicht») und bewegt sich so viel wie möglich. Unter anderem fährt sie jeden Tag mindestens 10 bis 20 Minuten Velo, turnt einmal pro Woche in der Gymnastikgruppe Lengnau/Grenchen, wo sie gleichzeitig Vizepräsidentin ist, und geht regelmässig in die Physiotherapie. Darüber hinaus leitet Grolimund mit zwei Kollegen eine Selbsthilfegruppe für Parkinsonpatienten und Angehörige, gibt Bastelkurse bei Pro Audito, ist Mitglied in einem Stenoclub und hilft ihrer Tochter spontan in der Küche ihres Sommerrestaurants. Und wenn es ihr ganz schlecht gehe, die Muskeln total verkrampft seien und sie sich kaum bewegen könne, höre sie via Handy ein Hörspiel oder schaue im Fernsehen einen Rosamunde-Pilcher-Film. «Das lenkt ab und tut gut, da es bei der legendären Filmreihe mit Garantie immer ein Happy End gibt.»

Der Blick zu den Sternen

Und auch auf Ferien müssen Heidi und Bruno Grolimund nicht verzichten. Über Weihnachten verreisen die beiden immer für ein paar Tage in die Lenk, und in den Winterferien geht’s für eine Woche in eine Ferienwohnung nach Adelboden. «Zudem machen wir mit Parkinson Schweiz seit vier Jahren regelmässig Bildungs- und Kulturreisen», berichtet Heidi Grolimund. «So waren wir bereits in Istanbul und zweimal in Sizilien.» Eine Reisedestination steht aber nach wie vor ganz oben auf ihrer Wunschliste: «Einmal in meinem Leben möchte ich in der Wüste übernachten», kommt Grolimund ins Schwärmen. «Der Blick in den Sternenhimmel des Südens muss einzigartig sein!»

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