Gastkommentar
Die Schweiz braucht eine unabhängige Kommission, die sich Streitfällen um potenzielle Raubkunst annimmt

Der Einzug der Sammlung Bührle hat im Kunsthaus Zürich einen Hagelstrum ausgelöst. Florian Schmidt-Gabain* legt dar, welche Massnahmen jetzt ergriffen werden müssen.

Florian Schmidt-Gabain*
Florian Schmidt-Gabain*
Drucken
Teilen
Viele Bilder, aber kaum Kontext dazu: Blick in die Sammlung von Emil Bührle im Kunsthaus Zürich.

Viele Bilder, aber kaum Kontext dazu: Blick in die Sammlung von Emil Bührle im Kunsthaus Zürich.

Bild: Christian Beutler/Keystone

Wer im Kunsthausneubau den Dokumentationsraum zur Sammlung Bührle betritt, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass man ihn eher als lästige Pflicht denn als Chance betrachtet. Den Besucher erwarten viel Text, kleine Bilder und eine sterile Vitrine mit einigen Bührle-Archivalien. Videos, Interaktivität und weitere Mittel heutiger Museumsdidaktik fehlen, sieht man von kurzen Audioguide-Passagen zu Provenienzen gewisser Werke ab. Auf der Website des Kunsthauses sieht es sogar noch dürrer aus. Man findet nur den einen Satz:

«Die von Emil Bührle hinterlassenen weltbedeutenden impressionistischen Werke sind mit seiner Tätigkeit als Rüstungsindustrieller und mit der Zeitgeschichte eng verflochten.»

Inhaltlich setzt sich der Dokumentationsraum zwar mit Bührles Waffenlieferungen an Hitlerdeutschland und mit der Provenienzforschung auseinander, die Tiefe der kritischen Auseinandersetzung lässt sich jedoch schon dem Titel des Raums – «Emil Bührle: Industrieller, Sammler, Mäzen» – entnehmen.

Bild: Getty

Dem Hagelsturm der Negativschlagzeilen vermochte der Dokumentationsraum keine Sekunde lang etwas entgegenzuhalten: Ungebremst raste und rast die mediale Geissel wegen der Sammlung Bührle auf das Kunsthaus nieder. Zahlreiche nationale und sogar internationale Titel wie «The New York Times», die FAZ, «Le Monde» und die «Süddeutsche Zeitung» kritisieren das Kunsthaus harsch. Nicht die Nachricht der Erweiterung eilt um die Welt, sondern Schlagzeilen wie «Le Kunsthaus de Zurich contaminé par l’histoire». In den kritischen Reigen eingestimmt haben Mitglieder der früheren Bergierkommission und eine Gruppe von Kulturschaffenden (kunsthaus.website).

Zwar ist zu konstatieren, dass die beachtenswerte Provenienzforschung der Stiftung Bührle teilweise kleingeredet wird, dass manche Berichte sich mehr durch Lust am Anprangern und Besserwissen denn durch Recherche auszeichnen und Differenziertheit oft auf der Strecke bleibt. Dennoch: Das Kunsthaus hätte seine Tragödie abwenden können. Es wusste, dass das Buch «Das kontaminierte Museum» kurz vor der Erweiterungseröffnung erscheint und Bührle ein heisses Eisen ist.

Durch eine kritische Dokumentation im Museum sowie online, vielleicht durch eine begleitende Veranstaltungsreihe, vielleicht durch die Schaffung der Position eines Chief Provenance Officer, vielleicht durch die frühzeitige Ankündigung unvoreingenommener Forschungen wäre die mediale Bührle-Katastrophe verhindert worden. Das Kunsthaus hätte sich als Museum präsentiert, das die Zeichen der Zeit erkennt.

Aktuell in Zürich zu sehen: Diverse Werke aus der Sammlung Bührle.

Aktuell in Zürich zu sehen: Diverse Werke aus der Sammlung Bührle.

Bild: Xandra M. Linsin

Die Chance ist vertan. Doch handeln muss man nach wie vor. Was ist nun zu tun?

Selbstverständlich ist die Dokumentation zur Sammlung Bührle zu verbessern. Auch an einer unabhängigen Überprüfung der Bührle’schen Provenienzrecherchen sollten alle Beteiligten ein Interesse haben. Zu schwer lasten die medial befeuerten Zweifel auf der Sammlung, dem Kunsthaus und der öffentlichen Hand.

Am wichtigsten ist aber, dass durch die Bührle-Diskussion endlich eine Forderung an Auftrieb gewonnen hat, die seit langem zu erfüllen wäre: Die Schweiz braucht eine unabhängige Kommission, die sich Streitfällen annimmt, bei denen es um Kunstwerke geht, die (angeblich) unter dem Druck der nationalsozialistischen Verfolgung veräussert wurden. Aufgabe einer solchen Kommission soll es sein, nicht bindende Lösungsvorschläge zu erarbeiten, wie ein Streit zwischen den heutigen Besitzern eines Kunstwerks und den Erben der früheren, von den Nazis verfolgten Besitzer beendet werden kann.

Die Lösungsvorschläge sollen dabei nicht nur aus Empfehlungen zur Rückgabe oder Nichtrückgabe bestehen. Sie sollen alle möglichen Zwischenstufen abdecken können. Etwa den Verkauf des Kunstwerks unter Aufteilung des Erlöses, die Leistung einer Entschädigungssumme, die Anerkennung erlittenen Unrechts durch entsprechende Hinweise am und im Zusammenhang mit dem Kunstwerk. Ähnliche Kommissionen existieren bereits in Deutschland, Österreich, Frankreich, Holland und Grossbritannien.

Entscheidend sind zwei Dinge: dass eine solche Kommission paritätisch zusammengesetzt ist und dass sie selbst darüber entscheidet, inwiefern auch bei Fluchtkunst, also bei erst nach der Flucht ins Ausland veräusserten Kunstwerken, Rückgaben und andere Lösungen angebracht sind. Damit die Parität der Kommission erreicht wird, müssen ihr Vertreter von Opfern der Nazis, von Museen, des Kunsthandels, (Kunst-)Historiker und Sammler angehören.

Die Vorteile einer Kommission für Raub- und Fluchtkunst bestehen nicht nur in der unabhängigen Betrachtung von Streitfällen, sondern auch in der Kapazität zur Beendigung und Kanalisierung. Man nehme etwa den in den letzten Wochen immer wieder erwähnten Fall Emden.

Max Emden war Eigentümer einer grossen deutschen Warenhauskette und hatte seinen Wohnsitz seit 1933 im Tessin, wo ihm die Brissago-Inseln im Langensee gehörten. Seine Warenhauskette wurde nach der Machtergreifung Hitlers sukzessive enteignet. 1940 verkaufte Emden Monets Bild «Mohnblumenfeld bei Vétheuil», das er in die Schweiz mitgenommen hatte und das sich heute im Kunsthaus befindet, an Emil Bührle. Eine Rückgabeforderung der Erben Emdens hat die Sammlung Bührle 2012 abgelehnt mit der Begründung, Emden sei 1940 noch sehr vermögend gewesen.

Claude Monets «Champ de coquelicots près de Vétheuil» ist Teil der Sammlung Bührle.

Claude Monets «Champ de coquelicots près de Vétheuil» ist Teil der Sammlung Bührle.

Bild: PD

Gäbe es eine Kommission, könnten die Nachkommen ihr den Fall vorlegen und so eine Begutachtung erreichen. Täten sie dies nicht, müssten sie die Nichtrückgabe akzeptieren. Ohne Kommission haben in den letzten Wochen viele Medien vom Hörensagen über den Fall Emden geschrieben, ohne dass damit irgendein Erkenntnisgewinn einherging.

Die Kommission würde schliesslich verdeutlichen, dass das Thema Raub- und Fluchtkunst nicht nur die Sammlung Bührle betrifft, sondern die Kunstschweiz als Ganzes. Das dürfte dem Kunsthaus Zürich nur recht sein. Es ist deshalb zu wünschen, dass es sich der Forderung nach einer Kommission anschliesst.

Zum Autor

Florian Schmidt-Gabain*
Bild: zvg

Florian Schmidt-Gabain*

ist Rechtsanwalt in Zürich, lehrt an der Uni Zürich Restitutionsrecht. Er bewarb sich fürs Präsidium des Kunsthauses Zürich, wurde aber nicht gewählt.

Aktuelle Nachrichten