Die Weinrebe war eines der ersten Opfer der Globalisierung: Zu Versuchszwecken führte man im Laufe des 19. Jahrhunderts nordamerikanische Reben nach Bordeaux ein, mit an Bord gleich mehrere blinde Passagiere: Die Reblaus, der Echte und der Falsche Mehltau. Zügig breiteten sich die Schädlinge in allen europäischen Weinanbaugebieten aus und führten zu dramatischen Ernteverlusten. Bis heute sind Winzer gezwungen, regelmässig Gift zu spritzen, um die damals eingeschleppten Schädlinge in Schach zu halten.

Der Gifteintrag ist dabei beachtlich: Rund 60 Prozent des Fungizidverbrauchs, knapp 90 000 Tonnen Pilzbekämpfungsmittel, gehen in Europa auf Kosten des Weinbaus – der gerade einmal fünf Prozent der Anbaufläche ausmacht. Selbst im ökologischen Weinbau müssen Winzer Kupfer- und Schwefelpräparate einsetzen, um ihre Ernte zu sichern. Der Klimawandel könnte die Situation weiter verschärfen: Denn Wetterereignisse wie Starkregen und anhaltende Trockenperioden fördern den Schädlingsbefall.

Niemand will Pestizide

Zwar ist man europaweit schon länger bemüht, den Kupfer- und Fungizideintrag zu reduzieren, aber die Massnahmen reichen nicht aus. «Die Behandlungen der Reben belasten die Umwelt, sind teuer und schädigen den Ruf des Weines aufgrund möglicher Rückstände», sagt Jean-Laurent Spring, Leiter der Abteilung für Rebenzucht des Weinbau-Forschungszentrum von Agroscope in Pully. So soll in Frankreich die Pestizidmenge bis 2025 um 50 Prozent verringert werden. Und auch die Schweiz und Deutschland wollen den Gifteinsatz im Weinanbau drastisch reduzieren. Was nur auf einem Weg funktionieren kann: Unsere Kulturrebe (Vitis vinifera) muss robuster werden – uns zwar mithilfe von Wildreben.

«Wildreben aus Amerika und Asien tragen im Vergleich zu den anfälligen europäischen Rebenarten in ihrem Genom zahlreiche Resistenzgene», sagt Reinhard Töpfer, Leiter des Instituts für Rebenzüchtung Geilweilerhof in Siebeldingen. Wird die amerikanische Wildrebe etwa von Erregern des Falschen Mehltaus befallen, begehen die infizierten Zellen Selbstmord. Da der Erreger im Inneren der Zellen lebt, wird er mit in den Tod gerissen. Die asiatischen Wildreben hingegen sondern einen Duftstoff ab, der den Erreger verwirrt, sodass er nicht ins Blatt eindringen kann.

Neue Zuchtlinien sind gefragt

Die Reblaus bekam man durch «Veredlung» in den Griff: Winzer pfropften amerikanischen Unterlagsreben, die resistent sind gegen den Wurzelschädling, Zweige der europäischen Reben auf und hatten Erfolg. Gegen die Mehltauerreger helfen nur Gift und ein langer Atem bei der Resistenzzucht: Denn das Vereinen der positiven Eigenschaften von Wild- und Kulturrebe ist gar nicht so einfach: «Amerikanische Wildreben sind resistent, aber qualitativ schlecht. Sie führen zu Defiziten im Ertrag und – weitaus schlimmer – erheblichen Defiziten in der erforderlichen und vom Verbraucher gewünschten Qualität», erklärt Töpfer. Werden Resistenzen erfolgreich in eine Rebe eingekreuzt, werden oftmals weitere Eigenschaften wie schlechter Geschmack etc. mit eingekreuzt. Um die unerwünschten Merkmale zu entfernen, sind zahlreiche Rückkreuzungsschritte notwendig. «Der Aufbau neuer Zuchtlinien erfordert deswegen rund 30 Jahre», so Spring.

Eine führende Rolle in der Zucht pilzwiderstandsfähiger (PIWI) Reben nimmt das Freiburger Staatliche Weinbauinstitut (WBI) ein: Im Programm sind momentan 13 PIWI-Sorten, die gegen den Falschen und Echten Mehltau resistent sind. Darunter der «Johanniter», der dem Riesling ähnelt, oder der «Bronner», der an Weissburgunder erinnert. PIWI-Sorten finden zunehmend Anhänger und selbst Frankreich, das den Trend lange verschlafen hat, holt nun auf. «PIWIs hatten lange Zeit nicht die gewünschte Qualität. Das hat sich geändert und das Interesse der Winzer nimmt stark zu», so Spring, der 2013 den neuen PIWI-Rotwein Divico vorstellte.

So resistent wie möglich

Eine Sorte bereitet Wissenschaftern allerdings Sorgen: Einige neue Stämme des Falschen Mehltaus vermögen auf dem PIWI-Rotwein «Regent» zu wachsen, der bereits 1996 in Europa zugelassen wurde. Die Sorte verfügt «nur» über jeweils einen Resistenz-Genort für den Echten und einen für den Falschen Mehltau den die Erreger überwunden haben.

«Eine Kombination aus mehreren Resistenzfaktoren ist schwieriger zu knacken und damit stabiler», sagt Peter Nick, Leiter der Abteilung Molekulare Zellbiologie am Botanischen Institut des Karlsruher Instituts für Technologie. Erklärtes Ziel der Wissenschaft heute: Rebsorten mit mehreren Resistenzfaktoren.

Die Züchter greift dabei auch zu Methoden der Molekularbiologie: «Dank der sogenannten markergestützten Selektion (MAS) haben wir in den vergangenen zehn Jahren immense Fortschritte erzielt», sagt Töpfer. Dabei identifizieren Forscher schon früh diejenigen Pflänzchen, die die gewünschte Resistenz in sich tragen. Durch dieses sogenannte «smart breeding» züchten Wissenschafter neue Sorten nun in 10 bis 15 Jahren statt in 25 bis 30 Jahren.

Keine Akzeptanz für Gentechnik

Es handelt sich aber nach wie vor um konventionelle Zucht, das heisst, das genetische Material beider Rebenarten mischt sich. Was zwangsläufig zu neuen Sorten führt, die unbekannte Namen tragen. «Der Kunde greift aber gerne zu altbewährtem. Wir müssen also erst einmal Winzer und Verbraucher von der Qualität der neuen Sorten überzeugen», sagt Ernst Weinmann, Leiter des Referats Weinbau und Versuchswesen am WBI.

Hier hätte die Gentechnik theoretisch einen Vorteil: Da nur kleinere Genabschnitte ins Erbgut eingefügt würden, bliebe die genetische Struktur weitgehend erhalten und Sortennamen wie Spätburgunder oder Cabernet Sauvignon blieben bestehen. Doch die Macht der öffentlichen Meinung ist nicht zu unterschätzen: «Derzeit spielt Gentechnik weltweit keine Rolle in der Rebenzüchtung, da es in wichtigen Verbraucherländern keine Akzeptanz dafür gibt», so Töpfer.

Nick hat derweil eine weitere Resistenzquelle ausgemacht: Die Europäische Wildrebe (Vitis sylvestris), die Mutter unserer Kulturrebe. Auch sie wehrt den Falschen Mehltau erfolgreich ab. In Versuchen waren manche Pflanzen ausserdem auch gegen ESCA resistent, einer Holzkrankheit der Reben, die sich immer weiter ausbreitet und deren Ursache noch im Dunkeln liegt. Womöglich schlummern noch andere Fähigkeiten in der vom Aussterben bedrohten Pflanze: «Artenvielfalt», folgert Nick, «ist ein Schatz, den es zu bewahren gilt.»