Forschung
Von wegen Coca-Cola: Schon der Steinzeitmensch litt an Karies

Löcher in den Zähnen gab es schon vor 15 000 Jahren – weit bevor es industriell verarbeiteten Zucker gab. Die Ergebnisse iener neuen Studie bedeuten, dass Karies keine Zivilisationskrankheit ist.

Jörg Zittlau
Drucken
Teilen
Schon der Steinzeitmensch litt an Karies.

Schon der Steinzeitmensch litt an Karies.

Keystone

Softdrinks, Süssigkeiten, Cornflakes und Toast mit Nutella oder Konfitüre – solche Nahrungsmittel hören Patienten in der Regel als Erstes, wenn ihnen der Zahnarzt ein paar Ratschläge mit auf den Weg gibt. Denn der in industriellen Lebensmitteln verarbeitete Zucker, so das Credo der Zahnmedizin, füttert genau jene Bakterien im Mundmilieu, deren saure Ausscheidungen den Zahnschmelz durchlöchern. Doch eine aktuelle Studie bringt diese These ins Wanken. Demnach war Karies schon eine Volkskrankheit, als der Mensch noch nicht Cola und Konfitüre, sondern Mammut und Bärlauch auf dem Speiseplan hatte.

Ötzi hatte schlechte Zähne. Wenn er jemals gelächelt haben sollte, sah man nur noch wenig Zahnfleisch und dafür umso mehr Karieslöcher. Kein appetitlicher Anblick. Aber der Gletschermann aus den Alpen lebte ja auch vor etwa 5000 Jahren, als es schon Brot und Getreidebrei mit vielen Kohlehydraten gab, die das Gebiss während des Kauens mit Zuckersirup fluten. Ötzi taugt also nicht wirklich dazu, um Karies als Zivilisationskrankheit zu brandmarken, denn seine Ernährung war ähnlich wie heute.

52 steinzeitliche Kiefer untersucht

Wer erkennen will, wie weit die Zahnfäule tatsächlich ein Produkt unseres naturentfremdeten Lebensstils ist, muss in der Menschheitsgeschichte weiter zurückgehen. In die Zeit der Jäger und Sammler vor über 15'000 Jahren, als es noch keinen Ackerbau gab. Und genau das hat jetzt ein internationales Forscherteam unter Beteiligung des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie getan.

Als Untersuchungsmaterial dienten Skelettfunde aus der berühmten «Grotte des Pigeons», die 1908 im Osten Marokkos entdeckt wurde und seitdem mehrmals archäologisch erkundet wurde. Durch sie kamen die Forscher um Louise Humphrey vom Natural History Museum in London an die Kiefer von 52 erwachsenen Steinzeitmenschen, deren Gebiss man einer detaillierten Bestandsaufnahme unterzog.

Das Ergebnis offenbarte: Der Beruf des Zahnarztes hätte auch damals schon gute Perspektiven gehabt. Denn über die Hälfte der Steinzeitzähne zeigten typische Karieslöcher, gerade mal 3 der 52 Höhlenbewohner waren kariesfrei. «Das kann man durchaus mit heutigen Industriegesellschaften vergleichen, in denen viel raffinierter Zucker und verarbeitete Cerealien verzehrt werden», erläutert Humphrey. Was natürlich die Frage aufwirft, was damals die Zähne löchrig machte. Denn Cornflakes und Würfelzucker kannte man in der Steinzeit noch nicht.

Aber man kannte die Eiche und ihre Früchte. Wissenschafter gehen mittlerweile davon aus, dass der marokkanische Steinzeitmensch in grossem Stil Eicheln sammelte und lagerte, um im Winter versorgt zu sein. Bei Bedarf wurden die Früchte dann geschält, gekocht, manchmal noch zerstampft und schliesslich verzehrt. Diese Zubereitung brachte es jedoch mit sich, dass der Eichelzucker nicht nur für den Menschen, sondern auch für die Bakterien in seinen Zahnbelägen – vor allem von der Art Streptococcus mutans – optimal verwertbar wurde.

Hinzu kommt, dass man damals den Eiweissbedarf vor allem aus Schnecken deckte. «Die sind zwar selbst nicht kariogen», erklärt Humphrey, «doch sie enthalten abrasive Partikel, die den Zahnschmelz abtragen und dadurch kariogenen Läsionen den Weg bereiten».

Keine Zivilisationskrankheit

Die Zahnfunde aus der Grotte des Pigeons zeigen: Karies ist keine typische Zivilisationskrankheit, und der in industriellen Lebensmitteln verarbeitete Zucker spielt bei ihrer Entstehung nicht die zentrale Rolle, die ihm weithin zugesprochen wird.

Dies bestätigt auch eine Studie der University of Michigan, in der sich die Zivilisation wegen ihrer verbesserten Hygienebedingungen sogar als Kariesschutz herausschälte. Die amerikanischen Forscher kommen nach Auswertung von 36 Studien zu dem Schluss: «Seit der Verwendung von Fluoriden seit Mitte der 1970er-Jahre nahm die Karieshäufigkeit ab, obwohl das Angebot von Zuckerprodukten in vielen Ländern stabil blieb.»

Angstfreier Zuckerkonsum

Man fand nur in zwei Studien einen signifikanten Zuckereinfluss, in den restlichen Untersuchungen aber nur einen mässigen bis schwachen Zusammenhang. «Die Ernährung ist bei Menschen mit adäquater, regelmässiger Mundhygiene und Fluoridverwendung nicht mehr die bedeutsamste Kariesursache», resümiert Studienleiter Brian Burt.

Wer also auf Gebisshygiene und die Verwendung fluoridierter Zahnpasten achtet, muss für die Kariesprophylaxe keinen angstvollen Bogen um den Zucker in seiner Nahrung machen. Wobei der Wert der Fluoride nicht nur darin liegt, dass sie den Zahnschmelz härten. Denn kürzlich entdeckte man unter dem Rastermikroskop der Saar-Universität, dass sie das Heer der Kariesbakterien regelrecht am Zahn abrutschen lassen.

Mit der Folge, dass deren demineralisierende Säuren weitgehend ins Leere gehen. Im Kampf mit den Bakterien verhält es sich eben oft wie in der asiatischen Kampfkunst: Man muss den Gegner nicht vernichten – es reicht schon, wenn man ihn ausser Gefecht setzt.

Aktuelle Nachrichten