Vielleicht ist es Zufall, dass Armin Coray in direkter Nachbarschaft zu ausgestorbenen Geschöpfen arbeitet. Die lassen ihn immerhin in Ruhe. Etwas Symbolisches allerdings hat dieser Ort im vierten Stock des Naturhistorischen Museums in Basel. Denn Armin Coray ist wissenschaftlicher Zeichner, einer der noch wenigen, die auf traditionelle Weise arbeiten, ohne Computer. Er fertigt naturnahe Zeichnungen von Ameisen, Heuschrecken und Käfern, immer von Hand, immer schwarz-weiss. Das wenige, was er zum Arbeiten braucht, sind Papier, Tusche und ein Mikroskop. Manche sagen, Corays Beruf werde es gehen wie dem Mammut vor seinem Büro. Er glaubt nicht, dass es so weit kommt. Aber ändern müsse sich sein Fach auf jeden Fall. Bloss wie?

Armin Coray beugt sich über einen Insektenkasten. Die Objekte, die er zeichnet, sind tot und mit dem blossen Auge nicht gut zu erkennen. Das unterscheidet ihn von Kollegen, die Tage im Feld verbringen, nur um eine Lerche in ihrem natürlichen Habitat zu zeichnen. Corays Büro ist nicht viel grösser als ein geräumiges Wohnzimmer, es gibt eine Abstellkammer mit Sammlungen, eine Holz-Wendeltreppe zu einem leer stehenden Raum. Was es nicht gibt: Computer, Smartphone, Kollegen. Das würde ihn ablenken. Die Fenster bleiben verschlossen, weil es ihm sonst zu laut wäre. Coray ist Anfang sechzig, die Haare werden grau, aber sein Gesicht hat etwas Jungenhaftes. Vor allem, wenn er über seine Arbeit spricht.

Im Insektenkasten auf seinem Tisch stecken lauter kleine schwarze Punkte. Man könnte sie für Fliegenschiss halten, aber es sind die kleinsten Käfer Europas. Zoologen kennen die Winzlinge unter dem Namen Baranowskiella ehnstromi. Sie sind nur einen halben Millimeter gross und leben meist versteckt unter toter Rinde in Baumpilzen. Allein zum Präparieren brauche er für ein solches Exemplar eine halbe Stunde, sagt Coray. Bis alle Fühler und Beinchen ausgestreckt und angeordnet sind, dauere es. Aber der Aufwand lohnt sich. «Gerade die unscheinbaren Lebewesen geben uns einen Einblick in eine fantastische Welt.»

Mangelhafte Fotografien

Doch wozu überhaupt noch zeichnen? Es gibt heutzutage brillante Makroobjektive, mit denen man ebenso hochaufgelöste wie scharfe Schichtfotografien aufnehmen und zusammensetzen kann, sogenannte Stackings. Zudem kann man mit Computern das Objekt drehen, wenden und heranzoomen. Armin Coray kennt solche Fotografien von Insekten, manche findet er gut. Allerdings fallen ihm dabei immer wieder wissenschaftliche Unsauberkeiten auf. Manches Exemplar wird mit abgebrochenen Fühlern oder Flügeln fotografiert, viele seien schlecht oder gar nicht präpariert. Häufig fallen ihm auch Objekte auf, die keine repräsentativen Vertreter ihrer Art sind, weil sie beispielsweise insgesamt zu gross sind oder zu mickrige Fühler haben.

Ebendeshalb hält er die Zeichnung nach wie vor für unverzichtbar. Der Zeichner kann reduzieren und gewichten, er kann manches kräftiger zeichnen und anderes zurückdrängen. Glänzt ein Käfer zum Beispiel sehr stark, dämpft er diesen Glanz in der Zeichnung, weil man sonst Vertiefungen kaum mehr erkennen könne. Er konzentriert sich auf das Wesentliche, immer mit dem Ziel, dass der Betrachter die Details versteht, das Arttypische sieht und die Form begreift. Das ist vor allem dann wichtig, wenn neu entdeckte Insektenarten illustriert oder die Unterschiede verschiedener Arten dargestellt werden sollen. Zudem dürfe die Zeichnung niemanden kaltlassen oder langweilen. «Eine Zeichnung muss auch gefallen», sagt Coray. Sie soll die Insekten lebendig machen. Einzig die Proportionen, da ist er sehr streng, dürfe man auf keinen Fall verändern. Genauigkeit geht dann doch vor Wirkung.

Problematischer sei etwas anderes, sagt Coray. Es erscheint zunächst widersinnig: Ein Nachteil der Fotografie sei, dass sie alles abbilde und jedes Detail zeige. Und damit auch alles, was stören kann; alles, was nicht entscheidend ist für das Erkennen einer Art oder das Zeigen eines Phänomens. Denn darum gehe es am Ende bei einer Zeichnung: um das Erkennen, Bestimmen und Verstehen, um die Vermittlung von Wissen.

Armin Coray ist beides, Künstler und Wissenschafter, ein Hobby-Entomologe, wie er selbst sagt. Im Zweifel allerdings geht die Wissenschaft vor. Auch das unterscheidet ihn von manchem Fotografen. Man muss als Fotograf das Tier nicht verstanden haben, um es professionell abzulichten. Man braucht nur Technik, kaum Wissen. Der Zeichner hingegen muss sich in das Objekt einfühlen, das er darstellen möchte. Er muss das Wesen beobachten und verstehen, er muss wissen, wie es gelebt hat. Wie er das macht? «Ich wandere mit den Augen über die Oberfläche eines Tiers», sagt Coray. Dabei ändert er immer wieder Licht und Perspektive. Und dann beginnt er, sich in das Tier einzufühlen.

Um zu zeigen, wie umfangreich eine Recherche ist, eilt er in den Nebenraum, kommt mit seiner Monografie aus dem Jahr 2001 zurück, «Heuschrecken der Schweiz», vergriffen, wie er stolz anfügt. Langsam fängt er an zu blättern. «Sehen Sie hier, wie das glänzt, und das glänzt auch in echt so», erzählt er. «Und hier die Feldschrecke, von der hatten wir zunächst nur ein schlechtes Foto.» Also musste er raus, ins Gelände, um ein Präparat zu finden. 119 Arten aus der Insektenordnung der Orthoptera hat er am Ende gezeichnet.

Millionen Jahre alte Ameisen

Die Faszination für Insekten hat sich in seinem Leben früh abgezeichnet. Als er 1978 an der Kunstgewerbeschule Zürich wissenschaftliches Zeichnen studiert, beginnt er aber zuerst damit, scheinbar leblose Objekte wie Knochen oder Fossilien auf Papier zu bringen. Während der Vernissage kommt ein Vertreter eines Pharmaunternehmens auf ihn zu, lobt seine Tuschezeichnungen. Ob er Interesse habe, Gräser zu zeichnen? Er stimmt zu. Sein Durchbruch als Zeichner gelingt ihm wenig später am Naturhistorischen Museum in Basel, an dem er bis heute arbeitet. Der Auftrag lautet, fossile Ameisen zum Leben zu erwecken. Fünfzehn Millionen Jahre alt sind die Kerbtiere, konserviert in mexikanischem Bernstein. Coray macht sich an die Arbeit, er ist beeindruckt von Formen, wie er sie noch nie gesehen hat. Seine Werke fallen in der Fachwelt auf. Fortan hat er einen Ruf als Ameisenzeichner, eine fossile Art wird sogar nach ihm benannt.

Armin Coray rät jedem angehenden Biologen: Lerne zu zeichnen. Wer zeichnet, erhält ein Gefühl für das Objekt, kann es viel besser bestimmen und erfährt schliesslich die ganze Variationsbreite einer Art. «Ein kümmerliches Hirschkäfer-Männchen sieht fast aus wie ein Weibchen», sagt er. Deshalb sei es wichtig, als darzustellendes Objekt ein Individuum mit durchschnittlicher Merkmalsausprägung zu finden, einen Hirschkäfer beispielsweise mit typischem Geweih. Gesucht wird immer die Norm. Notfalls müsse man ein passendes Individuum im Feld halt suchen.

Mittlerweile sind zwei weitere Coray-Arten hinzugekommen, beide Käfer. Die Insekten haben ihn nicht mehr losgelassen. Mit welcher Technik er sie zeichnet, führt er am Binokular vor. Als Objekt dient ein possierlicher Fingerfühler-Porling-Pochkäfer, wissenschaftlich Dorcatoma dresdensis, den er in seiner rechten Hand hält. Diese Käfer werden etwa drei Millimeter gross, sie leben in harten Baumschwämmen. «Das ist für mich schon ein grosses Tier», sagt Coray.

Er platziert es auf dem Vergrösserungsglas, schaut ins Binokular und erkennt ein Männchen mit Schönheitsfehlern. Ein Teil des dreigliedrigen Fühlers ist stark verbogen, das muss er schnell zurechtbiegen. Mit einer dünnen Pinzette zupft er kurz an dem Körper herum – fertig. «Lustige Tiere», sagt Coray, «die können sich komplett zusammenklappen, um sich vor Angreifern zu schützen.» Dabei winkeln sie die Fühler an, ziehen ihre Beinchen und den Kopf ein. Einmal eingeklappt, lässt sich ein Exemplar fast nicht mehr präparieren. Nur mit Blausäure bekommt man solche Präparate wieder weich.

Ist das Objekt präpariert, beginnt die eigentliche Arbeit. Der Zeichner legt Lichtverhältnisse und Perspektive fest, dann scannen seine Augen das Insekt. Jedes Härchen zählt. Mithilfe eines sogenannten Zeichenspiegels zeichnet er die Konturen eines Insekts mit einem lanzenartig gespitzten Bleistift auf Papier. Der Spiegel führt zwei Bilder zusammen: Er lässt ihn Insekt und Bleistiftspitze gleichzeitig sehen, sodass er dessen Konturen nachzeichnen kann. Coray zeichnet zunächst jeden Körperteil separat. Nacheinander überträgt er Fühler, Beinchen, Flügel und andere Körperteile als Grobskizze auf Papier, dann notiert er sich den Massstab. Sind alle Körperteile gezeichnet, setzt er das Insekt massstabgerecht zusammen. Das bringt zwar eine gewisse Rechnerei mit sich, aber die Proportionen dürfen nicht verloren gehen. Seine Notizen sind so winzig wie die Tiere, die er bearbeitet – ein Buchstabe pro Kästchen. Steht die Gesamtskizze, kommt der Tuschestift zum Einsatz. Damit beginnt die finale Version. Jetzt muss jeder Strich sitzen.

Mehrere Tage sitzt Coray an einer solchen Zeichnung, für den jüngsten Auftrag brauchte er acht Tage, es ging um die Illustration einer wissenschaftlichen Arbeit über einen noch unveröffentlichten Fühlerkäfer. Von früh bis spät war er in seinem Büro, auch am Wochenende, acht Tage, das sei noch schnell, sagt Coray. Und das Honorar? Er zuckt kurz mit den Schultern. «Ich kann es Ihnen sagen, aber es ist viel zu wenig», sagt er. 1600 Franken habe er erhalten. Aber das sei ihm wurscht. «Ich will eine gute Zeichnung. Punkt.»

Dass ein junger Nachwuchszeichner mit Tusche und Papier in Zukunft noch Geld verdienen kann, scheint unwahrscheinlich. Immer weniger Wissenschaftler und Verlage können oder wollen sich naturnahe Illustrationen von Hand noch leisten. Neben seiner Tätigkeit als freier Zeichner unterrichtet Armin Coray als Dozent an der Zürcher Hochschule der Künste, wo sich wissenschaftliche Illustration immerhin noch studieren lässt. Wenn er sich dort unter den Studierenden umschaut, weiss er, dass darunter keiner mehr ist, der einmal klassisch zeichnen wird. Heute werden Zeichnungen verlangt, die am Computer animiert werden können. Die Aussagekraft der Zeichnung von Hand ist zwar durch nichts zu ersetzen. Doch die Hoffnung, dass dieses filigrane Handwerk überlebt, ist gering.