Virtual Reality

Die Welt durch eine Brille entdecken: So real fühlen sich virtuelle Reisen an

Die Welt durch eine Brille entdecken.

Die Welt durch eine Brille entdecken.

Unser Autor entdeckt die Welt nicht mit dem Flugzeug, sondern mit einer Brille. Ein Erfahrungsbericht über ein ungewohntes Transportmittel.

Kürzlich brach ich auf. Hier in der kroatischen Küstenstadt Split, lässt es sich zwar gut leben. Doch die Schweiz ist immer noch meine Heimat – und die wollte ich besuchen. Ich reiste weder mit Flugzeug, Bahn noch Bus, sondern mithilfe eines neuen, äusserst ungewöhnlichen Transportmittels. Per Brille. Genauer gesagt: mithilfe der Technologie Virtual Reality.

Im November 2016 erschien Google Earth VR, eine neue Version von Googles virtuellem Globus, die von Grund auf für das neue Medium entwickelt wurde. Also setze ich die Brille HTC Vive auf, nehme die Controller in die Hände und los gehts.

Die Erde, inmitten des Weltalls schwebend, ragt vor mir auf. Eine Seite der Kugel leuchtet, die andere ist in Dunkelheit getaucht. Ich gehe etwas näher heran und erkenne im Dunkel die glitzernden Lichter der Zivilisation. Mit dem Controller greife ich nach der Kugel. drehe sie und sehe Afrika, Asien und Amerika an mir vorbeifliegen.

Dann zeige ich auf einen Punkt nordwestlich der Alpen und stürze dem Blauen Planeten entgegen, der sich vor meinen Augen in alle Richtungen ausbreitet. Mein Reiseziel ist Basel, wo ich die letzten zehn Jahre meines Lebens verbracht habe. Als ich über die Alpen hinwegfliege, wird mir bewusst, dass ich in den letzten Monaten immer seltener an die Schweiz gedacht habe. Während ich über diesen Umstand nachsinne, treten unter mir allmählich die Häuser Basels hervor. Kurze Zeit später bewege ich mich mit Riesenschritten durch die Stadt, die sich wie eine riesige Modellbauwelt um mich herum ausbreitet.

Basel, die Geisterstadt

Danach lasse ich mich auf die Grösse eines Menschen schrumpfen und besuche der Reihe nach die Orte, die mir etwas bedeuten: das Universitätsgelände, die äusseren Quartiere, und den Park, in dessen Nähe ich wohnte. Wirkte das virtuelle Basel aus der Entfernung noch sehr real, verflüchtigt sich jetzt die Illusion, eine echte Stadt vor mir zu haben: Die 3-D-Modelle wirken noch grob und deren Oberflächen eilig bemalt. Aus der Nähe sieht das virtuelle Basel aus, als hätte der Verhüllungskünstler Christo sie unter bunten Tüchern versteckt.

Zum Schluss besuche ich Kleinbasel und schwebe die Rheinpromenade hinab. Mit dem Controller greife ich nach der Sonne und schleife sie entlang ihrer Bahn bis zum Horizont, sodass es Nacht wird und die Sterne hervortreten. Und während ich so am Rhein sitze, allein in dieser Geisterstadt, die zugleich Basel ist und nicht ist, überkommt mich urplötzlich ein rasendes Heimweh, das noch Stunden andauert und mich in den folgenden Nächten wieder und wieder von meiner alten Heimat träumen lässt.

Erfahrungen wie diese zeigen, dass Google Earth VR zu den besten Anwendungen gehört, die Virtual Reality derzeit zu bieten hat. Man könnte sagen, dass Google Earth in der virtuellen Realität sein ideales Medium gefunden hat: Weil die Welt nicht flach, sondern räumlich und begehbar ist, funktioniert das Programm in Virtual Reality wesentlich besser als auf einem Bildschirm.

Mithilfe der virtuellen Realität kann das digitale Gegenstück unseres Planeten zum ersten Mal annähernd so erfahren werden, wie die echte Welt. Man sieht sie nicht bloss, sondern erfährt sie. «Es liegen Welten dazwischen, ob man eine Beschreibung darüber liest, wie es ist, durch Paris zu spazieren, man ein Video über Paris anschaut oder man Paris tatsächlich besucht», sagt Clay Bavor, der Leiter von Googles VR-Abteilung. Virtual Reality ermögliche es den Menschen, Dinge direkter zu erleben, und gewähre ihnen einen breiteren Zugang zu dieser Art Information. Die Mission von Google ist bekanntlich, Wissen zu organisieren und universell verfügbar zu machen. Das können Worte, Bilder, Videos sein – oder Erfahrungen, wie sie die virtuelle Realität vermittelt. Clay Bavor glaubt sogar, dass Erfahrungen die reichhaltigste Form von Wissen sind.

In Google Earth VR ist erst ein verschwindend geringer Teil der Erdoberfläche als 3-D-Modell umgesetzt, und selbst diese Gebiete spiegeln das Erscheinungsbild der Welt nur ungenügend wider. Sollte sich das ändern, könnte man in Zukunft virtuelle Bildungsreisen unternehmen oder die architektonische Entwicklung von Städten beobachten. Google Earth VR kratzt derzeit nur an der Oberfläche dessen, was möglich wäre, wenn die Welt erst einmal vollständig digitalisiert ist.

Bis zur Hyperrealität

Aber besteht dadurch nicht die Gefahr, dass die virtuelle die reale Welt eines Tages ersetzt? Werden Menschen überhaupt noch vor die Türe gehen wollen, wenn Google die ganze Welt in einer VR-Brille unterbringen kann? Der französische Philosoph Jean Baudrillard sah in der fortschreitenden Digitalisierung eine grosse Gefahr. Die Menschheit würde an einen Punkt kommen, an dem sie zwischen dem Reellen und Virtuellen nicht mehr unterscheiden könne. Dann gäbe es nur noch das «Hyperreale», das auf keinen realen Gegenstand mehr verweist, warnte der Philosoph.

Kürzlich stattete ich Basel erneut einen Besuch ab. Dieses Mal real, ganz konventionell mit dem Flugzeug. Ich war auf der Durchreise und hatte nur wenig Zeit, sodass es lediglich für einen kurzen Spaziergang den Rhein entlang reichte. Zu meinem Erstaunen hat der Aufenthalt im realen Basel keine so starke Wehmut ausgelöst wie der Besuch mit der Virtual-Reality-Brille. Vielleicht lag das daran, dass das virtuelle Basel unvollendet und nur ein Modell der wirklichen Stadt war. Wie ein Traumgebilde konnte es zu einer Projektionsfläche meiner Erinnerungen und Gefühle werden. Am Ende war es also nicht das reale Basel, sondern sein virtuelles Gegenstück, das Erinnerungen an reale Begebenheiten hervorrief.

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