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Eine Innerschweizerin besucht den Thurgau – und bereut es trotz Dauerregen nicht

Heute gibt es noch 222 967 registrierte Hochstammfeldobstbäume im Kanton Thurgau.

Heute gibt es noch 222 967 registrierte Hochstammfeldobstbäume im Kanton Thurgau.

Unsere Autorin wollte seine Sonnenseite kennen lernen. Als sie den Thurgau erkundete, war das Wetter aber schlecht. Weshalb sie sich trotzdem mit dem Apfelkanton anfreundete.

Lieber Thurgau! Dich wollte ich kennen lernen. Deine lauschigen Badeplätze, dein mildes Klima, deine Palmen. Stell dir vor, Lonely Planet hat deinen Bodensee zum «Mittelmeer» erklärt. Im Vierwaldstättersee, meinem Haussee, hat sich das Meer noch nie gespiegelt. Da stehen zu viele Berge herum. Die machen jede Illusion kaputt.

Ich wollte ihn erleben, den Blick in die Unendlichkeit. Bekannte haben mir erzählt, wie sich der Hafen von Romanshorn, der grösste der Bodenseeregion, während der Pandemie dieses Jahr belebt habe.

© Keystone

Dass sich Menschen an Food-Trucks verköstigen, sich sonnenbaden wie an der Riviera. Auch Lonely Planet hat mir das Blaue vom Himmel versprochen. Was für eine schöne Gegend das sei. Aber vom Himmel kam nur Regen. Viel Regen. Und die freie Sicht aufs Mittelmeer ist Utopie geblieben.

Lieber Thurgau! Ich weiss, das ist nicht fair. Du hättest so viel zu bieten: deine Klöster – allen voran die zum Hotel, Gutsbetrieb und Museum umfunktionierte, wunderschöne Kartause Ittingen, deine 900 Kilometer Velowege, deine 150 Kilometer Inlineskating-Routen und deine 62 Kilometer Seeufer.

Als ich und meine Kleinfamilie mit dem Auto durch einige deiner vielen Dörfer fuhr, die vielen Kreisel umrundete (alles ist rund an dem Kanton, nicht nur das Fallobst, von dem es eine Menge gibt), dachte der halbe Thurgauer Gabriel Vetter gerade am Radio über die Frage nach, ob wir nicht alle eine Einheitswurst seien.

Gabriel Vetter Schriftsteller und Kabarettist

Gabriel Vetter Schriftsteller und Kabarettist

Und da fiel mir auf, dass bei Dauerregen die Schweiz von Basel bis Genf tatsächlich gleich aussieht.

Der Säntis hüllt sich in Nebel

Also haben wir es mit Humor und in einem Indoorspielplatz mit unserer eineinhalbjährigen Tochter ein Kügelibad genommen und gestaunt darüber, dass im Freizeitcenter 1001 in Amriswil die von der Decke baumelnden Schaumstoffkugeln aussehen wie Coronaviren.

© zvg

Später, auf einem Balkon des idyllisch gelegenen Golf- und Wellnesshotels in Lipperswil, wenige Minuten entfernt vom grössten Freizeitpark der Schweiz, dem Connyland, hätte sich uns der Blick über sanfte Hügel auf den Säntis eröffnen sollen. Doch der Säntis blieb ein «Hörberg», wie ihn eine Bekannte einmal bezeichnete.

Ein Berg, den man vom Hörensagen kennt, weil er sich immer in Nebel hüllt, wenn man ihn besucht. Und als Luzernerin fühlte ich mich dir, lieber Thurgau, plötzlich sehr verbunden. Auch wir Luzerner sind froh, wenn wir unseren Pilatus einmal ohne Regenwolke sehen. Ich habs dem Säntis nachgesehen. Bekannte Berge sind eben Diven. Und Diven verzeiht man alles.

Am Bahnhof in Romanshorn habe ich gelernt: Wie wir Zentralschweizer habt ihr Thurgauer eure Gründungslegende, an die ihr glaubt oder für die ihr euch schämt. Keinen Tell und keine Tellsplatte, dafür ein Mocmoc. Auch 17 Jahre später steht es vor dem Bahnhof Romanshorn auf einem Sockel, das kleine gelbe Plastikwesen, eine Kreuzung aus Pokémon und Disney-Figur, das euch weltberühmt gemacht hat.

© Keystone

Mehrere Autokollisionen, deren Spuren man am Sockel erkennt, und eine Volksabstimmung, die seine Versetzung forderte, hat es überlebt. Das Mocmoc wurde nie vom Blitz getroffen, wie sich das ein Leserbriefschreiber einst gewünscht hat. Auf den Sockel gehoben wurde das Mocmoc im Jahr 2003 vom Künstlerduo Com & Com und von der Gemeinde Romanshorn, samt erfundener städtischer Gründungssage. Ein Fischerjunge namens Roman soll das Horn des knuffigen Wesens verwendet haben, um die Stadt vor den Flammen zu retten.

Und bei der Enthüllung von Mocmoc hat der damalige Gemeindepräsident Max Brunner verkündet:

Die Romanshorner haben es zuerst geglaubt, waren dann entsetzt über die enthüllte Plastikfigur und dann ziemlich sauer, als sie merkten, dass die ganze Welt sich über sie mokierte. Ob das heute noch so ist? Mein Thurgauer Kollege beruhigt: Man habe sich ans Mocmoc gewöhnt. Trotzdem bekomme ich Mitleid mit dem Wesen, das da allein im Regen steht, weil Romanshorn im Regen eine Stadt ohne Menschen ist.

Immerhin, denke ich, steht das Mocmoc nicht für irgendwelche leere Tugendbegriffe, sondern für nichts, wirklich gar nichts. Deshalb ist das Mocmoc für mich seit meinem Besuch in Romanshorn das ehrlichste Denkmal, das ich je gesehen habe. Auch meiner kleinen Tochter hat es gefallen. Sie hat dem Mocmoc bei strömendem Regen zum Abschied freundlich zugewinkt.

Wir sind nicht in den Mostindien-Express eingestiegen, der gerade in den Bahnhof Romanshorn einfuhr.

© Nana do Carmo / TZ

Die über 100-jährige Dampflok mit der historischen Zugskomposition der ehemaligen Mittelthurgau-Bahn ist hier in einem Depot zu Hause und tuckert eindrücklich langsam an speziellen Anlässen durch die Gegend.

Kurzer Halt im «Museum of Modern Öpfel»

Dafür sind wir weitergefahren, ins 2018 eröffnete Mosterei- und Brennereimuseum Momö nach Arbon, im Volksmund «Museum of Modern Öpfel» genannt. Als jemand, der aus einem Kanton kommt, in dem mehr Schweine leben als Menschen, wollte ich wissen, ob der Thurgau mehr Obstbäume als Einwohner zählt. Das von der Mosterei Möhl initiierte, liebevoll gestaltete Museum entführte uns detailreich in die Welt des Obstanbaus.

© zvg

Und was lerne ich da, lieber Thurgau? Dass auf deinem Boden ein grausamer «Baummord» verübt wurde. Mehr als eine halbe Million Obstbäume sollen in der Nachkriegszeit der Axt zum Opfer gefallen sein. Weil mit Äpfeln nach dem Krieg nicht mehr zu geschäften war.

Heute gibt es noch 222 967 registrierte Hochstammfeldobstbäume im Thurgau, denen 276 472 Einwohner gegenüberstehen. Der Mensch hat wieder überhandgenommen.

Lieber Thurgau! Du hast alles richtig gemacht. Das Wetter hat dafür gesorgt, dass du viele deiner Geheimnisse für dich behalten durftest. Ich komme wieder und werde ihn hoffentlich geniessen, den Blick aufs Mittelmeer.

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