Videospiele
Super Mario ist zurück – mit dem best-bewerteten Game aller Zeiten

Er ist der beliebteste Videospielheld, das neue Game «Super Mario Odyssey» gar das beste Spiel überhaupt. Marios seit 30 Jahren anhaltender Erfolg erinnert an den der Rolling Stones – dabei ist er eigentlich ein typischer Beatle.

Raffael Schuppisser
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Super Mario Odyssey
10 Bilder
In "Super Mario Odyssey" wird Prinzessin Peach – wieder einmal – von Bowser entführt.
Mario verfolgt Bowser im Zylinder-Ballonflugzeug.
Erneut gibt es allerlei zu entdecken in den verschiedenen Welten.
Weitere Bilder aus dem neuen Spiel.

Super Mario Odyssey

Nintendo

In der Zeit, in der er gross geworden ist, in den 80er- und 90er-Jahren also, hatte Super Mario nur einen, aber einen bedeutenden Konkurrenten: Sonic der Igel. Mit ihm lieferte sich der italienische Klempner ein Duell, das die Videospielgeschichte geprägt hat: Sie hüpften und rannten um die Gunst der Spieler, schenkten sich keine goldene Münze, kämpften um jedes Extraleben.

Es war ein Duell der Superstars – vergleichbar mit jenem, das die Rolling Stones und Beatles in den 1960er-Jahren ausgetragen haben. Hier wie dort waren die Positionen klar bezogen: Der freundliche, stets gut gelaunte Super Mario wirkte wie ein Beatle; der rebellische Draufgänger Sonic wie ein Rolling Stone. Um den Mann mit der roten Schirmmütze durch die stimmig komponierten Levels zu navigieren, war mehr Präzision als Tempo gefragt; mit dem blauen Igel jedoch begab man sich auf einen furiosen Ritt mit zahlreichen Loopings, sodass man bald nicht mehr wusste, wo einem der Kopf stand.

Klar, dass Mario bei den Eltern besser ankam. Blickten sie ihrem Kind über die Schultern, so verstanden sie zumindest halbwegs, was da auf dem Bildschirm vor sich ging, konnten vielleicht sogar nachvollziehen, dass dieses «Knopfgedrücke» reizvoll sein kann. Dass der Gameboy und die Konsole NES ein gutes Stück billiger waren als die leistungsstarken Pendants von Sega, trug dazu bei, dass das Gros der guterzogenen Mittelstandkinder mit Super Mario sozialisiert wurde.

Mit einem Igel auf Speed kämpfen

Die rebellischen unter ihnen verschafften sich dennoch Zugang zu einem Sega Mega Drive – und erlebten, wie es sich anfühlt, mit einem Igel auf Speed gegen einen wahnsinnigen Wissenschafter zu kämpfen, der Tiere misshandelt und zu Robotern transformiert. So sah die (Videospiel-)Welt vor dem Millennium aus, bevor sich die Firma Sega mit der Konsole Dreamcast 1999 verspekuliert hatte – und sich aus dem Hardware-Geschäft zurückziehen musste.

Seither ist Sonic – abgesehen von ein paar wenigen Nebenrollen in zweitklassigen Spielen – von der Bildfläche verschwunden. Ganz anders Super Mario. Er ist präsent wie eh und je.

Auch iKids lieben Mario

Eben ist «Super Mario Odyssey» erschienen, ein Spiel, das nicht nur den Verkauf der Nintendo-Spielkonsole Switch ordentlich ankurbelt, sondern auch Videospielkritiker in ein gemeinsames Loblied einstimmen lässt. Auf dem Portal Metacritic – das aus den Testwertungen der Fachmagazine einen Durchschnittswert ermittelt – führt «Super Mario Odyssey» neu mit 98,83 Prozentpunkten die Rangliste an. Es hat damit das Spiel «Super Mario Galaxy» aus dem Jahr 2007 entthront und ist, wenn man so will, objektiv gesehen das beste Game aller Zeiten.

Der Trailer zum neuen Spiel:

Natürlich ist die Storyline dieselbe wie beim ersten «Super Mario Bros» vor 32 Jahren: Der Bösewicht Bowser entführt Prinzessin Peach, und Mario tritt als grosser Retter auf. Selbstverständlich geht es wieder darum, eine Vielzahl von Geschicklichkeitsprüfungen zu meistern, im richtigen Moment zu springen, sich rechtzeitig zu ducken. So funktioniert nun mal das Jump ’n’ Run, das Ur-Genre des Videospiels.

Eine neue Funktion erhält hingegen die Mütze Marios: Wirft der Klempner sie auf einen Gegner, schlüpft er in dessen Gestalt. Super Mario ist dann einmal eine Kanonenkugel, einmal ein hüpfendes Irgendwas, ein Stein oder ein Tyrannosaurus Rex. Neu ist ebenfalls, dass der Held aus dem Pilzland nicht nur durch fantastische Welten rennt, sondern auch in realistischer anmutenden Umgebungen unterwegs ist – etwa in einer an New York erinnernde Grossstadt.

Puristen mögen diese Neuerungen in einem Super-Mario-Spiel zuerst überfordern, aufgeschlossene Geister finden sie von Anfang an witzig; am Schluss verfallen alle dem Spielspass. «Super Mario Odyssey» einwickelt einen Sog, der einen förmlich ins Spiel zieht. Das Design der Levels, die Musik, die Moves Marios, die ansteigende Schwierigkeit der Herausforderungen, die gleichzeitig abfallenden Belohnungen, all das greift ineinander und entfaltet sich zu einem stimmigen Ganzen. So funktionieren herausragende Videospiele. Das ist Super Mario.

Der Held von einst ist noch immer der Held der Stunde. Dabei haben es doch so viele – der Schreibende eingeschlossen – anders prophezeit. Super Mario müsse im Smartphone-Zeitalter den Sprung auf den Touchscreen schaffen, haben sie gerufen, nur hier sei die Generation iKids noch abzuholen. Unterdessen gibt es Super Mario tatsächlich fürs iPhones und für Android-Handys. Doch «Super Mario Run», das bei weitem kein schlechtes Spiel ist, trug wohl wenig bei zum Erfolg der Marke Mario. Die Download-Zahlen waren mässig, und hätten sie es bei Nintendo nicht gewagt, ihren Superstar auf den Handybildschirm zu schrumpfen, weniger bekannt wäre er wohl nicht. Trotz «Angry Birds», «Candy Crush Sage» und wie die andern kurz, aber umso heftiger gehypten Mobile-Games auch heissen, Super Mario hat in der Generation, die nach dem Gameboy aufgewachsen ist, ebenfalls seine Fans.

Ein Band zwischen Generationen

Super Mario, der in jedem Spiel gut gelaunt durchs Pilz-Land hüpft, ist charakterlich ein Beatle, sein Erfolg aber ist Rolling-Stones-gleich. Den Stones, obwohl scheinbar aus einer anderen Zeit stammend, gelingt es heute als eine der wenigen Bands, die grössten Stadien zu füllen; Super Mario, scheinbar ein Relikt aus der Urgeschichte des Videospiels, schafft es noch heute, Mengen von Gamern dazu zu bringen, eine neue Spielkonsole zu kaufen. So wie es in der Rockmusik niemanden gibt, der die Stones an die Wand spielt, so ist weit und breit keine Jump-’n’-Run-Figur ersichtlich, welche Super Mario davonziehen könnte.

An ein Konzert der Rolling Stones pilgern schon lange Teenies, die Grosskinder des grossen Mick Jagger sein könnten, und «Super Mario Odyssey» spielen schon lange die Väter mit ihren Kindern.

Dabei wird anfänglich stets abgewechselt: segnet Mario das Zeitliche, wandert der Controller von den kleinen in die grossen Hände. Irgendwann aber bilden sich Spezialfähigkeiten aus – und je nach Herausforderung übernimmt die ältere oder die jüngere Generation das Zepter. In «Super Mario Odyssey» bietet sich eine solche Rollenaufteilung besonders an, denn in die 3-D-Welt schieben sich immer wieder einmal flachgepresste Spielabschnitte, in denen es wie in den 80ern darum geht, von einer Seite des Bildschirms zur anderen zu rennen und zu hüpfen, klar Vatersache.

Letztlich gelingt es «Super Mario Odyssey» also, Generationen zu verbinden. An einem verregneten Sonntagnachmittag mag das einfach nur schön sein. Für die Popkulturgeschichte ist diese Erkenntnis aber essenziell: Wie in der Musik gibt es auch im Videospiel das Herausragende, das zeitlos ist und die (Pop-)Welt zusammenhält.