Keine Kameras, keine Selfie-Sticks. Filmen ist nicht erlaubt. Beim heutigen Konzert der Super-Diva Rihanna im Letzigrund in Zürich muss aus Sicherheitsgründen fast alles draussen bleiben. Doch der Star aus Barbados würde am liebsten noch etwas anderes aus ihrem Publikum verbannen: die Handys ihrer Fans.

Bei einem Auftritt Ende Juli forderte die Sängerin die Besucher auf, ihre Telefone wegzulegen. Sie sollen sich auf ihre Musik konzentrieren – und nicht auf die Smartphones: «Ich will nicht sehen, wie ihr euren Freunden oder Freundinnen schreibt. Ich will nicht sehen, dass ihr hier irgendwelche Pokémon fangt», wies die Musikerin die Besucher zurecht.

Um die R-’n’-B-Künstlerin nicht zu verärgern, sollte man sein smartes Phone heute Abend vielleicht tatsächlich in der Tasche lassen. Sonst könnte es einem so ergehen wie einer Dame im Publikum von Sängerin Adele.

Die Britin unterbricht mitten im Konzert und spricht die Frau direkt an: «Könntest du bitte aufhören, mich zu filmen. Ich bin doch hier, in echt.» Sie wünsche sich, dass sie die Show live geniesse, anstatt durch eine Kamera. Den Beweis für Adeles Schimpferei gibt es – logischerweise – auf Video.

Adele bittet einen Fan, sie nicht mit dem Handy zu filmen

Handy bleibt draussen

Die Debatte um Handys bei Konzerten heizt sich immer weiter auf. Viele Stars sind ob der Handy-Hochhalterei genervt und tun ihren Ärger über «Mobile-Zombies» öffentlich kund.

Einige gehen gar so weit, dass sie Smartphones verbieten. Die Reunion von Guns N’ Roses im L.A.-Kult-Club Troubadour war handyfrei. Bei Alicia-Keys- Konzerten werden den Besuchern die Handys zwar nicht abgenommen, dafür aber in kleine Smartphone-Gefängnisse gesteckt.

Konkret: Das Silicon-Valley-Start-up «Yondr» hat einen Neoprenanzug für Telefone entwickelt, der sich ähnlich wie Kleidungsstücke im Laden nur von einer speziellen Aufschliess-Station abnehmen lässt.

So darf man das Telefon wenigstens mitnehmen, schliesslich lässt es doch heute niemand mehr zu Hause. Nach der Show wird es vom Personal entriegelt.

Apple tüftelt an einem anderen Ansatz, um die Filmerei und Knipserei an Konzerten zu verhindern. iPhone-Kameras sollen künftig per Infrarot-Licht manipuliert werden können. Das Gerät stände auf der Bühne und würde mit dem Signal die Kamera am Handy deaktivieren.

So weit sind wir noch nicht. Aber immerhin gab es diesen Sommer in der Schweiz das erste Open Air, das ein Handyverbot aussprach. Auf dem Silo Festival im Kanton Zug waren keine Telefone auf dem Gelände zugelassen.

Warum aber sind Stars von der Knipserei genervt? Schliesslich verhelfen ihnen Videos, Facebook-Likes und Posts auf sozialen Plattformen zu Ruhm. Sie sind darauf angewiesen. Verdienen damit Geld.

Klar, dass es irritiert, wenn Konzertbesucher alles durch einen Mini-Bildschirm erleben, anstatt der Live-Performance zu folgen. Manchmal wollen sie wohl unveröffentlichte Songs spielen und verhindern, dass diese im Netz auftauchen.

Zweitens wollen sie nicht mit unvorteilhaften Posen im Internet landen, was ja dazu führen könnte, dass mehr über geplatzte Hosen und Orangenhaut als über ihre Musik gesprochen wird.

Ich poste, also bin ich

Den Fans aber geht es bei der Dokumentiererei gar nicht um die Stars. Es geht um sie selbst. Sie wollen der Welt draussen klarmachen, dass sie drinnen sind. Dazugehören. Statusoptimierung und Selbstdarstellung. Ganz nah beim Star. Dieser Eindruck muss sofort vermittelt werden. Schicken, teilen, posten. Was nicht sofort geshart wird, gerät in Vergessenheit.

Oder glaubt wirklich jemand, er würde die zahlreichen Fotos – die meist eh zu dunkel sind und auf denen man nichts erkennt zu Hause – noch einmal anschauen? Schwelgend den Moment rekapitulieren?

Verständlich wäre es zwar, verpasst man doch durch das ständige Dokumentieren das Erlebnis an sich. Zudem schafft man sich im Publikum Feinde.

Nicht nur Stars erregt der Handywahn, nein, auch manche Konzertbesucher. Sie regen sich auf über die hochgestreckten Arme, die ihnen die Sicht versperren. Über «Handy-Junkies», die nur auf das leuchtende Display starren und lieber mit Kollegen chatten.

Auf der Strasse, im Bus, ja im Restaurant – wir haben uns daran gewöhnt, dass alle ständig aufs Handy starren. Handysucht hat sich längst zu all den anderen Süchten dazugesellt.

Wir können anscheinend nicht einmal während zweier Stunden eine Veranstaltung verfolgen, ohne das Ding in die Hand zu nehmen. Wir schaffen es nicht, uns auf die Offline-Zeit zu besinnen. Wir wollen nichts mehr erleben, ohne es festzuhalten. Wir halten das Gefühl nicht aus, etwas könnte flüchtig sein.

Denn Flüchtigkeiten zählen nicht mehr. Genau das Vergängliche ist aber der Kern eines Moments. Und wären wir fokussiert und konzentriert, dann blieben diese Momente auch in unserem Kopf. Gespeichert auf der analogen Festplatte.

Das Ding beherrscht uns

Doch genau diese Fähigkeit untergräbt das Smartphone. Weil es ständig unsere Aufmerksamkeit hat und uns ablenkt. «Wir leiden durch die hochfrequentierte Nutzung unter Stress, werden ständig unterbrochen und trainieren uns so eine gestörte Aufmerksamkeit an, was uns langfristig unproduktiv und unglücklich macht», schreibt Alexander Markowetz in seinem Buch «Digitaler Burnout. Warum unsere permanente Smartphone-Nutzung gefährlich ist».

Der Deutsche war Juniorprofessor für Informatik an der Uni Bonn und gilt als Handyexperte. Gemeinsam mit Kollegen betreibt er ein gross angelegtes Projekt, das das Verhalten von Smartphone-Nutzern untersucht.

Dafür hat Markowetz die App «Menthal» entwickelt. Sie dokumentiert, wie oft wir aufs Handy schauen und was wir wie lange mit dem Ding treiben. Die App hat einen enormen Datensatz gesammelt. Über 400'000-mal wurde die App heruntergeladen, sie haben über 100'000 Handy-Nutzer, die mitmachen und ihr Smartphone-Verhalten untersuchen lassen.

Die aktuellsten Ergebnisse sind noch nicht veröffentlicht, trotzdem gibt es bereits erschreckende Zahlen, die dieser Zeitung vorliegen: Über zweieinhalb Stunden hängt der Durchschnitts-User am Handy, telefoniert werden aber pro Tag nur etwa 7 Minuten.

Frauen sind länger am Handy als Männer. «Jüngere Menschen nutzen ihr Handy länger und vor allem für Unterhaltung und soziale Interaktion, während ältere Handybesitzer (unterbrechen alle 18 Minuten eine Tätigkeit für ihr Smartphone) insbesondere Informationen wollen und es als Telefon nutzen», schreiben die Macher von Menthal.

Offline-Zeit wird zum Luxus

In den letzten Jahren hat sich die Smartphone-Nutzung stets erhöht. Wir können kaum mehr ohne. Beim Thema Handysucht unter Jugendlichen geistern zahlen zwischen 5 und 8 Prozent herum.

Es ist gar schon so weit, dass wir uns freiwillig in den Handy-Entzug einliefern und uns mit «Ich bin dann mal offline»-Ankündigungen gegen die digitale Permanenz wehren. In einer Zeit, in der Offline zum Luxus wird, bezahlen wir dafür.

Offline-Ferien boomen. Es gibt immer mehr sogenannte Digital-Detox-Angebote. Auch die Schweizer Ferienorte rüsten sich für Handy- und WLAN-Entgiftung.

Irrsinnig. Ging es nicht gerade noch darum, überall und immer WiFi-Empfang zu haben? Und jetzt fahren wir in Wälder und Hotels, machen Yoga und Anti-Stress-Übungen, während unser wichtigster Begleiter irgendwo im Dunkeln eingesperrt vor sich hinvegetiert.

Man muss nicht unbedingt in die Natur fliehen für eine Handy-Diät, es gibt auch andere Methoden für den Entzug: Hypnosetherapien, Apps, die die Nutzung einschränken, oder Telefone, mit denen man nur telefonieren und SMS schreiben kann.

Das alles bräuchten wir nicht, wenn wir den Mut hätten, das Ding einfach mal ein paar Stunden in der Tasche zu lassen. Etwa an einem Konzert.