Deborah Sommerhalder & Zulejha Serifi

«Das koschere Essen ist auch halal»

Den Stimmen nach sind sie Zwillinge. Deborah Sommerhalder (32) und Zulejha Serifi (31) sprechen so ähnlich, dass die Kunden sie am Telefon verwechseln. Echt jetzt?, fragten sich die beiden und nahmen zwei Sprachnachrichten auf. Doch selbst der Mann von Deborah Sommerhalder konnte sie nicht auseinanderhalten.

Dabei sind die zwei Frauen weder zusammen gross geworden, noch sind sie verwandt. Sommerhalder wuchs als Jüdin in einer religiösen, aber nicht orthodoxen Familie auf; Serifi ist die Tochter albanischer und tiefreligiösen Muslime.

Deborah Sommerhalder und Zulejha Serifi haben sich bei der Arbeit kennen gelernt.

Deborah Sommerhalder und Zulejha Serifi haben sich bei der Arbeit kennen gelernt.

Kennen gelernt haben sie sich vor drei Jahren an einem Vorstellungsgespräch. Sommerhalder hatte kurz zuvor als Geschäftsleiterin die Firma Medicare AG übernommen, Serifi war auf der Suche nach einer Praktikumsstelle im kaufmännischen Bereich. Nervös tauchte sie viel zu früh zum Gespräch auf und tigerte im Vorzimmer herum. «Ich hatte Mitleid und ging zu ihr, um etwas zu plaudern», sagt Sommerhalder. Als das eigentliche Vorstellungsgespräch begann, hatte sie sich bereits entschieden. Zulejha Serifi – diese lebenslustige und offene Frau – wird ihre erste Praktikantin.

Die beiden Frauen sitzen am Tisch ihrer improvisierten Büro-Küche. In der Hand je eine Tasse Kaffee, graben sie in gemeinsamen Erinnerungen («weisst du noch, diesen Nachmittag, als wir eine 90er-Jahre-Musik-Session einlegten»). Vor drei Jahren seien sie innerhalb des Teams die beiden Jungen gewesen und fanden schnell zueinander.

Jeweils am Mittag und in den Pausen tauschten sie sich aus. Über Filme und Reiseziele, bald auch über Privates und die Religionen. «Dabei fiel uns auf, wie viele Ähnlichkeiten es zwischen dem Judentum und dem Islam gibt», sagt Serifi. Etwa bei den Speisevorschriften, wie der Verzicht auf Schweinefleisch. «Alles, was Deborah kocht, kann ich essen. Die Gerichte der koscheren Küche sind auch halal, solange sie nicht mit Alkohol zubereitet werden», sagt Serifi.

Einzig über politische Themen würden sie nicht diskutieren. Zu heikel? Serifi schüttelt den Kopf: «Ich interessiere mich schlicht nicht dafür.» Die beiden Frauen leben ihre Religionen unterschiedlich. Serifi ist praktizierende Muslimin, betet fünf Mal pro Tag und fastet während des Ramadans. Sommerhalder hingegen verzieht bei der Frage nach dem Glauben an Gott leicht das Gesicht und antwortet: «Was soll ich sagen, ich bin Naturwissenschafterin.» Doch die jüdischen Feiertage seien ihr als Rituale wichtig.

In ihrem Umfeld gab es anfänglich einige Vorbehalte, als sie eine gläubige Muslimin anstellte, sagt Sommerhalder. Sie hat sie zwar ignoriert, sei aber auch nicht frei von sämtlichen Vorurteilen gewesen. Das Kopftuch verkörperte für sie die Unterdrückung der Frauen. «Seit ich Zulejha kenne, habe ich meine Meinung geändert. Sie hat mir gezeigt, dass das Tragen des Kopftuchs aus freiem Willen entschieden werden kann.»

Serifi nickt, sie kennt weitaus stärkeren Argwohn ihr gegenüber: «Ich muss die Menschen immer erst davon überzeugen, dass ich kein Alien bin.» Ihre Chefin und Freundin beobachtet indes eine Verschiebung der Ressentiments: «Indem die Feindlichkeit gegenüber Muslimen zugenommen hat, stehen wir Juden weniger im Fokus. Aber gerade weil wir wissen, was Ausgrenzung und Antisemitismus bedeutet, müssen wir nun für die Muslime einstehen», sagt Sommerhalder.

Deshalb würden sie ihre Freundschaft öffentlich machen und gemeinsam an Schulen oder Veranstaltungen sprechen. Etwas, das die beiden Frauen eigentlich nicht im Sinn hatten. «Diese Freundschaft fühlt sich für uns nicht spezieller an als andere. Wir sind zwei fast Gleichaltrige, die sich gut verstehen. Das ist ziemlich normal», sagt Sommerhalder. Zumindest normaler, als einen stimmlichen Zwilling zu finden.

Kaser Alasaad & Ron Halbright

«Unsere Religionen sind Geschwister»

Als Kaser Alasaad die Freitagspredigt vor ein paar Wochen in der Moschee in Volketswil hielt, lauschten etwa 300 Muslime – und der Jude Ron Halbright. Der Imam Alasaad lut Halbright in seine Moschee ein. Denn die beiden haben eine gemeinsame Mission: Sie wollen Vorurteile abbauen und den Dialog zwischen der jüdischen und muslimischen Gemeinde fördern. Dies, weil der Nahostkonflikt seinen Schatten bis nach Europa wirft und gegenseitige Ressentiments schürt.

Wir treffen Kaser Alasaad und Ron Halbright im jüdischen Restaurant der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich. Wer hier eintreten will, muss die strikte Kontrolle des Sicherheitspersonals bestehen. «Es gibt – leider zu Recht – viele Ängste unter Jüdinnen und Juden», sagt Ron Halbright. Antisemitisch motivierte Angriffe, wie sie in Deutschland und Frankreich wiederholt vorkommen, fürchten sie nicht nur von Rechtsradikalen, sondern auch von radikalen Muslimen.

Kaser Alasaad und Ron Halbright bringen Juden und Muslime zusammen.

Kaser Alasaad und Ron Halbright bringen Juden und Muslime zusammen.

Kaser Alasaad ist Imam der grössten Moschee im Kanton Zürich. In Syrien hat er Arabisch und islamische Theologie studiert – in der Schweiz absolvierte er den CAS-Studiengang Religious Care im Migrationskontext. «Die meisten Muslime haben kein Problem mit Juden oder Christen. Es sind einzelne, die radikale Ansichten vertreten», sagt er. Auch in Volketswil?

Alasaad nickt: «Es gibt auch in meiner Gemeinde Personen, die mit Juden nichts zu tun haben wollen.» Der Grund liege im Israel-Palästina-Konflikt und in der antisemitischen Rhetorik des syrischen Regimes. Sie seien deshalb überrascht, wenn er ihnen Ron Halbright vorstelle. «Viele Muslime denken, dass ihnen vor allem Muslime helfen. Dass sich nun ein Jude für sie engagiert, überrascht und löst einiges aus», sagt Alasaad.

Gemeinsam mit Ron Halbright organisiert er deshalb Fastenbrechen und andere Veranstaltungen, um Muslime und Juden zusammenzubringen. Eine Arbeit, die auch sie eng zusammenschweisste. Heute seien sie Freunde, sagen die beiden Männer.

Anknüpfungspunkte gäbe es für die beiden Religionsgruppen viele. Wer als Minderheit in der Schweiz lebe, sei mit ähnlichen Erfahrungen des Fremdseins konfrontiert, sagt Ron Halbright. Das verbinde. Es berühre ihn, wenn Alasaad vor Hunderten Menschen die Gemeinsamkeiten der Konfessionen herausschäle, sagt Halbright. «Seine Statements sind klar: Unsere Religionen sind Geschwister. Sie haben denselben Vater – Abraham respektive Ibrahim.»

Erzählen Kaser Alassad und Ron Halbright von ihren Familien, wird deutlich: Eine Flucht prägte sie beide. Alasaad kam vor fünf Jahren in die Schweiz. Mit seiner Familie floh er vor Gewalt und Terror aus dem Bürgerkrieg Syriens. Ron Halbright kennt den Krieg aus den Erzählungen seiner jüdischen Eltern. Als Jugendliche flüchteten sie aus Nazi-Deutschland und Österreich.

Der Vater kam als 14-Jähriger allein über die Schweizer Grenze; seine Eltern sah er nie mehr.
Den eigenen Kindern schärfte der Vater von Ron Halbright früh ein, Menschen in Not beizustehen: «Bei den Personen, die ihm als Jugendlicher geholfen haben, konnte er sich nicht mehr revanchieren. Er nahm sie aber zum Vorbild», sagt Ron Halbright.

Eine Haltung, die auch er verinnerlichte. Als Co-Leiter des Vereins National Coalition Building Institute Schweiz (NCBI) organisiert er Kurse zum Abbau von Rassismus, zur Gewaltprävention oder zur Integration. Bei einem solchen Kurs lernte er Kaser Alasaad kennen, der damals neu in der Schweiz lebte. Fortan blieben sie im Kontakt.

Aktuelle Veranstaltungen sind unter www.ncbi.ch aufgeführt.