Leben
Der Glücksminister aus Bhutan setzt sich für das Bruttonationalglück ein – nun besuchte er die Schweiz

Bhutan hat ein Regierungsmitglied, das sich fürs Bruttonationalglück statt fürs Bruttoinlandprodukt einsetzt. Produziert wird es mit Mensch und Natur.

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Glücksminister, Weltbürger und ordinierter buddhistischer Lehrer: Ha Vinh Tho.

Glücksminister, Weltbürger und ordinierter buddhistischer Lehrer: Ha Vinh Tho.

CH Media

Im Hörsaal der Universität St.Gallen ist kein Platz mehr frei. Alle wollen den «Glücksminister» aus Bhutan sehen. «Überall, wo ich hingehe, sind die Hörsäle voll», sagt Ha Vinh Tho, Sohn eines Vietnamesen und einer Französin. Denn nach Glück und Wohlbefinden streben die Menschen. Und Bhutan ist das erste Land, das sich das Glück als politisches Ziel auf die Fahne geschrieben hat.

Kraft in der Ruhe

Schon beim Handschlag spürt man, wie Ha Vinh Thos Kraft in der Ruhe liegt. Allerdings hat ihn nicht das Glück, sondern das Unglück zum Glücksminister werden lassen. Geprägt haben den in mehreren Ländern aufgewachsenen Psychologen und Pädagogen sieben Jahre in vielen Kriegsgebieten dieser Welt. Bei der Arbeit als Direktor beim Internationalen Roten Kreuz hat er in die tiefsten Abgründe geschaut.

Diese Wahrnehmung des Leids hat dazu geführt, dass ich mich stark für das Glück interessierte.

So spricht er zuerst über das Leid: Das zum einen mit der Entfremdung des Menschen von der Natur zu tun hat. «Wer die Natur nicht kennt, wird sie auch nicht schützen und nichts beitragen zur Lösung der riesigen ökologischen Probleme.» Zum Zweiten sind gerade in industrialisierten Ländern immer mehr Menschen unglücklich, weil sie einsam sind. Als Drittes nennt Ha Vinh Tho die wirtschaftliche Herausforderung. Nicht, weil zu wenig vorhanden ist, sondern weil der Reichtum ungleich verteilt ist.

Der Vierte König von Bhutan reist durchs Land

Das führt ihn zurück nach Bhutan, wo im Jahr 2005 Jigme Singye Wangchuk im zarten Alter von 17 Jahren zum Vierten König Bhutans ernannt wurde, weil sein Vater sich zur Ruhe setzte. Der König, der nun den Kleinstaat am Himalaya in die Moderne führen und eine demokratisch konstitutionelle Verfassung durchsetzen will, wusste gemäss Ha Vinh Tho vor allem eines: dass er seinem Alter entsprechend eigentlich noch nichts weiss. Also reiste der junge Regent zwei Jahre von Dorf zu Dorf, um sich die Nöte und Wünsche der bhutanischen Bevölkerung anzuhören.

Der König stellte fest, dass Arm, Reich, Jung und Alt nur eines wollen: glücklich sein. So richtete er das nationale Glückszentrum in Bhutan ein, dessen Programmleiter Ha Vinh Tho 2011 wurde. Dort entstand die Idee, als Massstab für das Wohlbefinden das Bruttonationalglück zu bestimmen. Dabei geht es nicht um Glück im Sinne eines Lottosechsers. «Glück hat mit der Qualität der Beziehungen zu Mitmenschen und der Natur zu tun. Mit Mitgefühl und dem Dienen für andere.»

Fortschritt und Wachstum sind nur Mittel, keine Ziele

Die Regierung stellte das Bruttonationalglück vor das Bruttoinlandprodukt. «Fortschritt, Technologie und Wachstum sind nötig, aber dabei nicht Ziele, sondern nur Mittel, um das Glück der Bevölkerung zu steigern», sagt Ha Vinh Tho. Mit seinem «Wellbeing»-Paket, mit welchem das buddhistische Land den Weg in die Moderne finden sollte, reiste Ha Vinh Tho nach New York zu Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon. Und inspirierte mit dem Bruttonationalglück auch anderen Staaten wie Neuseeland, Schottland, Wales und Costa Rica.

Das Glück eines Landes basiert auf dem Wohlbefinden des Einzelnen. Und dieses hat nach Ha Vinh Tho im Alltag vor allem mit Achtsamkeit zu tun, mit Aufmerksamkeit gegenüber sich und anderen. Achtsamkeit wirke sich sogar auf unsere Gehirnplastizität aus. So lässt es sich der Glücksminister nicht nehmen, die Zuhörer mit einer Achtsamkeitsübung zu beglücken. Ein probates Mittel für Menschen einer zerstreuten Gesellschaft. So sitzt der Schreibende still da und bekommt während Ha Vinh Thos Meditation ein Gespür für einzelne Körperteile und macht seinen nun zentnerschweren Kopf als überlastete Problemzone aus.

Achtsamkeit, Entspannung und Mitgefühl sind Glücks-Mechanismen, die allen helfen. Das nationale Glück in Bhutan sei eine Bewegung aus der Zivilgesellschaft heraus, die auf dem von der Regierung geschaffenen Rahmen und der inneren Verwandlung des einzelnen Menschen in Harmonie mit der Natur ruhten. Konkret ist Bhutan inzwischen nicht nur ein CO2-neutrales Land, sondern sogar ein CO2-negatives. Der Wald schluckt mehr Treibhausgase, als im Land produziert werden.

Nicht alle Menschen in Bhutan sind nun glücklich

Natürlich sei deswegen nun nicht jeder Mensch in Bhutan glücklich, sagt Ha Vinh Tho. Da müsse man sich keine Illusionen machen. Wenn man das Wohlbefinden ins Zentrum stelle, werde man aufmerksam, und sehe schneller, wo Not ist. Dass Materielles allein fürs Glück nicht reicht, muss er dem Schweizer Publikum nicht erzählen. Achtsamkeit, mehr Zeit für sich und die Mitmenschen sind globale Glücksfaktoren.

Entscheidend ist die innere Haltung des richtigen Masses, anstatt immer mehr zu wollen.

Die Zuhörer hat Ha Vinh Tho zumindest für einen Abend lang glücklich gemacht.