Hitze
Den Äschen droht ein Massensterben: 90 Prozent könnten verschwinden

Ein Grossteil der Schweizer Äschen könnten sterben. Und dann? Neue Jungfische auszusetzen, gelingt oft nicht.

Annika Bangerter
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Die Äsche ist wärmeempfindlich: Ab 25 Grad Wassertemperatur wird es kritisch. Dasselbe gilt übrigens auch für die Forelle.

Die Äsche ist wärmeempfindlich: Ab 25 Grad Wassertemperatur wird es kritisch. Dasselbe gilt übrigens auch für die Forelle.

KEYSTONE

In den Schweizer Gewässern ist ein Überlebenskampf im Gang. Zu warm sind Bäche und Flüsse. Dadurch sinkt der Sauerstoffgehalt – mit fatalen Folgen für einige Fischarten. Eine Tragödie stehe kurz bevor, sagt Philipp Sicher, Geschäftsführer des Schweizerischen Fischereiverbandes (SFV). Die grössten Sorgen bereiten ihm die Äschen und die Forellen. Noch hat Sicher keine Meldungen von toten Tieren erhalten. «Wir erwarten dies aber in den nächsten Tagen», sagt er.

Halten die warmen Temperaturen an, dürften die Äschen als Erstes den Kampf verlieren. Angesichts der meteorologischen Voraussagen sagt Sicher: «Es droht ein Massensterben. Zwischen 70 und 90 Prozent des Schweizer Äschenbestandes könnten vernichtet werden.» Hunderttausende von Tieren wären betroffen.

Können die Bewohner von kleineren Gewässern durch eine Abfischung teilweise gerettet werden, ist dies in grösseren Flüssen nicht möglich. Zu weitläufig ist der dortige Lebensraum, zu viele Verstecke bietet er den Tieren. Die Betäubung mit dem Strom funktioniere nur in einem Umkreis von etwa einem Meter, sagt Sicher.

Aussetzen ist wenig erfolgreich

Doch was, wenn die drohende Katastrophe für die Äsche tatsächlich eintrifft? Kann Besatz von künstlich vermehrten Tieren die Bestände retten? Eine Studie des Kantons Aargau von 2015 zieht dies in Zweifel. Anhand genetischer Untersuchungen wurde nachgewiesen, dass der Besatz von Äschen aus anderen Einzugsgebieten nicht zum gewünschten Resultat geführt hatte. Sie konnten sich gegen die einheimische Konkurrenz nicht durchsetzen. Aufgrund dieser Studie hat der Kanton Aargau das Aussetzen von Fischen reduziert.

Anders zeigt sich die Situation im Kanton Schaffhausen. Der Abschnitt zwischen dem Bodensee und dem Rheinfall enthalte eine der bedeutendsten und produktivsten Äschen-Populationen in Europa, sagt Samuel Gründler vom Schweizerischen Fischereiverband. Der Biologe sagt, dass innerhalb dieses Flussabschnitts immer wieder Fische ausgesetzt würden. Diese stammen aber von Elterntieren aus dem Rhein. Denn in regelmässigen Abständen wird der Laich vor Ort, bei einem Kraftwerk, entnommen. Die Tiere wachsen in einer Fischzucht am Rheinfall und am Bodensee auf. «Das ist ein Back-up für uns», sagt Gründler. Der Erfolg von solchen Massnahmen hänge aber von zahlreichen Faktoren ab. «Mit ortsfremdem Besatzmaterial von null auf eine Population aufzubauen, ist sehr schwierig. Deshalb hoffen wir, dass zumindest einzelne Tiere die Hitze überleben», sagt er.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Äsche ums Überleben kämpft. Im Hitzesommer 2003 verendeten Abertausende Tiere. Damals betrug die Wassertemperatur des Rheins zeitweise 27 Grad Celsius.

«Das Massensterben hat uns 2003 überrumpelt», sagt Biologe Gründler. Nun sei man besser auf Hitzeperioden vorbereitet. Verschiedene Kaltwasserzonen seien ausgebaggert worden, um den Tieren einen grösseren Rückzugsort im Kühlen zu schaffen. «Die Situation zeigt erneut, wie wichtig natürliche Lebensräume für die Fische sind. Dazu gehört auch die Beschattung von Bächen», sagt Gründler. Allerdings würde dieser bei den Renaturierungen von Gewässern noch zu wenig Beachtung geschenkt. «Kiesbänke sehen zwar wunderschön aus und sind einladend für Badende. Doch den Fischen fehlt dadurch der für sie lebenswichtige Schatten», sagt der Biologe. Dieser Schatten entscheide mitunter über zwei, drei Grade der Wassertemperatur. Bei einer längeren Hitzeperiode wie dieser kann dies für sensible Arten wie die Äsche oder die Forelle über Leben oder Tod entscheiden.

Aktuell beträgt die Wassertemperatur des Rheins rund 25 Grad Celsius – die kritische Marke, wie der Schweizerische Fischereiverband schreibt. Biologe Grübler hofft auf die tiefen, kühlen Zonen des Bodensees. Und dass sich die Tiere dorthin zurückgezogen haben. Allerdings fürchtet er auch Folgeschäden. «Ist der Stresspegel für die Tiere hoch, fällt die Qualität des Laichs im Jahr darauf schlecht aus», sagt er. Der Überlebenskampf dürfte den Tieren schlicht zu viel Energie abverlangen. Die Fortpflanzung bleibt in der Folge auf der Strecke.