Daten veröffentlicht
Kinder genau so ansteckend und Superspreader ohne Symptome: Das zeigt die Drosten-Studie

Die sogenannte Drosten-Studie des deutschen Virologen Christian Drosten ergab Ende letzten Jahres, dass Kinder so ansteckend sein können wie Erwachsene. Nach Vorwürfen methodischer Mängel wurden nun die Daten der Studie im Fachmagazin «Science» veröffentlicht.

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Kinder der städtischen Grundschulen in Chiasso nehmen im März an einem freiwilligen Speicheltest teil.

Kinder der städtischen Grundschulen in Chiasso nehmen im März an einem freiwilligen Speicheltest teil.

Keystone

Vor Jahresfrist stellte der renommierte deutsche Virologe Christian Drosten erste Daten aus einer Studie zur Viruslast bei unterschiedlichen mit SARS-CoV-2 infizierten Personengruppen vor. Die sogenannte Drosten-Studie ergab damals, dass Kinder so ansteckend sein können wie Erwachsene.

Dieser Befund war im Hinblick auf die Debatte um Schulschliessungen von einiger Brisanz – und dazu kam noch ein Streit der «Bild»-Zeitung mit dem Virologen. Das Boulevardblatt griff Drosten an und unterstellte seiner Studie methodische Mängel; sie sei «grob falsch».

Am Dienstag hat Drosten nun die Daten der Studie im Fachmagazin «Science» veröffentlicht. Aus der vorläufigen Auswertung von Labordaten ist die bisher umfangreichste Untersuchung zu Viruslasten bei SARS-CoV-2 geworden: Das Forschungsteam der Berliner Charité analysierte insgesamt 25'381 Fälle, bei denen ein positiver PCR-Test vorlag. PCR-Tests sind das zuverlässigste Verfahren für den Nachweis einer Infektion mit SARS-CoV-2. Berücksichtigt wurden in der Studie sowohl Infizierte, die keine Symptome aufwiesen, als auch Patienten mit unterschiedlich schwerem Krankheitsverlauf.

Die Forscher bestimmten die Anzahl der Erbgutkopien von SARS-CoV-2 in den PCR-Proben – also die sogenannte Viruslast – und schätzten daraus die Ansteckungsfähigkeit dieser positiv getesteten Personen ab. Da die Erbgutkopien annähernd die Virusmenge im Rachen der Patienten repräsentieren, erlauben sie Voraussagen über die potenzielle Infektiosität dieser Personen.

Bei mehr als 4300 Fällen lagen mehrere Proben vor. Dies ermöglichte es dem Forschungsteam, erstmals in grösserem Massstab die Veränderung der Viruslast im Rachen nachzuverfolgen und damit einen typischen Verlauf statistisch zu beschreiben.

Coronaprobe im Labor.

Coronaprobe im Labor.

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Alle Altersgruppen sind ungefähr gleich infektiös

Die anschliessende Auswertung der Daten nach Altersgruppen ergab keine signifikanten Unterschiede in der Viruslast bei Infizierten zwischen 20 und 65 Jahren: Ihre Rachen-Abstriche enthielten durchschnittlich rund 2,5 Millionen Kopien des Virus-Erbguts. Bei den jüngsten Kindern im Alter von 0 bis 5 Jahren fand das Team hingegen die niedrigsten Viruslasten: Hier fanden sich rund 800'000 Erbgutkopien in den Proben. Bei älteren Kindern und Jugendlichen stiegen die Werte mit zunehmendem Alter an und glichen sich an jene der Erwachsenen an.

«Diese Zahlen sehen erst einmal unterschiedlich aus, wir betrachten Viruslasten aber auf einer logarithmischen Skala», kommentierte Drosten das Ergebnis in einer Pressemitteilung der Charité. «Die Viruslast-Unterschiede bei den jüngsten Kindern liegen gerade noch unterhalb der Grenze dessen, was man als klinisch relevant betrachten würde. Darüber hinaus muss man verstehen, wie die Werte zustande kommen und dies korrigierend mit einbeziehen.»

Drosten meint damit die unterschiedliche Probennahme bei Kindern und Erwachsenen: Bei Kindern würden deutlich kleinere Abstrichtupfer eingesetzt, das dadurch gewonnene Probenmaterial sei weniger als halb so gross wie bei Erwachsenen. Zudem mache man bei ihnen oft einfache Rachenanstriche, die weniger tief eindringen als die unangenehmen Nasenrachen-Abstriche. All dies lasse geringere Messwerte im PCR-Test erwarten.

Bei der Abschätzung der Infektionsrate anhand der Laborproben kam das Forschungsteam bei den jüngsten Kindern (0 bis 5 Jahre) auf etwa 80 Prozent des Werts von Erwachsenen. Die Werte von Schülern und Heranwachsenden lagen hier ebenfalls näher an den Werten der Erwachsenen. Dies zeige, dass man Viruslasten nicht einfach proportional in Infektiosität umrechnen könne, stellte Drosten fest, zumal auch diese datenbasierten Schätzungen aufgrund der unterschiedlichen Probeentnahme bei Kindern nach oben korrigiert werden müssten.

Drosten zieht daraus den Schluss, dass die Ansteckungsfähigkeit bei allen Altersgruppen etwa gleich hoch sei:

«Mein anfänglicher Eindruck einer ungefähr gleich grossen Infektiosität aller Altersgruppen hat sich bestätigt, nicht nur hier, sondern auch in anderen Studien.»

Ein Drittel der Superspreader ist symptomlos

Die Studie bestätigt ausserdem die Annahme, dass ein relativ kleiner Teil der Infizierten besonders viele Ansteckungen verursacht. Rund 9 Prozent der untersuchten Fälle wiesen eine aussergewöhnlich hohe Viruslast von einer Milliarde Erbgutkopien oder mehr auf. «Diese Daten liefern eine virologische Grundlage für die Beobachtung, dass nur eine Minderheit der Infizierten den grössten Teil aller Übertragungen verursacht», stellte Drosten fest.

Brisant ist dabei der Umstand, dass mehr als ein Drittel dieser potenziell hochinfektiösen Personen keine oder nur milde Symptome hatte. Dies untermauert frühere Untersuchungen, die zum selben Ergebnis kamen. Das Forscherteam schätzt zudem anhand seiner neuen Verlaufsmodelle, dass alle mit SARS-CoV-2 Infizierten bereits ein bis drei Tage vor Symptombeginn die höchste Viruslast im Rachen aufweisen. Dies zeige deutlich, warum Massnahmen wie Abstandsregeln und die Maskenpflicht für die Kontrolle der Pandemie so wichtig seien, erklärte der Virologe.

Britische Mutante ist ansteckender

Ein weiteres Ergebnis der Studie bestätigt ebenfalls frühere Studien: In den Proben von Personen, die mit der sogenannten britischen Virusvariante B.1.1.7 infiziert waren, konnte im Mittel eine zehnfach höhere Viruslast nachgewiesen werden. Die Infektiosität im Labor wurde auf das 2,6-Fache geschätzt.

Das Forschungsteam verglich dafür die Viruslasten von nahezu 1500 Fällen der britischen Variante mit knapp 1000 Fällen, in denen ein anderer Virenstamm vorlag. Verglichen wurden jeweils Personen, die zur selben Zeit in denselben Abstrichstellen, Ambulanzen oder Stationen untersucht worden waren. Drosten zieht daraus den Schluss: «Auch wenn Laborversuche es bisher noch nicht abschliessend erklären können: Das B.1.1.7-Virus ist infektiöser als andere Varianten.»

dhr/watson.ch