Clarence Henderson, Bürgerrechtler: «Ich wollte nicht mehr behandelt werden wie ein Untermensch»

Clarence Henderson war vor 60 Jahren mit von der Partie, als afroamerikanischen Studenten in Greensboro, North Carolina, gegen die staatlich vorgeschriebene Rassentrennung demonstrierten – und mit ihrem Sit-in der Bürgerrechtsbewegung neuen Schub gaben. Der heute 78-Jährige erzählt, wie er aus Zufall zum Aktivisten wurde.

Renzo Ruf aus Washington
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Warten, bis sie bedient werden: Clarence Henderson (rechts) und Kollegen.

Warten, bis sie bedient werden: Clarence Henderson (rechts) und Kollegen.

Keystone

Plötzlich waren sie da. Am 2. Februar 1960, gegen 10 Uhr in der Früh, betraten vier afroamerikanische Studenten ein Schnellrestaurant in Greensboro (North Carolina) und nahmen an der Theke Platz. Sie wollten sich einen Kaffee für 10 Cents bestellen oder ein Club-Sandwich für 45 Cents – ein simpler Akt, der dennoch gegen die Bestimmungen und Konventionen der Rassentrennung verstiess, die damals in Teilen Amerikas in Kraft waren. Denn die Bar im Schnellimbiss des Billig-Warenhauses Woolworth war Menschen mit heller Hautfarbe vorbehalten. Als das Personal den dunkelhäutigen Teenagern erwartungsgemäss beschied, dass sie an der Theke nicht bedient würden, kündigten diese an, so lange sitzen zu bleiben, bis Woolworth diese Diskriminierung beende. Einer der vier Studenten, der an diesem geschichtsträchtigen Tag mit dabei war: Clarence Henderson, 18 Jahre alt.

«Als ich das Warenhaus an der Elm Street betrat, wusste ich nicht, wie ich Woolworth später verlassen würde – vertikal, in Handschellen, auf dem Weg ins Gefängnis, oder hori­zontal, auf dem Weg ins Spital oder ins Leichenschauhaus. Dies war der Moment, in dem ich mich dazu entschied, von nun an mein Leben in vollen Zügen zu geniessen. Ich wollte nicht mehr behandelt werden wie ein Untermensch.»

Henderson war am 2. Februar von einem Freund rekrutiert worden, mit dem er im Agricultural and Technical College of North Carolina, wie die vornehmlich von Afroamerikanern besuchte Technische Universität in Greensboro hiess, gemeinsam die Schulbank drückte.

«Ich wuchs in Greensboro auf, zuerst in einem rassengetrennten Quartier, anschliessend in einer durchmischten Nachbarschaft. Solche Quartiere waren damals, in den Fünfzigerjahren, in North Carolina eine Ausnahme. Von der 1. Klasse an war ich mit Ezell Blair befreundet, einem der vier A&T-Studenten, die am 1. Februar das Sit-in begonnen hatten. Einen Tag später, an einem Dienstag, sass ich bereits am frühen Morgen im Aufenthaltsbereich der Universitäts­bibliothek. Da tauchte Ezell auf und erzählte mir von den Ereignissen des Vortages.»

Teil des landesweiten Protests: Demonstranten in Harlem mit Plakaten gegen die Diskriminierung.

Teil des landesweiten Protests: Demonstranten in Harlem mit Plakaten gegen die Diskriminierung.

Die A&T-Studenten Joseph McNeil, Franklin McCain, David Richmond und Ezell Blair (der sich heute Jibreel Khazan nennt) hatten am Nachmittag des 1. Februar das Sit-in im Woolworth-Schnellrestaurant begonnen – weil sie die Nase voll hatten, ständig diskriminiert zu werden. Konfrontiert mit dem friedlichen Protest, entschied sich der Warenhaus-Manager, den «Lunch Counter» vorzeitig zu schliessen. Gegen 18.30 Uhr verliessen die vier das Restaurant. Bevor sie sich verabschiedeten, sagte einer der Studenten: «Wir kommen wieder.»

«Ezell fragte mich, ob ich beim Sit-in mitmachen wolle. Und das war das erste Mal, dass ich davon hörte. Meine Eltern konnten es sich nicht leisten, mir eine Unterkunft auf dem Campus zu finanzieren. Deshalb wohnte ich immer noch zu Hause und war nicht dabei, als die vier ursprünglichen Demonstranten ihre Pläne schmiedeten. Aber kaum war ich von Ezell rekrutiert worden, machten wir uns auf den Weg in die Innenstadt von Greens­boro.»

North Carolina galt damals als Aushängeschild des «Neuen Südens»: Ein Staat, der nach vorne schaute und in dem nicht ständig an die Zeit vor dem Bürgerkrieg im 19. Jahrhundert erinnert wurde, als 3,95 Millionen der 4,44 Millionen Afroamerikaner versklavt waren. Doch auch der vergleichsweise fortschrittliche Gouverneur von North Carolina war ein Rassist, der am herrschenden System nicht rütteln wollte. Und wie fast alle führenden Politiker im Süden Amerikas gehörte er der Demokratischen Partei an.

«Wir setzten uns an die Theke des Restaurants. Ezell sagte, er bezahle für mich – und theoretisch schuldet er mir immer noch eine Mahlzeit, wurde uns doch der Service verweigert. (Lacht.) Das Personal zeigte sich zuerst von unserer Anwesenheit überrascht. Mir sagte eine Servicekraft: ‹Ich würde mir wünschen, dass ihr euch aus dem Staub macht, sonst werdet ihr dafür verantwortlich sein, dass wir alle unseren Job verlieren.› Dann aber beschloss das Woolworth-Personal, vor allem diejenigen Angestellten mit weisser Hautfarbe, uns zu ignorieren. Wir waren wie der unsichtbare Mann. (Eine Anspielung auf den Roman des Afroamerikaners Ralph Ellison aus dem Jahr 1952, der eine ganze Generation schwarzer Amerikaner prägte – Anmerkung der Redaktion.)»

Der lokale Woolworth-Manager hielt an dieser Strategie fest, auch wenn jeden Tag eine grosse Zahl von Studenten den Schnellimbiss besuchte und (vergebens) eine Mahlzeit bestellte. Das Sit-in war als Schichtbetrieb organisiert, damit die Studenten weiterhin die Universität besuchen konnten und nicht Gefahr liefen, von der A&T-Leitung diszipliniert zu werden.

«Wir mussten uns viel gefallen lassen: Schimpfwörter, der rassistische Ku-Klux-Klan marschierte auf und es gab Bombendrohungen. An einem Tag versammelten sich 500 Studenten an der Elm Street. Glücklicherweise geschah aber nichts Schlimmes. Von Beginn weg beschlossen wir, dass wir friedlich demonstrieren würden. Und an diesem Grundsatz wurde nicht gerüttelt.»

Innerhalb weniger Tage verbreitete sich die Nachricht über den ungewöhnlichen Protest in Greensboro in Universitätsstädten des amerikanischen Südens – zuerst in North Carolina, anschliessend in Virginia, South Carolina und Tennessee. Landesweit wurden Boykottaufrufe gegen rassengetrennte Restaurants lanciert und die Bürgerrechtsbewegung verspürte auf einmal wieder Aufwind. Auch aus ökonomischen Gründen gab die Warenhaus-Kette Woolworths am 25. Juli 1960 nach. Geneva Tisdale hiess die erste Afroamerikanerin, der am «Lunch Counter» in Greensboro schliesslich ein Imbiss serviert wurde.

«Als wir im Sommer unser Ziel erreicht hatten und die Rassentrennung im Woolworth-Restaurant beendet wurde, wohnte ich bereits nicht mehr in Greensboro. Nach dem Ende des Semesters hatte ich mich dazu entschlossen, mein Studium zu unterbrechen und nach New York City zu ziehen. Dort genoss ich meine neugewonnene Freiheit. 1966 wurde ich ins Militär eingezogen. Damals gab es noch eine obligatorische Dienstpflicht.»

Als in den späten Sechzigerjahren die Demonstrationen gegen den Krieg in Vietnam das Land spalteten, dient Henderson in den amerikanischen Streitkräften. 1969 kehrt er nach Greensboro zurück, schliesst sein Studium ab und beginnt mit seiner Arbeit in der Finanzindustrie. Politik interessierte ihn damals nicht.

«Nach dem Abschluss meines Studiums sass ich mit meinem Vater am Küchentisch und diskutierte über Politik. Ich erwähnte die Ideen und Vorschläge der Demokratischen Partei. Mein Vater schaute mich an und sagte mir: ‹Sohn, Du hast keine Ahnung von Geschichte. Du weisst nicht, was die Republikanische Partei für uns als Menschen getan hat.› Er hatte recht. Später fand ich heraus, dass es die Republikaner waren, die für den 13. und 14. und den 15. Verfassungs­zusatz stimmten.»

Diese Verfassungszusätze garantierten am Ende des Bürgerkriegs im 19. Jahrhundert die Gleichberechtigung der ehemaligen dunkelhäutigen Sklaven – zumindest auf dem Papier. Heute ist Henderson ein Republikaner und freimütiger Unterstützer von Präsident Donald Trump. Er betätigt sich zudem als religiöser Motivationsredner. Mit seinen ehemaligen Mitstreitern hat er keinen Kontakt mehr. Auch im Bürgerrechtsmuseum von Greensboro, das in den ehemaligen Räumlichkeiten des Woolworth-Warenhauses die Geschichte des Sit-ins vermittelt, lässt er sich nur selten blicken – nicht zuletzt, weil seine «rückständigen» Parolen dort auf Unverständnis stossen, wie ein hochrangiger Vertreter des Museums im Gespräch sagt.

«Ich werde häufiger auf meine politische Evolution angesprochen als ich zählen kann. Dafür mache ich eine Welle von Falschinformationen verantwortlich. Aber ich kämpfe für mehr Freiheit. Und ich bin der Meinung, der Kampf um die Bürgerrechte der Bewohner Amerikas ist noch lange nicht zu Ende.»

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