Persönlich

Bericht aus der Quarantäne: «Ich habe grossen Respekt vor dem Virus. Aber was ich erlebe, ist Willkür, reine Schikane!»

Ruedi Kuhn
AZ-Sportreporter Ruedi Kuhn befindet sich zurzeit in der Quarantäne. Er reiste aus Spanien ein, wo er seine krebskranke Partnerin pflegte.

AZ-Sportreporter Ruedi Kuhn befindet sich zurzeit in der Quarantäne. Er reiste aus Spanien ein, wo er seine krebskranke Partnerin pflegte.

Er hielt sich in Spanien auf, um dort seine krebskranke Freundin zu pflegen. Ihm war klar, dass er danach in Quarantäne gehen muss. Doch was Sportreporter Ruedi Kuhn jetzt erlebt, zieht ihm den Boden unter den Füssen weg. Hier sein Erlebnisbericht.

Zehn Tage in Quarantäne, zehn Tage gefangen, zehn Tage eingesperrt in einer kleinen Wohnung - zehn Tage, die mir gefühlt wie eine Ewigkeit vorkommen! Ich werde unruhig, ungeduldig, aufgewühlt, emotional, wütend, negativ. Meine Stimmung sinkt je länger, je mehr gegen den Nullpunkt. Böse Gedanken kommen auf, die ich verdrängen möchte, aber nicht verdrängen kann.

Ich frage mich, wo meine Abgeklärtheit, meine Coolness, meine innere Ruhe geblieben sind. Sie waren Zeit meines Lebens meine grösste Stärke. Und dann, irgendwann während dieser zehn Tage, packt mich sogar die Angst, die Kontrolle zu verlieren, auszuflippen, etwas zu tun, was ich im Nachhinein bereuen werde.

Bin ich nach der Quarantäne noch der Gleiche? Ich glaube nicht. Eines vorneweg: Ich habe Respekt, ja sogar Ehrfurcht vor den Behörden. Mein Vater, ein Rechtsanwalt, hat mir immer und immer wieder gesagt, dass Freiheit das höchste Gut des Menschen ist. Um diese Freiheit behalten zu können, müsse ich mich an gewisse Regeln halten.

Obwohl ich mehr Lebemensch und Lebenskünstler als Arbeitsbiene und Befehlsempfänger bin, also meistens das tue, was ich will und was mir Spass macht, habe ich den Ratschlag meines Vaters in den vergangenen 64 Jahren mehr oder weniger befolgt. Ich wurde nie kriminell, sass keinen Tag im Gefängnis.

Doch das, was ich jetzt erlebe, ist mehr als ein kleiner Eingriff in mein Leben. Meine Grundrechte werden mit Füssen getreten. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) und die Dienststelle Gesundheit und Sport des Kantons Luzern haben mir mit der Quarantäne während zehn Tagen den Boden unter den Füssen weggerissen. Ob es wohl anderen auch so geht wie mir? Oder nehmen es die meisten cool?

Aufbegehren, das bringt wohl nichts. Sagt meine Vernunft. Es ist im Endeffekt besser, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Aber will ich das wirklich? Kann ich das? Muss ich mich nicht zur Wehr setzen?

Der Grund für meine zehntägige Quarantäne ist ein vierwöchiger Aufenthalt in Spanien. Meine Freundin wohnt und lebt seit fünf Jahren in Javea. Javea liegt zwischen Valencia und Alicante, ist ein kleiner, idyllisch gelegener Badeort an der Costa Blanca. Margit hat Krebs, wurde operiert und muss sich seit Monaten mit Chemo-Therapien, Antikörper-Therapien und Strahlen-Therapien herumschlagen. Ich wollte sie in dieser schwierigen Zeit unterstützen und reiste deshalb am 7. August nach Spanien.

Ich habe in dieser schwierigen Zeit viel gelernt. Beispielsweise andern Menschen zu helfen: In Zukunft soll sich nicht mehr alles um mich drehen. Ich muss nicht immer im Mittelpunkt stehen.

Mir war von allem Anfang an klar, dass ich nach der Rückkehr in die Schweiz Anfang September Formulare für Bund und Kanton ausfüllen muss. Formulare mit Fragen zu meiner Person. Fragen, die meine Privatsphäre betreffen. Eine Privatsphäre, die mir heilig ist und niemanden etwas angeht.

Um es in aller Deutlichkeit zu sagen: Ich beschwere mich nicht über die Quarantäne. Ich beschwere mich über die Art und Weise, wie sie gehandhabt wird. Und ich beschwere mich darüber, dass man mir bei Nichteinhaltung der Massnahmen mit einer Busse von bis zu 10'000 Franken droht. Dass man mich in meiner Wohnung einsperrt und bei einem Verstoss eine Geldstrafe in fünfstelliger Höhe androht, das klingt für mich nach Gesundheitsdiktatur.

Ich verstehe, dass ich während zehn Tagen keine Kontakte zu Menschen haben darf, dass ich mich also von der Öffentlichkeit abschotten muss. Ich verstehe aber nicht, dass ich keine Spaziergänge (natürlich alleine und mit Maske!) machen darf oder im See baden kann.

Ich wohne in Weggis am Vierwaldstättersee, in einem ruhigen Quartier. Hier sieht man während Randzeiten fast keine Menschen. Ausserdem habe ich rund 200 Meter von meiner Wohnung entfernt einen direkten Seezugang. Da begegne ich keiner Menschenseele. Spaziergänge und Schwimmen im See hätten mir während diesen anderthalb Wochen für meinen Seelenfrieden gereicht.

Ärger hin, Wut her; ich habe mich an alle Vorschriften gehalten. Aber der Ärger muss raus. Für mich sind die strikten Massnahmen Willkür, Schikane, fauler Zauber! Warum appellieren die Behörden nicht an meine Eigenverantwortung?

Ich habe grossen Respekt vor dem Coronavirus und den möglichen Folgen. Ich habe während meines Aufenthalts in Spanien hautnah miterlebt, wie gross die Furcht der Menschen vor der zweiten Welle ist.

Ich war in einigen Spitälern. In der Klinik «imed» in Valencia konnte ich riesige Schlangen von Menschen beobachten, die sich freiwillig auf Corona testen liessen und dafür stundenlang warten mussten. Ich weiss, was es bedeutet, wenn dieses Virus wieder so zuschlägt, wie es im Frühjahr dieses Jahres zugeschlagen hat.

Ich hätte nie gedacht, dass mein Unverständnis, mein Ärger, meine Ohnmacht und meine Wut von Tag zu Tag der Quarantäne grösser werden. Am Sonntag ist Schluss damit. Ich fühle mich leer. Ich bin physisch und psychisch am Boden. Meine Nerven liegen blank. Ich bin stinksauer und habe nur noch einen Wunsch:

Menschen treffen, die mir nahe stehen! Und ja: wieder mal so richtig die Sau raus lassen.

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Ruedi Kuhn

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