#Aufschrei
«Beim heutigen Feminismus geht es nicht nur um Frauen»

Anne Wizorek löste vor zwei Jahren auf Twitter mit «#Aufschrei» eine Debatte über Sexismus aus. Sie findet, dass der Gleichstellungsdiskurs längst nicht beendet ist – und in der Schweiz noch kaum begonnen hat

Anna Miller
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Frau Wizorek, wie aufgeklärt sind wir eigentlich?

Anne Wizorek: Wir sind nicht so aufgeklärt, wie wir immer meinen zu sein. In gewissen Bereichen sind wir fortschrittlich, in Sexismus- und Gleichstellungsfragen aber längst nicht fertig. Die Aufschrei-Debatte war ein wichtiger erster Schritt, um tief sitzende Strukturen sichtbar zu machen und einen Wandel einzufordern.

Ist Feminismus heutzutage überhaupt noch Thema? Die Leute können den Begriff doch längst nicht mehr hören.

Natürlich, mehr denn je. Gerade, weil wir denken, wir hätten auf diesem Gebiet schon so viel getan. Da verliert man schnell aus den Augen, dass die Gleichstellung gesellschaftlich noch lange nicht erreicht ist. Auch in unseren Breitengraden nicht. Wir leben noch immer in einem Patriarchat, wo die typischen männlichen Machtstrukturen greifen – in allen Bereichen: privat, in der Arbeitswelt, in der Öffentlichkeit. Das fängt damit an, wie eine Frau in der Öffentlichkeit zu sein hat: leise, angepasst, höflich. Sie soll sich nur auf eine gewisse Weise benehmen, in eine vordefinierte, weibliche Rolle passen. Alles andere gilt schnell als schroff, zickig, kratzbürstig.

Was ist daran falsch? Männer und Frauen sind doch von Grund auf nicht gleich.

Das ist auch nicht der Punkt. Feministinnen fordern ja keine geschlechtslose Gesellschaft. Es geht vielmehr darum, welche Einschränkungen wir heutzutage immer noch allein aufgrund unseres Geschlechts erfahren. Frauen stehen heute noch immer weniger Möglichkeiten offen als Männern. Weil sie in ein Rollenbild gedrängt werden, welches ihnen automatisch weniger Autonomie zugesteht.

Mehr Autonomie bedeutet heute aber, dass sich Frauen teils zwischen Arbeits- und Privatleben aufreiben – bis zum Burnout. Dabei könnten sie sich für einen Weg entscheiden. Wäre das nicht einfacher?

Wenn sich eine Frau dazu entscheidet, Vollzeit zu Hause zu sein, dann soll sie das selbstbestimmt tun dürfen. Genau so sollte eine Frau aber auch sagen können: Ich will Karriere, keine Kinder. Das wiederum wird ihr aber häufig schlecht geredet und auf ihre vermeintlich «tickende biologische Uhr» hingewiesen. Und eine Frau, die Vollzeit arbeitet, während sie Kinder zu Hause hat, sollte nicht automatisch als Rabenmutter gelten. Bei einem Mann, der das Gleiche tut, stellt das keiner infrage.

Unsere Rollenbilder hindern uns also unbewusst heute noch daran, wirklich gleichberechtigt zu sein?

Ja, genau. Und rigide Strukturen in der Arbeitswelt und in Form von Gesetzen, zementieren diese Rollenbilder wiederum. Dieses System begünstigt die Ungleichbehandlung von Geschlechtern, zum Beispiel wenn Frauen in gleichwertigen Positionen noch immer weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen.

Betrachtet man aktuelle Abstimmungsvorlagen, könnte man meinen, die guten alten (Familien-)Zeiten seien wieder da.

Tatsächlich befinden wir uns aktuell wieder mitten in einem Backlash, einer Rückwärts-Bewegung. Die Zeiten sind instabil, also sehnen sich die Menschen nach festen, sicheren Strukturen. Und meinen, sie in einer klassischen Familienstruktur wiederzufinden. Doch das ist ein Trugschluss.

Was wäre eine Alternative?

Wir sollten versuchen, Strukturen zu schaffen, die uns Halt und Sicherheit geben, auch wenn beide Partner arbeiten und sich ihre Aufgaben gerecht teilen. Zum Beispiel, indem wir die Frage nach der Kinderbetreuung nachhaltig lösen. Staat und Privatwirtschaft müssen in dieser Frage zusammenarbeiten. Auch spielen Vorbilder eine grosse Rolle. Dass Popstars wie Beyoncé oder Emma Watson sich öffentlich für die Gleichstellung einsetzen, hilft sehr, die Debatte aktuell und öffentlich zu halten.

Sie haben in Deutschland mit Ihrer Bundeskanzlerin ja ein gutes Beispiel.

Obwohl ja auch hier schön zu sehen war, wie irritierend Geschlecht sein kann. Als die Bundeskanzlerin am Opernball Décolleté zeigte, waren die Titelseiten am nächsten Tag voll mit der Frage, ob das eigentlich in Ordnung sei. Die Leute scheinen vergessen zu haben, dass die Bundeskanzlerin eine Frau ist. Angela Merkel wird offenbar nicht mit Weiblichkeit assoziiert.

Wäre sie überhaupt Bundeskanzlerin geworden, wenn es so wäre?

Das ist eine gute Frage. Vielleicht nicht.

Passt dazu auch die Tatsache, dass viele Frauen in politischen Spitzenpositionen Kurzhaarschnitte tragen?

Das kann mitunter auch eine gewisse Anpassungsstrategie an das männliche Umfeld signalisieren. Wer aufsteigen will, soll und muss sich an diese Umgebung anpassen. Wer zu sehr aus dem Rahmen fällt, hat keine Chance. Auch daran sehen wir, wie unsere Realität konstruiert wird.

Geschieht nicht oft auch das Gegenteil? Eine Frau erreicht Ziele, weil sie ihre Reize gezielt einsetzt.

Natürlich passiert das auch. Obwohl ich von keinem Beispiel weiss, wo das bis zum Ende hin gut geklappt hat. Früher oder später wird das den Frauen zum Verhängnis. Auch denen, die sich Bettgeschichten für den Karrieresprung nie hergegeben haben. Das Argument, dass Frauen nur dank Beziehungen zu Männern Karriereförderung genossen haben, ist ein beliebtes Argument gegen sie.

Wie nehmen Sie die Geschlechter-Debatte in der Schweiz wahr?

Gar nicht. Zumindest wurde mir zugetragen, dass in der Schweiz kaum eine Debatte existiert. Ich weiss nicht, woran das liegt. Vielleicht ist es mentalitätsbedingt, oder vielleicht liegt es daran, dass die direkte Demokratie viele Wege bietet, um selber aktiv zu werden, wenn man Missstände wahrnimmt. Obwohl auch hier einiges schief läuft, in Sachen Gleichberechtigung und Sexismus.

Zum Beispiel?

Ich habe diesen medialen Skandal um die Zuger Sexaffäre mitverfolgt, und komme zum Schluss: Das ist wieder ein klassisches Beispiel dafür, wie eine neutrale Berichterstattung in den Medien eben gerade nicht läuft. Der Frau wird kaum Glauben geschenkt, die Medien greifen nach jedem noch so kleinen Indiz, um die Sache auszuschlachten. In einer aufgeklärten Gesellschaft würde eine solche Geschichte viel mehr anhand von Fakten und rücksichtsvoller erzählt.

Aber die Leute wollen das doch lesen?

Die Leute wollen im Netz auch unbeschränkt Hasskommentare posten, aber das sollte auch nicht einfach ihnen überlassen werden. Die Medien haben eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft. Nicht alles, was gesagt werden darf, weil es unter dem Label Meinungsfreiheit läuft, sollte auch ohne Konsequenzen bleiben. Denn kaum einer denkt dabei daran, dass die Meinungsfreiheit von Minderheiten dabei klar beschnitten wird.

Ist das überhaupt Ihr Thema, als Feministin?

Das ist ein Aspekt dessen, was den heutigen Feminismus vom alten unterscheidet: Heute geht es nicht nur um die Frauen allein und um ihre Rechte. Es geht um die multikulturelle Gesellschaft als Ganzes und ihre Facetten und Minderheiten. Um Transgender, Homosexualität, um rassistische Vorurteile. Der Feminismus steht für Chancengleichheit ganz allgemein ein.

Auch für die Chancengleichheit des Mannes? Er ist ja nicht minder in Rollenklischees des starken und männlichen Beschützers gefangen.

Natürlich, Männer müssen dabei genauso ihre gesellschaftliche Verantwortung erkennen, um diese Rollen zu verändern. Denn respektvoller Umgang mit Frauen geht ja zu grossen Teilen vom Mann aus. Der Mann muss bereit sein, auf seinen Anspruch und Vorsprung, den er gesellschaftlich heute noch geniesst, zu verzichten. Er muss Platz machen für die Frauen – Gleichstellung heisst ja, dass man sich das Feld teilt. Am Ende hilft es auch ihm, wenn er sich von seiner gesellschaftlichen Rolle emanzipieren kann. Und nicht nur dann weinen darf, wenn seine Fussballmannschaft verliert.

Wie soll man mit dieser Monster-Debatte denn nun umgehen? Wo kann, soll man handeln?

Es hilft schon viel, wenn man das Thema Sexismus und Gleichstellung im privaten Umfeld thematisiert. Das ist sicher nicht immer bequem, aber notwendig, denn auch das Private ist politisch. Manchmal wird man dann eben schief angeschaut und gefragt: Bist du etwa eine Feministin?

Was entgegnen Sie diesen Leuten?

Ich frage sie, was eigentlich gegen die Gleichstellung von Mann und Frau spricht. Meist wissen sie darauf keine Antwort.