Detailhandel

Bei der Migros gibts Reis und Linsen à discrétion – warum die Produkte im Offenverkauf teurer sind

Säcklein liegen bereit, ins eigene Gefäss füllen geht auch.

Säcklein liegen bereit, ins eigene Gefäss füllen geht auch.

Kunden in der Genfer Filiale verstehen nicht, warum Reis, Linsen und Nüsse zum selber Abfüllen teurer sind. Nun argumentiert die Migros.

Was es in Reformhäusern schon länger gibt, macht nun zu einem kleinen Teil auch in Migros-Filialen Schule. Seit zwei Jahren testet die Detailhändlerin in Genf den Verkauf von verschiedenen Nüssen, Reis und getrockneten Früchten im Offenverkauf. Der Kunde kann die Menge selber wählen. Eine fixe Verpackung gibt es nicht. Das Ziel: Weniger Verpackungsmüll und weniger ungenützte Esswaren, die im Abfall landen. Angeliefert wird alles in grossen Säcken.

Wie der «Tages-Anzeiger» kürzlich berichtete, ist das Modell noch eine Nische. Aber es kommt bei den Kunden gut an und nun sollen weitere Migros-­Filialen damit ausgerüstet werden. Denn das Thema trifft den Zeitgeist, auch auf den Web­portalen von CH Media stiess das neue System auf grosses Interesse.

Doch wie denkt die Genfer Migros-Kundschaft über das neue Angebot? Wir haben eine der Testfilialen im Quartier Champel besucht. Das Quartier gilt in der Stadt als Gegend für die eher wohlhabende Bevölkerung.

Es ist kurz vor fünf Uhr, zunehmend strömen Kunden in die Filiale, um nach der Arbeit ihren Abendeinkauf zu erledigen. Die 23 Säulen mit unverpackten Macadamianüssen, Pistazien und Basmatireis stehen neben Früchten und Gemüse, sowie dem abgepackten Frischfleisch-Kühlregalen. Alle Produkte tragen das EU-Label «Just Bio», nicht die Schweizer Bio-­Knospe.

In Frankreich ist das ­Konzept bereits verbreitet

Während knapp einer Stunde bedienen sich drei Kunden bei den Abfüllbehältern. Eine davon ist Sarah Agrebi. Sie betätigt den Schalter und schwupps landen mehrere Cashew-Nüsse im Plastiksack, den die Migros gratis zur Verfügung stellt. «Ich kenne das Konzept von meinen Einkäufen in Frankreich bei Carrefour, dort gibt es das schon länger.» Sie fände die Idee sehr gut, so könne sie genau die Menge kaufen, die sie brauche. Wer sein eigenes Gefäss mitbringt, muss das Nettogewicht von einem Mitarbeiter zuerst wägen lassen.

Auch Joe Boulos, Mitte Vierzig, kennt das Konzept aus Frankreich. «Ich kaufte regelmässig abgepackte, getrocknete Bananen für meine beiden Kinder, musste aber oft die Hälfte wegwerfen, weil das Ablaufdatum vorbei war.» Mit dem Offenverkauf könne er eine kleinere Menge kaufen. Ihn stört aber, dass die Migros mit Gratisplastiksäcken arbeite. «Man sollte die Kunden dazu bringen, ihre eigenen, wiederverwendbaren Säcke mitzubringen.» Er könnte sich zum Beispiel vorstellen, dass die Säcke künftig 5 oder 10 Rappen kosten würden. Den Reis kaufe er aber nach wie vor lieber in der Kartonbox, anstatt in einem Sack. «Die Box erachte ich als sicherer für den Transport nach Hause.»

Esther Buscaglia, Mitte Dreissig, scheint bei ihrem Einkauf das neue Angebot nicht zu beachten. Interessiert sie es nicht? «Doch, das ist eine gute Sache, aber es ist zu teuer, deshalb habe ich es noch nie benutzt.» Tatsächlich sind die Produkte ein Mehrfaches teurer als die abgepackten Pendants im Regal gegenüber. Bio-Produkte sind oft um die Hälfte teurer, doch der Offenverkauf ist auch im Vergleich mit verpackten Bio-Produkten teurer: Cashewnüssen kosten offen pro 100 Gramm 4.30 Franken – abgepackt Bio Max Havelaar nur 2.50 Franken – also auch fast doppelt so viel. Der offene Basmatireis kostet pro 100 Gramm 0.75 Franken – abgepackt Bio Alnatura sind es 0.62 Franken.

«Ich war mir dieser Preisdifferenzen nicht bewusst», sagt Kundin Liane Hoffmann, als sie darauf aufmerksam gemacht wird. «Das finde ich schwer nachvollziehbar, der Offenverkauf müsste gleich viel kosten oder weniger.» Dennoch sei der Test ein Schritt in die richtige Richtung.

Hoher Preis wegen mehr Betreuungsaufwand

Die Migros rechtfertigt die Preise damit, dass dieses Konzept einen «hohen Betreuungsaufwand» durch Überwachung, Beratungen und das Einfüllen erfordere.

Betrand Levy, Mitte 50, kannte das Konzept noch nicht, bis er an diesem Abend darauf hingewiesen wird. «Das ist ja super, ich nehme gleich ein paar Pistazien.» Und was ist mit dem Preisaufschlag? «Das stört mich nicht allzu sehr. Aber klar, irgendwann sollten sich die Preise angleichen.» Er hoffe zudem, dass Migros, Coop und Co. vermehrt auch Früchte und Gemüse ohne Verpackung anbieten werden. «Heute sind ja sehr viele Tomaten oder Gurken noch immer mit Plastik verpackt, das ist schade.»

Laut der Migros Genf interessieren sich auch andere Mi­gros-Filialen in der Schweiz für das Konzept. Und auch Greenpeace Schweiz begrüsst die Strategie. Das Angebot solle so rasch wie möglich auf andere Produkte ausgeweitet werden, fordert die Umweltschutzorganisation.

Aufgrund des hohen Lebensstandards entstehen in der Schweiz jährlich rund 80 bis 90 Millionen Tonnen Abfall. Mit 716 Kilogramm Abfall pro Person weist das Land eines der höchsten sogenannten Siedlungsabfallaufkommen der Welt auf.

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