Reisen
Auf dass die Hexen ja nicht landen – was es in Zagreb Skurriles zu entdecken gibt

Durch Zagreb donnert täglich ein Kanonenschuss.

Samuel Schumacher
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Jeden Tag um 12 Uhr knallts vom Lotrscak-Turm her durch die Gassen.

Jeden Tag um 12 Uhr knallts vom Lotrscak-Turm her durch die Gassen.

In Zagreb erzählten sie sich in diesen Tagen wieder die alte Geschichte jenes Jünglings, der in die Stadt kam, um Feuerwehrmann zu werden. «Zu schwach», sagte man ihm und schickte ihn fort. Er aber kletterte auf den 105 Meter hohen Turm der Kathedrale und machte auf dem bis heute höchsten Gebäude der Stadt den Handstand. «Zu schwach, wirklich?», soll er heruntergerufen haben. Den Job bei der Feuerwehr erhielt er noch am gleichen Tag.

Die Geschichte zeugt vom Kampfeswillen der Kroaten, vom unbändigen Glauben an den Erfolg. Er flammte wieder auf, als sich die Fussballnationalmannschaft an der WM bis in den Final spielte. Und als Nati-Captain Luca Modric Anfang Woche auf dem Zagreber Ban-Jelacic-Platz eintraf und sich vor den jubelnden Fans verneigte, feierte man ihn wie einst jenen Feuerwehrmann – auch wenn es nicht ganz zum Weltmeistertitel gereicht hat.

Zagreb, abgeleitet von «za bregom» («hinter dem Berg»), liegt abseits des touristischen Getümmels. Statt dem blauen Meer rauscht hier nur die braune Save, statt hippen Grossstadtvibes liegt eine friedliche Provinzialität in der Luft. Viel entspannter kann man sich die Stimmung in einer Millionenmetropole (und das ist Zagreb, wenn auch nur knapp) kaum vorstellen.

Wer aber mit offenen Augen durch die City spaziert, der sieht die Spuren jener Zeit, in der das Leben in der Stadt ein täglicher Kampf ums Überleben war. Die Stadtmauer, die sich um den Bezirk Gradec im Westen des Ban-Jelacic-Platzes zieht, zum Beispiel. Von den vier Stadttoren ist nur noch das «Stein-Tor» übrig geblieben. Auf ihm thront noch immer der riesige eiserne Stern. Der Legende nach hatten alle Altstadthäuser Zagrebs solche Sterne auf dem Dach, damit die Hexen, die durchs Land flogen, nicht landen und ihr Unheil in der Stadt verbreiten konnten.

Deutlich reeller als die Gefahr durch Hexen war die Gefahr durch die mongolischen Ritterheere, die im 13. Jahrhundert gefährlich nahe an Zagreb herankamen. Der Kroaten-König Béla IV. verteidigte die Stadt vom Lotrscak-Turm aus. Noch heute ragt er als Überbleibsel des Verteidigungswalls aus dem Dächermeer von Gradec.

Die Kanone allerdings, die aus dem Turmfenster schaut, wurde erst 1877 installiert. Täglich um 12 Uhr feuert sie. Besucher, die nichts ahnend durch die mit Cafés gesäumten Gassen der «Unterstadt» spazieren, zucken ob des Geballers zusammen. Wer das Spektakel verpasst, kann auch auf der Facebook-Seite der Kanone («Gricki top») vorbeiklicken. Dort postet der Zagreber Fanclub täglich um Punkt 12: «bum!».

Skurril, wahrlich. Doch Zagreb liebt das Skurrile. Das zeigt sich an den fantasievollen Graffiti, die die Gassen zwischen den Quartieren Kaptol (der alten Bischofsstadt), Gradec (dem Standort des kroatischen Parlaments) und der lebendigen Unterstadt zieren. Das zeigt sich an den Kunstausstellungen im Zrinski-Park, wo die Strassenlaternen derzeit mit Damenkleidern verhüllt sind. Und das zeigt sich im «Museum of Broken Relationships», der meistbesuchten Attraktion der Stadt. Hier hat ein Ex-Pärchen die Objekte seiner zerbrochenen Liebe ausgestellt und über die Jahre Hunderte weitere Gegenstände aus anderen verflossenen Liebschaften gesammelt. Die Ausstellung ist grandios. Und sie erinnert einen daran, dass letztlich leider alles endlich ist: die Liebe, die Angst vor umherschwirrenden Hexen und selbst die kroatische Hoffnung auf den Weltmeistertitel.