Arche Noah im All
Wenn hier nichts mehr geht, gehen wir: Wie die Menschheit die kommenden Katastrophen überleben könnte

Das Projekt «Flucht von der Erde», die Evakuierung der Menschheit, wird immer wieder ventiliert. Seine Notwendigkeit ist unbestritten, seine Realisierung trotzdem unwahrscheinlich. Am ehesten könnten es Milliardäre schaffen.

Christoph Bopp
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Eine «andere Erde» könnte so weit weg sein, dass die Menschheit im Raumschiff mit künstlicher Gravitation und Biosphäre überleben müsste.

Eine «andere Erde» könnte so weit weg sein, dass die Menschheit im Raumschiff mit künstlicher Gravitation und Biosphäre überleben müsste.

Bild: Getty Images

Es ist und war schon immer ein beliebtes Thema der Science-Fiction: die Flucht von der Erde. Viele Romane oder Filme beginnen leider erst danach. Sie beginnen schon mit der geflohenen Menschheit, die durchs All reist. Entweder auf der Suche nach einem Ziel oder ziellos in ihrem erdähnlichen Habitat.

Das ist schade, denn auf eine Antwort auf das «Paradox der technologischen Entwicklung» wäre man gespannt. Stanislaw Lem hat es in seinem Roman «Fiasko» (1986) «das Fenster des Kontakts» genannt: die Phase, in der eine Zivilisation technisch fähig und auch willens ist, Kontakt mit einer ausserirdischen Zivilisation zu suchen oder aufzunehmen. Er hat es auf «ein paar tausend Jahre» beschränkt; es dürfte eher noch kleiner sein.

Intellektuelle, die man ernst nehmen muss, wie zum Beispiel den verstorbenen Kosmologen Stephen Hawking, wurden nicht müde zu beteuern, eine intelligente Zivilisation, die an einen Planeten gebunden ist, sei nicht überlebensfähig. Hawking war nicht überzeugt, dass die Menschheit nochmals 1000 Jahre überstehen werde.

Stephan Hawking sagte voraus, dass die Erde schon bald unbewohnbar sein könnte.

Stephan Hawking
sagte voraus, dass die Erde schon bald unbewohnbar sein könnte.

Keystone

Nicht nur wir selbst sind unsere grösste Bedrohung

Im Zeitalter des Anthropozäns hat man sich angewöhnt, die Menschheit selbst als Ursache ihres Untergangs zu sehen. Und natürlich gibt es dafür einen Grund: Das nukleare Potenzial zur Selbstvernichtung ist zweifellos vorhanden und gross genug. Der ungebremste Klimawandel wird uns zwar nicht auslöschen, aber die Lebens­bedingungen werden härter. Dass uns das – oder der Ausbruch eines Supervulkans – zur Flucht zwingen wird, ist weniger wahrscheinlich.

Die grösste Gefahr kommt zweifellos von aussen, aus dem Weltall. Da schwirrt und fleucht genug Material ­herum, um das Leben auf dem Planeten auszulöschen. Die Wahrscheinlichkeit für ein einzelnes solches Ereignis mag gering sein, rechnete Stephen Hawking vor, aber zusammengenommen müsste sie längstens ausreichen, um uns klarzumachen, dass wir uns der Herausforderung, die eine Evakuierung der Menschheit bedeuten würde, stellen müssten.

Die Flucht ist reale Möglichkeit – und doch unwahrscheinlich

Sich auf die Flucht von der Erde vorzubereiten, ist eine vernünftige Zukunftsperspektive. Dass sie zustande kommt, ist aber hochgradig unwahrscheinlich. Das hat einerseits technische Gründe, die in der Sci-Fi-Literatur und den einschlägigen Filmen elegant übergangen werden, liegt aber auch in der Situation hier auf der Erde und vor dem Projekt.

Die technischen Probleme sind gross. Antriebssysteme, die uns von hier wegbringen und durchs All transportieren, haben wir nicht. Chemische sind völlig undenkbar, atomare eher unwahrscheinlich – von noch utopischeren wie Plasma- oder Anti­materieantrieben nicht zu sprechen.

Das grösste Problem dürfte der «Space-Elevator» sein, das System, welches das Material und die Roboter, welche dann im Erdorbit die Überlebensmaschine zusammenbauen, dort hinaufbringen müsste. Denn hier unten geht das nicht.

Die Arche 2.0 müsste gross sein, weil ihr Ziel wahrscheinlich so weit entfernt ist, dass sie für eine sehr lange Reise berechnet werden müsste. Eine Kolonie auf dem Mars oder allenfalls auf einem Jupitermond ist weniger geeignet, weil zu nahe der Erde, um bei einem kosmischen Ereignis, das die Erde zerstört, unbeschädigt zu bleiben. Das Schiff müsste für mehrere Generationen gebaut sein und eine mehr oder weniger komplette Biosphäre mit allen lebenserhaltenden Systemen mitführen können.

Die ökonomischen Herausforderungen für den Bau wären enorm. Mit der Beschaffung des Materials, der Metalle und seltenen Erden zum Beispiel, müsste man bald beginnen. Die Kosten wären angesichts der steigenden Preise exorbitant. Der Bevölkerung müsste man Konsumverzicht auferlegen.

Das Vorbild könnten die Kriegsvorbereitungen des Dritten Reiches abgeben. Damals hiess es «Kanonen statt Butter». Die Wirtschaft lief zwar vordergründig gut, Beschäftigung und Löhne stimmten. Aber für den Binnenkonsum wurde nichts produziert. Die Löhne wanderten unproduktiv aufs Bankkonto. Und bald war klar, dass die Zukunft nur noch mit dem Krieg, mit Raub und Ausbeutung zu finanzieren war.

Statt der Menschheit den eigenen Clan retten

Die ganze Menschheit zu retten, dürfte a priori unmöglich sein. Können Länder, welche in der Lage sind, die Arche zu bauen, ihre eigene Bevölkerung retten? Auch nicht. Und die USA stehen in dieser Frage vor der «Paradoxie der Demokratie». Man müsste die Leute dazu bringen, jetzt zugunsten einer zukünftigen Minderheit zu verzichten. Dazu ist demokratische Politik, die mit einem Zeithorizont von maximal vier Jahren arbeitet, schlecht in der Lage.

Die USA geben gerade Mal 0,2 Prozent ihres Bruttoinlandproduktes für Weltraumforschung aus.

Die USA geben gerade Mal 0,2 Prozent ihres Bruttoinlandproduktes für Weltraumforschung aus.

Keystone

Das chinesische System wäre dazu eher geeignet. Bereits heute kann eine Elite der grossen Mehrheit beinahe uneingeschränkt ihren Willen diktieren. China kennt auch am wenigsten Skrupel, Ressourcen schonungslos auszubeuten.

Vielleicht schaffen es die Chinesen. Im Westen scheint das wahrscheinlichste Szenario, dass einer der Superreichen eine Privatarche baut. Sie wäre wahrscheinlich nicht gross genug für eine wirkliche Flucht, aber mit dem Verkauf von Tickets für Asyl auf dem Mars finanzierbar. Ein solches Projekt wäre kaum generationenübergreifend und nicht für eine Reise ausserhalb des Sonnensystems denkbar.

Wer darf mit? Oder: Wer kann überhaupt mitreisen?

Die Auswahl der Crew wäre auch für ein staatliches Superprojekt eine harte Nuss. Angesichts der Alternative «mitreisen oder sterben» sind kaum Kriterien denkbar, die so etwas wie eine faire Auswahl garantieren könnten. Losentscheide sind auch nicht optimal, denn die Möglichkeit, dass dann Ungeeignete aufs Schiff kommen, ist gross.

Angesichts der Bedingungen auf einem Schiff, gedacht für eine Reise für Generationen, stellt sich die Frage, ob Menschen mit ihrer Biologie sich überhaupt eignen. Die Antwort: Eher nein. Man müsste die Spezies technisch (human enhancement) und genetisch massiv aufrüsten. Wären das überhaupt noch Menschen? Die Frage ist berechtigt, immerhin würde sich mit ihr dann die andere Frage erübrigen, ob die Rettung der Menschheit moralisch wirklich eine Notwendigkeit darstellte.

Tipp:

Manfred Brocker: Flucht von der Erde. Kann man die Menschheit evakuieren? In: Georg Pfleiderer/Harald Matern (Hg.): Krise der Zukunft I. Apokalyptische Diskurse in interdisziplinärer Diskussion. Pano-Verlag, Zürich 2020.

Manfred Brocker:
Flucht von der Erde. Kann man die Menschheit evakuieren?
In: Georg Pfleiderer/Harald Matern (Hg.): Krise der Zukunft I. Apokalyptische Diskurse in interdisziplinärer Diskussion.
Pano-Verlag, Zürich 2020.

Martin Rees: On the Future. Prospects for Humanity. Princeton University Press 2018.

Martin Rees:
On the Future. Prospects for Humanity.

Princeton University Press
2018.