Zurich Film Festival
Das ZFF endet mit einem Zuschauerrekord und prämiert Filme aus der Schweiz, Kolumbien und den USA

137’000 Zuschauer verzeichnet das Festival, das mit einer grossen Bandbreite an Filmen aufwarten konnte. Ein öffentliches Spektakel war «Mad Heidi». Konnte der Film die Erwartungen erfüllen?

Tobias Sedlmaier
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Elena Avdija nimmt das Goldene Auge für «Cascadeuses» entgegen.

Elena Avdija nimmt das Goldene Auge für «Cascadeuses» entgegen.

Bild: Tim Hughes / ZFF

Am Samstagabend wurden im Opernhaus der Stadt Zürich Gesänge einer anderen Art angestimmt: Arien voll des Lobes auf den Film. An der Award Night der 18. Ausgabe des Zurich Film Festivals nahmen die Preisträger ihr Goldenes Auge entgegen. Die angenehm kurzweilige und unterhaltsame Zeremonie moderierte der Schweizer Schauspieler Carlos Leal mit einem guten Schuss Selbstironie. Dagegen unterstrichen die wuchtigen Klänge der eingängigen neuen Suite «Eye to the World», komponiert vom Trio Baldenweg (Diego, Nora und Lionel), das Selbstbewusstsein des nun volljährigen Filmfests.

Ein Schweizer Beitrag kann sich über den Gewinn im Fokus Wettbewerb freuen, der Filme aus Deutschland, Österreich und der Schweiz versammelt: «Cascadeuses» von Elena Avdija gewährt Einblicke in die gefährliche und gegenüber den Männern noch immer ungerechte Welt von Stuntfrauen. Zum besten Spielfilm wurde «Los Reyes del Mundo» von Laura Mora Ortega über eine kolumbianische Strassengang gekürt. Die Jury betonte die «lyrische Filmsprache, die der rauen Realität eine metaphysische Dimension verleiht».

Raum für filmisch begeisterte Kinder

Die wohl bewegendste Dankesrede des Abends kam von den sichtlich berührten Gewinnern des Dokumentarfilms, die in «Sam Now» den Roadtrip eines Jungen auf der Suche nach seiner Mutter zeigen. Schön war auch, dem cineastisch begeisterten Nachwuchs so viel Raum einzuräumen. So präsentierten drei Kinder das kleine Auge für den Gewinner des ZFF für Kinder-Jurypreises «Lucy ist jetzt Gangster». Und Stefanie Heinzmann performte mit einer Kinderschar das Lied «Our Time Is Coming».

Ein Heimspiel im Opernhaus hatte der Gewinner des Publikumspreises, «Becoming Giulia», über die Tänzerin Giulia Tonelli, der von Regisseur Roland Emmerich übergeben wurde. Insgesamt wurden also drei dokumentarische Arbeiten prämiert; nach dem Gewinn des Goldenen Löwen für Laura Poitras «All the Beauty and the Bloodshed» in Venedig ist gerade eine Tendenz zu erkennen, dass der Dokumentarfilm womöglich gegenwärtig wichtigere Geschichten über die Welt zu erzählen weiss als der Spielfilm.

Ein neuer Zuschauerrekord

Das eigens errichtete Festivalzentrum mit Partyzelt (im Vordergrund).

Das eigens errichtete Festivalzentrum mit Partyzelt (im Vordergrund).

Bild: ZFF

Die Gala mit musikalischen Einlagen der Montreux All Star Band bot einen würdigen Rahmen für die Feier des Films, allerdings blieb man bei der Abschlussparty wieder einmal unter sich. Es ist schade, dass das ZFF die Gelegenheit nicht nutzt und sich hier wie andere Festivals mehr für die Stadt öffnet, für die es mit seinem Namen steht. Das mit einem Zaun abgesperrte Areal rund ums Opernhaus, wo das Publikum draussen im strömenden Regen der Film- und Medienbranche beim Cüpli-Schlürfen aus goldenen Bechern zuschauen darf, bestätigt eher das Klischee vom Zürcher Elitarismus.

Einen solchen hat das Festival überhaupt nicht nötig, wird es doch vom Publikum überragend angenommen: Ein erleichterter künstlerischer Leiter Christian Jungen verkündete die Rekordzahl von 137’000 Zuschauern. Für die Herausforderung, diese Zahl im nächsten Jahr zu halten oder gar zu übertreffen, steht Jungen von nun an Jennifer Somm als neue Geschäftsführerin zur Seite, die ihre Vorgängerin Elke Mayer ablöst.

«Mad Heidi»: Eine zwiespältige Angelegenheit

Der Abschlusstrailer am Samstagabend liess die Highlights der vergangenen zehn Tage Revue passieren, davon gab es so manche. Das öffentlich präsenteste war die Premiere von «Mad Heidi», die von zahlreichen kostümierten Figuren aus dem Film begleitet wurde, etwa dem «Neutralizer» mit eiserner Stierrüstung. Die Türsteher an der Veranstaltung am Freitagabend mit ihren an die Nazis angelehnten Kostümen wären dabei nicht unbedingt nötig gewesen.

Der selbsterklärt erste Schweizer Film aus dem blutigen, trashigen und parodistischen Bereich der sogenannten Exploitation, schickt das Heidi von der idyllischen Alm als Racheengel gegen einen Käse-Diktator. Das Resultat hinterlässt einen gemischten Eindruck. Einerseits kann man nur froh drüber sein, wenn in der Schweiz jemand ein solches Projekt stemmt und damit etwas Neues versucht: Der Film wurde zu zwei Drittel aus Crowdfunding finanziert und von einer breiten Anhängerschaft gepusht.

Dass ein solches Ansinnen für hiesige Verhältnisse gewagt ist, kann man auch den teils heftigen, ablehnenden Reaktionen im Vorfeld entnehmen. So war ein Zürcher Kantonspolizist wegen der Mitwirkung an der Produktion entlassen worden. Doch ganz so krass, wie er sich mit Eigenlob preist, ist «Mad Heidi» keineswegs ausgefallen; gerade für Liebhaber des abseitigen Films könnte dieser Fanservice par excellence trotz einiger Lacher zu glattgebügelt, zu überraschungsarm, zu erwartbar sein. Ende November läuft er im Kino, ab 8. Dezember kann man ihn auf seiner Website streamen.

Ein Vorgeschmack auf die Herbstsaison

Auch der Auftritt des italienischen Regisseurs Luca Guadagnino, der mit dem «A Tribute to… Award» geehrt wurde, zählte zu den meist erwarteten am ZFF. Sein Kannibalenfilm «Bones and All» (Kinostart im November), einer der ganz grossen Filme in diesem Jahr, nutzt das Horror-Genre, um differenziert und intelligent einen Generationenkonflikt zu sezieren. Das vermeintliche Highlight, die Film-Noir-Hommage «Marlowe» blieb hingegen weit unter ihren Möglichkeiten.

Auf einige Filme, die bald im Herbst anlaufen, konnte das ZFF einen Vorgeschmack liefern: «De Räuber Hotzenplotz» als frischerer Gegenpart zu «Der junge Häuptling Winnetou», die fantastische Sisi-Transformation «Corsage» oder auch die Influencer-Dokumentation «Girl Gang» – einer der meist diskutierten Beiträge dieser Tage. Bei anderen, wie «War Pony» oder «Eismayer» kann man nur auf einen Start in den Kinos hoffen. Dass das Publikum darauf wieder Lust hat, wurde vom Zurich Film Festival eindrucksvoll bewiesen.