Kultur

Woerdz-Festival: Die Schweizer Spoken-Word-Prominenz und ihre makabren Wahrheiten

Der Auftritt von Franz Hohler war zweifelsohne ein Höhepunkt des diesjährigen Festivals.

Der Auftritt von Franz Hohler war zweifelsohne ein Höhepunkt des diesjährigen Festivals.

Der Donnerstagabend brachte mit Franz Hohler und Endo Anaconda viel Prominenz auf die Bühne des Woerdz-Festivals im Luzerner Südpol.

In relativ kurzer Zeit hat sich das Luzerner Spoken-Word-Festival einen Namen in der internationalen Szene gemacht. Das hat nicht nur, aber sicher auch damit zu tun, dass bei vergangenen Woerdz-Ausgaben Grössen aus aller Welt zu Besuch waren. Die Coronapandemie verunmöglichte nun die Anwesenheit prominenter Gäste aus dem Ausland.

Aber wer Künstler wie Franz Hohler oder Endo Anaconda aufbieten kann, darf sich glücklich schätzen und macht diesen erzwungenen Verlust somit mehr als wett. Die beiden Schweizer Altstars sorgen am Donnerstagabend zu Beginn und gegen Ende der Veranstaltung im Südpol für magische Momente. Und auch die Basler von Dill & Kraut sowie Lokalmatador Christoph Fellmann stehen für hiesiges Bühnenliteraturschaffen von hoher Qualität.

Hohler beendet sein Programm mit dem
legendären «Totemügerli»

Den Start legt ein bestens aufgelegter Franz Hohler hin. Was diese Kabarettlegende mit 77 Jahren immer noch auf die Bühne zu bringen vermag, lässt wahrlich staunen. Mit einem gesungenen Text aus dem Jahr 1973 eröffnet er den Abend im grossen Saal mit einer schaurigen Pointe von trauriger Aktualität. In «Strandgut» entdecken Bewohner eines Küstenstreifens einen alten, muschelübersäten Koffer und öffnen diesen ohne Argwohn. Darin befindet sich fürs blosse Auge unsichtbar ein übler Virus. «Gott verhüte, dass dieser Koffer je gehoben wird», heisst es in einer Inschrift. Zu spät. Und uns bleibt nichts als ein wissendes, bitteres Lachen übrig.

Hohler glänzt danach mit kurzen, prägnanten Gedichten oder freien Übersetzungen von Beatles-Songs und Shakespeare-Sonetten. Sein Programm beendet Hohler mit der legendären Sagengeschichte «Ds Totemügerli»mit grösstenteils erfundenen Wörtern, die zwar Berndeutsch klingen, aber genauso Fantasiekonstrukte sind wie die nachfolgende pseudorätoromanische Übersetzung. Wir sind einmal mehr baff.

Daniela Dill in atemberaubendem Tempo

Danach wird es mit Spoken-Word-Akrobatin Daniela Dill und ihren musikalischen Mitstreitern Christoph Wüthrich und Florian Siess etwas lauter. Die musikalische Begleitung von Dills Texten passen sich derer Vielseitigkeit an.

Dill&Kraut mit Wortakrobatin Daniela Dill aus Basel.

Dill&Kraut mit Wortakrobatin Daniela Dill aus Basel.

Die Autorin spricht in teils atemberaubendem Tempo von Absurditäten des Alltags und taucht ein in die Tiefen (und manchmal auch Untiefen) der dünnen zivilisatorischen Decke, die unser Zusammenleben in der Wohlstandsgesellschaft umhüllt. Mal rätselhaft und kryptisch, mal provokant und vulgär evoziert Dill Szenen mitten aus dem Leben. Dazu knarzt die Gitarre mal bluesig leise, mal punkig schnell, bevor sie sich mit der Perkussion in anarchischem Grunge austobt. Das macht Spass und weckt die Sinne.

Fellmanns scharfsinnige Kapitalismusanalysen

In der zweiten Hälfte des Abends beglückt uns Theatermacher Christoph Fellmann mit anspruchsvoller Gesellschaftssatire. Seine Texte aus «Die grosse Menschenschau» basieren auf realen Biografien und sind unter anderem angehäuft mit scharfsinnigen Kapitalismusanalysen.

Scharfe Kapitalismuskritik lieferte Lokalmatador Christoph Fellmann.

Scharfe Kapitalismuskritik lieferte Lokalmatador Christoph Fellmann.

Es wird politisch und wir hängen an seinen zynischen Ausführungen, die wir manchmal erst mit etwas Verzögerung ganz fassen können, wenn er über «Life-Balance-Instagram-Shit» sinniert und lakonisch fragt, was noch Jugendkultur und was schon Dschihad sei.

Anacondas aberwitzige Konstruktionen

Das Finale begeht Endo Anaconda mit dem Gitarristen Boris Klecic. Dessen treibenden und melancholischen Riffs erinnern an Musik aus einem Jim-Jarmusch-Film – dazu passt die poetische und bildgewaltige Sprache Anacondas perfekt. Dieser heult wehklagend mit den Hunden, kratzbürstig, selbstironisch und düster-schön.

Poetisch und düster präsentierten sich Endo Anaconda (rechts) und Gitarrist Boris Klecic.

Poetisch und düster präsentierten sich Endo Anaconda (rechts) und Gitarrist Boris Klecic.

Auf «struppigen Hengsten» kommen die beiden manchmal wie apokalyptische Reiter daher. In Anacondas aberwitzigen Wortkonstruktionen schwingt dabei immer auch Gegenwartskritik mit. Er mokiert sich über «den Tourismus in den armen Alpen» und die «Hitzewelle auf den Lofoten» genauso wie über die verhaltensbiologische Deformation in der Social-Media-Moderne, wo man «grenzenlose Einsamkeit» kennt, aber sich in der virtuellen Welt doch nie ganz allein wähnt. Anaconda hält uns den Spiegel vor und erinnert uns daran, dass «hier niemand lebend raus kommt». Das Publikum dankt ihm für die makabre Wahrheit im lyrischen Kleid mit kräftigem Applaus.

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