An diesem Maimorgen wimmelts im Bahnhof Luzern von Touristen, Berufstätigen und Wanderfreudigen, die mit den Rolltreppen hinauf- und hinabfahren. Und mitten drin Samuel Steinemann. Der sportliche 48-Jährige sitzt im Bahnhofs-Café und bestellt einen doppelten Espresso. Dabei wirkt er inmitten des Treibens ruhig, ja beinahe still.

Er komme tatsächlich mit einem guten, geradezu ruhigen Gefühl nach Boswil, weil ihn dort keine Baustelle erwarte, sagt er. Und muss dann selber lachen. Denn das Künstlerhaus Boswil wird bald genau das: Eine Baustelle, bei der das Sigristenhaus umgebaut wird.

Entstehen sollen ein Musiksaal, Studios, Gästezimmer und Büroräume. Damit beauftragt ist aber eine Baukommission. «Ich meine den Ausdruck mit der Baustelle natürlich im übertragenen Sinn», sagt Samuel Steinemann. Er wird ab November 2019 Geschäftsführer des Künstlerhauses Boswil als Nachfolger von Michael Schneider.

«Mit Boswil kehre ich zu meinen Wurzeln zurück», erzählt der Zuger sachlich. Ein Redeschwall tönt anders. Nein, Steinemann ist kein Mensch, der sich selbst ins Rampenlicht rücken will. In kurzen, aber präzisen Sätzen gibt er Auskunft: Über seinen Werdegang; seine über zehnjährige Intendanz am Theater Casino Zug.

Erst als es um Projekte geht, die er dort realisiert hat, packt es ihn. Da ist er voller Freude. Etwa über die Pedalo-Konzerte, mit denen er die Passanten der Stadt Zug überraschte: «Das Konzert war Flashmob-artig, nicht angekündigt», erzählt er. Auf dem Zugersee spielten Streicher Mozart und Pachelbel, verstärkt von Mikrofonen und Lautsprechern. «Die Leute blieben staunend stehen und die Passagiere in den Bussen verrenkten sich den Hals, um zu sehen, woher die Musik kommt», erinnert sich Steinemann, der noch bis im Oktober Intendant des Theater Casinos ist.

Er selbst hat über persönliche Begeisterung zu seinem Beruf gefunden: «Der Klavierunterricht hat mich als Jugendlicher wirklich fasziniert.» Aufgewachsen sei er in einem musikalischen Elternhaus. «Aber meine Eltern waren keine Musiker, mein Vater spielte nur als Hobby Schwyzerörgeli. Ich habe das Instrument ein paar Jahre neben meinem Hauptinstrument Klavier gespielt.» Es folgte ein Studium der Musikwissenschaft und Musikethnologie sowie der Philosophie. «Das fand ich als Horizonterweiterung sehr gut.»

Bis heute pflegt Samuel Steinemann diesen offenen Horizont. Auch darin komme ihm die Arbeit in Boswil entgegen: «In Zug war ich verantwortlich für die künstlerische Arbeit des Casinos, arbeitete eng mit den Bereichen Gastronomie und Betrieb zusammen. Die Gesamtleitung in Boswil ist für mich spannend, weil ich aus der Zusammenarbeit fast alles schon kenne, und nun für ein gesamtes Haus die Verantwortung übernehmen kann», fasst er zusammen.

Die Musik ist nicht schuld

Seinen breiten Horizont merkt man auch den innovativen Konzertformaten an, die die Grenzen der Tradition lustvoll sprengen. «Das sind wir der Musik schuldig», ist er überzeugt. «Sie ist nicht schuld daran, dass das Format, sie zu präsentieren, über Jahrhunderte hinweg das gleiche blieb. Darum ist es wichtig, Musik immer wieder in einen neuen Kontext zu stellen.»

In Zug hat Steinemann das etwa mit Battles getan, wie sie bei Rappern oder Break-Dancern beliebt sind. Dieses Format hat er auf klassische Musiker übertragen. «Es war wohl die erste Klassik-Battle überhaupt», merkt er an.

Hören und lernen

Privat hört Steinemann genauso gerne Quartette von Schubert wie Songs von Singer-Songwriter James Blake. «Am liebsten ist mir immer die Musik, mit der ich mich gerade beschäftige», verrät er. Im Hier und Jetzt will er auch als Geschäftsleiter handeln. «Ich gehe nach Boswil, um zuerst zu schauen, zu hören und zu lernen. Und erst nach diesem Prozess zu überlegen: Was könnten die nächsten Schritte einer Weiterentwicklung sein?»

Dass in Boswil neben Konzerten auch Education gross geschrieben wird, findet er grossartig: «Es ist etwas vom Schönsten, wenn Jugendliche statt Kultur zu konsumieren, sich selber künstlerisch beteiligen». Passen da die Zuger Battles oder Open-Air-Konzerte überhaupt hin?

Fertige Formate auf ein neues Haus zu transferieren, findet der neue Intendant völlig falsch. «Ich gehe immer vom Ort aus. Schaue, was das Besondere daran ist.» Und, was ist das Besondere an Boswil? «Die Ruhe und innere Ausstrahlung des Orts, und dann die Lage in engster Nachbarschaft zu Feldern und Kühen, das ist schon sehr aussergewöhnlich», findet Steinemann. Und wer weiss, vielleicht geistert in seinem Hinterkopf dazu schon die eine oder andere Idee herum.