Bluesfestival Baden

Wie der Blues nach Wettingen kam

Freeway 75

Freeway 75

Dinu Logoz und Robert Goofy Egloff sind Schweizer Bluesmusiker der ersten Stunden. Jetzt feiern sie am Bluesfestival Baden mit den «Swiss Blues Legends» ein grosses Comeback.

Man muss sich das vorstellen: Der Blues, dieser Ur-Knall der heutigen Pop- und Rockmusik, ist zwar schon um die Wende zum 20. Jahrhundert entstanden, erreichte Europa aber mit rund 60-jähriger Verspätung. Britische Freaks entdeckten die Unterhaltungsmusik der Schwarzen Ende der 50er-Jahre und begannen auf verschlungenen Wegen, Bluesplatten zu sammeln. Über die britische Insel schwappte der Blues schliesslich auch auf den europäischen Kontinent – und auch in die Schweiz.

Der erste Schweizer Bluesmusiker: Chris Lange

Die britischen Musiker Alexis Korner (1928 – 84) und John Mayal haben in der Verbreitung des Blues in Europa sowie der Entwicklung einer europäischen Variante des Blues eine herausragende Pionierrolle gespielt. Korner gründete Anfang der 60er-Jahre die Band «Blues Incorporated». Es war die erste europäische Bluesband, die mit elektrisch verstärkten Instrumenten spielte und eine Vorreiterin von Bands wie The Rolling Stones, Animals sowie John Mayall’s Bluesbreakers.

Chris Lange - Racy Downhill

Chris Lange - Racy Downhill

New blues/r&b guitar music from me

Weitgehend unbekannt – oder vergessen – ist, dass auch ein Schweizer Musiker in den Geburtsstunden des europäischen Blues mitmischte. Etwa zur selben Zeit wie die britischen Bluesfreaks entdeckte der 1942 in Zürich geborene Gitarrist Chris Lange den schwarzen Rhythm and Blues von Fats Domino, Lloyd Price und Big Joe Turner und eignete sich das Blueshandwerk auf der Gitarre an.

Lange befreundete sich mit dem Sänger und Pianisten Champion Jack Dupree, der sich im Dezember 1960 in Zürich niederliess, um dort im legendären «Africana» den Blues zu predigen. Bereits 1961 wurde Lange als Begleit-Gitarrist unter dem Namen «Stuff» Lange auf Aufnahmen des US-Labels Folkways und dem dänischen Label Sonet/Storyville verewigt. Notabene ein Jahr vor der ersten Scheibe der britischen «Blues Incorporated» und vier Jahre vor dem epochalen Debüt der Bluesbreakers «John Mayall Plays John Mayall». Chris «Stuff» Lange war in der Schweiz ein Unikum, ein Exot und ein echter Pionier.

Geburtsstunde in Wettingen mit Freeway 75

Eine Art Schweizer Bluesszene entwickelte sich erst in den 70er-Jahren. Zentrale Figuren waren dabei der Gitarrist, Blues Harp-Spieler und Sänger Dinu Logoz sowie der Sänger Robert «Goofy» Egloff. Sie gründeten die Band «Freeway 75» und spielten im Januar 1972 das erste Konzert im Jugendhaus Wettingen. Es war so etwas wie die Geburtsstunde des Schweizer Blues und das «Badener Tagblatt» titelte am 28.1.1972: «Neuer Stern am Wettinger Pophimmel». «Mit drei Wettingern in der Band (Sänger Goofy Egloff, Keyboarder Stix Steiger und Schlagzeuger Philipp Winiger) wurden wir als Wettinger Band wahrgenommen», sagt Logoz, «aber eigentlich waren wir auch die Einzigen und die Ersten in der Schweiz. Auf jeden Fall die erste Schweizer Bluesband, die eine LP (1974) und eine Single (1973) aufnahm.»
Die LP «Boozed» wurde 1974 in den berühmten MPS-Studios in Villingen im Schwarzwald aufgenommen. Und wieder leistete Ur-Blueser Chris Lange wichtige Schützenhilfe. «Er war eine grosse Stütze. Er hat uns beraten und bei einigen Songs mitgespielt», sagt Logoz, «er hatte die Erfahrung und das Ohr, um uns zu sagen, was noch fehlt».

Die Platte verkaufte sich in Schweden und der Schweiz recht gut. Es folgten Konzerte in der ganzen Schweiz, unter anderem als Vorgruppe von Nazareth in Italien und ein Konzert mit Champion Jack Dupree in Deutschland, das aufgenommen und später als Live-Platte erschien. Doch dann wurde die Band übermütig. «Wir strebten nach Höherem. Wir wollten professioneller werden und trennten uns von Band-Mitgliedern», erzählt Logoz, «doch es war nicht mehr dasselbe. Wir haben die Band in ihrer Einfachheit zerstört».

Egloff ging für ein Jahr in die USA und wandte sich danach dem Theater zu. Dinu Logoz blieb mit Unterbrüchen der Einzige der Band, der fast immer musikalisch tätig blieb. Nach dem Ende von Freeway 75 wechselte er zu Langes «Driving Wheels» und gründete später mit dem Berner Gitarristen Rolf Lüthi die «Acoustic Blues Brothers».

Premiere am Bluesfestival Baden

Den Anstoss zum jetzigen Comeback gab aber Goofy Egloff. Vier der sechs Ur-Mitglieder von Freeway 75 sind dabei. Neben Egloff und Logoz sind das Keyboarder Stix Steiger und Flötist Bernie Wenger. «Es ist aber kein Revival von Freeway 75», betont Logoz. Vielmehr wurden für das Konzert am Bluesfestival Musiker und Musikerin eingeladen, die wesentlich zur Entwicklung des Blues in der Schweiz beigetragen haben. Eben: «Swiss Blues Legends».
Am Bluesfestival sind zwei Sets geplant. Es beginnt die Stammband «Rolf Lüthi & The Shuffle Kings». Danach stehen Logoz und der Schweizer Ur-Blueser Chris Lange im Mittelpunkt. Die wiedervereinigten «Freeway 75» beschliessen den ersten Teil. Das zweite Set bestreiten die «Thunder Horns», Walter Baumgartner (Gesang, Harp) und die Sängerin Yvonne Moore. Aus Basel kommt Cla Nett (Gitarre, Gesang), der Kopf der Lazy Poker Blues Band, sowie Boogie-Pianist Ray Fein. Dazu der Badener Lokalmatador Patrick Schneider an der Gitarre und im Finale die bekannte Jazz- und Bluessängerin Christine. Über den Auftritt von Jaccard freut sich Logoz besonders, weil sie zusammen in die Schule gegangen sind und Logoz sie zum Blues gebracht hat.

Initianten des Projekts sind Logoz und Egloff. «Wir erheben keinen Anspruch auf ein vollständiges Legenden-Programm», sagt Logoz. Als Vorbild gilt vielmehr das American Blues Festival, das mit wechselnden Besetzungen in den frühen 60er-Jahren zur Verbreitung des Blues in Europa beigetragen hat. Zunächst sind zwei Konzerte in Baden geplant (18.8. Badenfahrt). «Dann schauen wir weiter», sagt Logoz, «mein Traum wäre schon, dass wir das Projekt in andere Schweizer Städte tragen könnten.»

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