Neuestheater Dornach

Who the fuck is Jackson Pollock?

Ein ungleiches Paar: Martin Schneider als Kunsthistoriker und Claudia Burckhardt als Trödelhändlerin.

Ein ungleiches Paar: Martin Schneider als Kunsthistoriker und Claudia Burckhardt als Trödelhändlerin.

«Das Original» von Stephen Sachs feierte im Neuen Theater Dornach Premiere. Regie in der kurzweiligen Komödie führte Barbara-David Brüesch.

«Das Leben ist wie Sex – entweder man ist oben, oder man ist eben unten.» So klärt die Trödelhändlerin Maude Gutman (Claudia Burckhardt) den Kunsthistoriker Lionel Percy (Martin Schneider) über die gesellschaftlichen Realitäten auf. Dass er erschrickt, liegt allerdings an der einschlägigen Metapher, die sie verwendet, nicht am Inhalt. Denn er zweifelt keineswegs an einem Unterschied zwischen einer Ober- und Unterschicht.
Das zeigt sich zuerst darin, wie er mit Maude spricht. Und später in seinem rasch gefassten Urteil, dass das Bild, das sie besitzt, unmöglich ein Original von Jackson Pollock sein kann. Um das zu überprüfen, ist er extra angereist. Doch wie sollte jemand wie sie ein solches Bild besitzen? Jemand, der aussieht wie Cindy von Marzahn, säuft wie ein Loch und redet, wie es Gott verboten hat. Ein Bild von ihr gemacht hat er sich schnell. Vorschnell, wie sich herausstellen wird.

White Trash trifft auf Connaisseur

Bevor die Klischees ins Wanken geraten, werden sie aber noch so richtig zelebriert. Der weisse Abfalleimer auf der Bühne weist darauf hin: Maude repräsentiert eine gesellschaftliche Unterschicht, deren Lebensstil pejorativ als «White Trash» bezeichnet wird. Alles an ihrem Habitus deutet darauf hin: Ihr pinkiger Overall, ihre derbe Sprache, die Wurströllchen, die sie extra für ihren Besuch vorbereitet hat.
Natürlich lehnt er ab. Auch den Whiskey verwehrt er. «Der holt sie ganz schön runter!», meint Maude lachend. «Ich will aber lieber oben bleiben», kontert er. In den witzigen Dialogen wird schnell klar, wem welcher Bereich gehört: Bei ihr liegen die Sympathien, bei ihm die Macht. Denn er ist es, der das Kreuzchen setzen kann auf dem Formular, das darüber entscheidet, ob dieser Pollock echt ist. Um dieses entscheidende Kreuzchen herum baut Stephen Sachs seine Dramaturgie.
Der Dritte im Bunde ist Pollock. Auf der perspektivisch verjüngten Bühne (Valentin Köhler) einerseits repräsentiert durch das Kunstwerk, andererseits durch die schwärmerischen Worte des Kunsthistorikers. «Pollock war nicht ordentlich, er war ein Vulkan! Er explodierte! Immer kurz vor der Katastrophe.» Schnell wird klar, was den Akademiker am Expressionismus Pollocks fasziniert, denn er selber wirkt eher etwas gehemmt. Umso mehr überrascht, wenn er plötzlich beginnt, mit Farbtuben ums sich zu spritzen, als wäre er Pollock persönlich. Für einen Moment verschwimmen nicht nur die Konturen der Farben, sondern auch die Grenzen zwischen Hommage und Parodie. Ein besonders belebender Moment.

Kunst ist mehr als Ästhetik, sie ist Mittel zur Macht

Dank der starken Bühnenpräsenz des Duos ist das Stück kurzweilig, insgesamt sogar etwas kurz. Vielleicht hätte Schneider noch mehr von diesen fabelhaften Country-Liedern auf der Ukulele schrummen können? Eines der Highlight dieses Abends über bildende Kunst liegt nämlich interessanterweise in den Momenten der Musik (Christian Müller). Eine weitere Stärke des Stücks liegt in der Auseinandersetzung mit der Bewertung von Kunstgeschmack. Es visualisiert, was Pierre Bourdieu in seinem bahnbrechenden «Die feinen Unterschiede» bereits 1979 gezeigt hat: Dass die Kunst nicht einfach etwas Ästhetisches ist, sondern ein Mittel, sich abzugrenzen, ein Mittel zur Macht.

Das Stück basiert auf einer wahren Begebenheit

Umso interessanter ist die Tatsache, dass dem Stück eine wahre Begebenheit zugrunde liegt: Teri Horten, eine Truck-Fahrerin aus Kalifornien, hatte beim Trödler ein Bild erstanden, auf dem später Fingerabdrücke nachgewiesen werden konnten, die möglicherweise von Pollock stammten. Von Pollock hatte sie zuvor noch nie gehört – «Who the fuck is Pollock?», fragte sie. Später setzte sie alles daran, seine Echtheit zu belegen. Die Kunstwelt begegnete ihr mit Skepsis. Ob es sich bei dem Bild um ein Pollock-Original handeln mag, ist bis heute nicht klar. Ebenso wenig, wie relevant diese Frage ist.

«Das Original» Neues Theater, Dornach. Weitere Spieldaten: 10. Dezember, 9. Januar, 11. Januar, jeweils 19.30 Uhr, 12. Januar 18 Uhr.
www.neuestheater.ch

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