Sprachliche Moden und Marotten
Wer einen Hochdeutsch-Komplex hat, versucht ihn mit unnötigen Wörtern zu kompensieren

Unser Kolumnist Pedro Lenz stört sich an überflüssigen Wörtern, die in der Schweizer Standardsprache immer wieder auftauchen.

Pedro Lenz
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«Schweiz am Wochenende»-Kolumnist Pedro Lenz.

«Schweiz am Wochenende»-Kolumnist Pedro Lenz.

CH Media

Alle möchten richtig reden, ganz besonders richtig aber möchten wir Deutschschweizer es tun. Das gilt besonders dann, wenn wir sprachlich ins Hochdeutsche steigen und uns plötzlich eine verbale Höhenangst befällt. In solchen Situationen geben wir, um keinen Fehler zu machen, gern einmal etwas mehr in den Satz, als eigentlich nötig gewesen wäre.

Wollen wir zum Beispiel sagen, etwas gehöre zu etwas anderem, dann geben wir mit Vorliebe das Adverb «dazu» dazu. Es genügt uns in solchen Augenblicken nicht, zu sagen, der Schnee gehöre zum Winter oder das Scheitern gehöre zum Leben. Lieber sagt manch einer hierzulande: «Der Schnee gehört zum Winter dazu» oder «Das Scheitern gehört zum Leben dazu.»

Woher kommt dieses angehängte Dazu? Was ist sein sprachlicher Mehrwert? Es gab eine Zeit, da brauchte man es nicht. Vielleicht hat es mit der sprach­lichen Evolution zu tun, dass immer mehr Leute meinen, so ein nutzlos angehängtes Adverb gehöre heute zur Sprache dazu.

Die gleiche Marotte wie bei der Falschanwendung von «dazu» lässt sich beim Adverb «darauf» beobachten. Weil wir nicht selten meinen, beim Reden komme es auf die Menge der Sprachkrücken an, entfahren uns Sätze wie: «Es kommt beim Reden tatsächlich auf die Menge der Sprachkrücken darauf an.»

Mit anderen Worten: Wir setzen ein Darauf obendrauf, an Stellen, an denen niemand danach gefragt hat. Darauf, dass immer öfter dieses, an besagter Stelle vollkommen nutzlose, Darauf zu hören ist, können Sie wetten. Es kommt im Einzelfall nur auf Ihre persönliche Sprachsensibilität an, ob Sie es bemerken oder nicht.

Früher kannte man ein ähnliches Phänomen mit der Vergleichspartikel «wie». Vielen Deutschschweizer genügte es im Hochdeutschen nicht, einfach zu sagen, irgendetwas wachse immer mehr oder von irgendetwas gäbe es immer mehr. Es hiess dann etwa: «Von diesen Virusmutationen gibt es immer wie mehr.» Was hatte das Wörtchen «wie» in derartigen Aussagen verloren?

Heute hört man das unangebrachte Wie zum Glück immer weniger. Dafür wird ein anderes Wie von Jahr zu Jahr prominenter. Es ist das «Wie», das einem Adjektiv vorangestellt wird in Sätzen wie: «Ich fühle mich heute den ganzen Tag wie müde.» Oder: «Dieses Gebäude ist mir wie zu modern. Es hat für meinen Geschmack wie zu wenig Cachet.»

Wir können vermuten, dass jede dieser Beifügungen unnützer Wörter über einen sprachlichen Komplex hinwegtäuschen soll. Es ist der Komplex derer, die glauben, Hochdeutsch sei tatsächlich in irgendeinem Sinn höher angesiedelt als ihre eigene Sprache.

Menschen, die unter einem solchen Komplex leiden, betreiben mit dem Einsatz unnötiger Wörter eine Art Kompensation. Sie verhalten sich wie Köche, die meinen, das Essen werde automatisch besser, wenn man möglichst viele Zutaten beigibt. Vielleicht kommt es wie auf den eigenen Geschmack darauf an, und möglicherweise gehört es einfach zum Schlechtreden dazu, dass man immer wie mehr unnötiges Zeugs sagt.