Kunst

Was heisst schon Sicherheit? Zwei Ausstellungen geben unterschiedliche Antworten

Lama Altakruri verknüpft Bilder der Barmelweid-Webcam mit Grüssen von alten Postkarten im Video «I don’t know what day it is» zu einem persönlichen und aktuellen Gefühlscocktail.

Lama Altakruri verknüpft Bilder der Barmelweid-Webcam mit Grüssen von alten Postkarten im Video «I don’t know what day it is» zu einem persönlichen und aktuellen Gefühlscocktail.

Die Barmelweid ist für Lama Altakruri ein Safe Bubble. Im Forum Schlossplatz in Aarau zeigt die palästinensische Künstlerin, was sie damit meint. Im Kunstraum Aarau garantiert Stefan Jäggi dem Publikum perfekte Fotos.

Es wirkt wie Ironie der Geschichte. Safe Bubbles, sichere Orte auf Zeit, sind seit Jahren das Thema der Künstlerin Lama Altakruri. Aber kaum war die 38-jährige palästinensische Künstlerin Anfang Jahr für ihren sechsmonatigen Aufenthalt im Gästeatelier Krone in Aarau angekommen, brach die Coronakrise aus. «Ich habe mit Sorgen die Lockdown-Situation meiner Familie in Palästina verfolgt, wo früh ein totales Ausgehverbot herrschte», sagt sie. Hier in Aarau, in ihrem Atelier, im Wald habe sie sich sicher gefühlt, aber auch einsam.

Lama Altakruri ist seit Januar im Gästeatelier Krone in Aarau.

Lama Altakruri ist seit Januar im Gästeatelier Krone in Aarau.

Noch vor Corona ist sie – auch dies wirkt wie ein vom Zufall gelenkter Volltreffer – bei einem Spaziergang mit Künstlerin Susanna Perrin auf die Barmelweid gestossen. Wunderbar sei die Lage, speziell das Ambiente des ehemaligen Lungensanatoriums, das heute Klinik, Ausflugsziel und Treffpunkt sei, sagt Lama Altakruri. Während des Lockdowns war die Barmelweid abgeriegelt, machte sich selber zum Safe Bubble – aber natürlich blieb sie sichtbar. Zum einen real als weithin sichtbarerer Komplex und aus der Nähe beobachtbar für Lama Altkruri, die wie so viele andere auch durch Corona zur Spaziergängerin wurde. Zum zweiten bietet die Barmelweid mit einer Webcam dem Publikum eine wunderbare Aussicht von der Jurahöhe über Aarau und das Aaretal – sonnig oder verhangen, morgendlich frisch oder dämmerig.

Und zum dritten hat Altakruri in Aarau alte Postkarten aus der Barmelweid mit ihren jahrzehntealten Grussbotschaften gesammelt. Was steckt wohl hinter den teilweise oft banalen Grüssen, den oft einzigen Lebenszeichen von Langzeit-Patienten an Familie und Freundinnen? 33 konnte sie erwerben. Die Sujets hat sie mit einem halbtransparenten Papier abgedeckt, je einen auf Englisch übersetzten Kernsatz der Grussbotschaft darauf geschrieben.

Alte Postkarten mit Sätzen der Barmelweid-Patienten: "Ein Lebenszeichen von mir: Heute regnet es."

Alte Postkarten mit Sätzen der Barmelweid-Patienten: "Ein Lebenszeichen von mir: Heute regnet es."

Sätze aus den Karten hat sie mit Ausschnitten der Webcam gekoppelt – und sie so zu einem Gefühlscocktail verarbeitet. Das Video bildet den Auftakt zu ihrer kurzen Ausstellung im Forum Schlossplatz.

Eine Woche lang konnte sie dann doch noch im Gästehaus der Barmelweid wohnen, das Ambiente der Safe Bubble erleben. «Es hat mir sehr gut gefallen, trotz der Vorsichtsmassnahmen!» Als Erinnerung hat sie Servietten gesammelt, die sie jeweils zum Frühstück bekam. «Immer grün und aus Papier, das ist ein Ritual, das einem vertraut wird, ein heimatliches Gefühl vermittelt», wie sie sagt. Diese hat sie mit Gummistempel-Sujets bedruckt: der Silhouette des alten Hauptbaus, dem Emblem des Notausgangs, einer Parkbank oder dem Kopf des Alpakas, das sie als Attraktion der Barmelweid empfand. Nun hängen sie an Leinen im Forum, als fragile, vergängliche Zeichen.

Die Frühstücksservietten hat Lama Altakruri mit Stempelbildern bedruckt.

Die Frühstücksservietten hat Lama Altakruri mit Stempelbildern bedruckt.

Fragil ist Lama Altakruris eigene Zukunft. Wann sie heimreisen kann, ist noch offen. «Noch gibt es keine Flüge nach Jordanien», sagt sie, «und die Grenze von Jordanien nach Palästina ist noch zu.» Es sei der einzige Weg, um heimzukehren.

Im Kunstraum ist das perfekte Foto ist garantiert

Betont Lama Altakruri die heikle Balance zwischen sicherer Gewohnheit und Gefährdung, so bietet uns Stefan Jäggi im Kunstraum Aarau Sicherheit. Er baut seine Objekte so, dass wir mit Garantie ein perfektes Foto davon machen können. Der gelernte Fotograf weiss, die Sensoren jeder Kamera reagieren gleich auf Rot, Grün und Blau. Sie brauchen Weiss zum Abgleich und scharfe Linie, um sich scharfzustellen. Um die Bilder im Photoshop noch perfekt in die Horizontale und Vertikale zu shiften, helfen Linien. Und die Arbeit sollte ein fotografisches Normformat gut füllen.

"Shoot me!" Objekt zum Fotografieren von Stefan Jäggi

"Shoot me!" Objekt zum Fotografieren von Stefan Jäggi

«Eigentlich kam mir diese Idee, weil Kunst im globalen Markt heute immer öfter per digitale Fotografie angeboten und gekauft wird», sagt er und schmunzelt. Wer fotogene, online-taugliche Kunst produziere, habe grössere Erfolgschancen. So baut er aus MDF-Tafeln und Holzstützen Objekte, die wie eine Mischung aus konstruktiver Kunst, Industrial Design und Signaletik-Elementen wirken. Zusätzlich baut er Wahrnehmungsirritationen ein: Etwa dass das Weitwinkelobjektiv des Handys eine Linie gerade rückt, oder dass Sockel seitlich nicht fertig gebaut werden müssen, weil man sie für die Illusion des Ganzen auf dem frontalen Foto nicht braucht.

Stefan Jäggi, 48, ausgestattet mit einem Master in Kunst, agiert spielerisch mit dem Widerspruch von künstlerischer Idee und Markt, und geschickt mit dem Wechselspiel von analog und digital. Wenn er professionelle Fotos seiner Objekte auf grauem Grund anfertigt und sie schattenfrei auf Bildschirmen präsentiert, so wirken sie wie Renderings, wie am Computer designte Modelle. Wie wenn er uns beweisen möchte: So einfach ist es doch nicht mit fotografischer Wirkung und Sicherheit.

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