Kunst

Vorne Selfie, hinten Bürgerkrieg: Diese Ausstellung ist kein Zuckerschlecken

Martha Rosler seziert mit einem scharfen Blick ihre politische und körperliche Umgebung.

Martha Rosler seziert mit einem scharfen Blick ihre politische und körperliche Umgebung.

Martha Rosler und Hito Steyerl stellen im Kunstmuseum Basel aus. Wer sich einlässt, wird mit klugen Gedanken und anspruchsvollen Verknüpfungen belohnt.

Die deutsche Künstlerin Hito Steyerl steht im verwüsteten Diyarbakir und tut, was heutzutage Millionen von Menschen tun, wenn sie etwas wissen wollen: Handy, sag mir, was Sache ist. «Siri, who destroyed this city?» Ihr iPhone antwortet umgehend. «I am not sure I understand your question.» Das Handy kann es nicht, es versteht keine heiklen Fragen, keinen Kontext, keine Politik. Es ist ein Gerät, kein Mensch.

Kein Gerät, aber genauso an der Grenze zum Menschlichen sind Models in Hochglanzmagazinen. Die US-Amerikanerin Martha Rosler hat seit Jahren eine Faszination für sie, als Überbringer einer heilen Welt, Verkörperungen des American Dream. Mit denen sie kurzen Prozess macht: Hinter die Hochglanz-Einrichtung und posende Models klebt sie Bilder aus dem Irak- und Afghanistankrieg. Verwahrloste Kinder sitzen plötzlich neben schmucken Modelkids in aufwendigen Raumdecors. Eine blonde Frau macht ein Selfie – hinter ihr Tanks und brennende Gebäude.

Martha Roslers Sprache ist hart und kristallklar. Ihr platter Zynismus ist Absicht – er verweist auf die einfachen Codes, die sich Menschen zugelegt haben, um mit komplexen Themen umgehen zu können. Bilder gegeneinander ausspielen. Extreme vertreten. Siri fragen.

Weg mit der Kuschelhaltung

Es ist kein besonders aufbauender Standpunkt, den diese beiden Künstlerinnen vertreten. So erstaunt es auch nicht, dass die dichte Ausstellung, die Kurator Soren Grammel zurzeit mit Steyerl und Rosler im Kunstmuseum Basel | Gegenwart ausrichtet, alles andere als ein Zuckerschlecken ist. Wer gemütlich rumschlendern will, solls hier gar nicht erst versuchen. Ist die Kuschelhaltung aber erst einmal abgelegt, kommen die Inhalte ganz von selbst. Wer sich einlässt, wird mit klugen Gedanken und anspruchsvollen Verknüpfungen belohnt.

Zum Beispiel eben Diyarbakir. Im Video, das Steyerl mit ihrem Handy in der südostanatolischen Kurden-Stadt gedreht hat, sind Zerstörung und Debris zu sehen, aber auch Referenzen auf den Technikpionier El Jazari, einen islamischen Ingenieur des 12. Jahrhunderts, der den ersten «Roboter» gebaut haben soll. Stolz erzählen die Bewohner von ihm. Später tanzen zwei Männer Roboterfiguren in den Ruinen einer Stadt, die von bewaffneten Drohnen – Robotern – zerstört wurde.

Drillwerkzeug und MTV-Ästhetik

Gezeigt wird das Video in einem, so Saalblatt, «multimedialen Environment»: grosse Gerüste, die wie überdimensionale Spielzeuge in den Raum ragen, dazwischen als Sitzflächen angelegte Leuchtkästen, die in MTV-Ästhetik die fünf häufigsten Wörter in englischen Popsongs der letzten zehn Jahre buchstabieren: «Hell Yeah We Fuck Die». Bei den Gerüsten handelt es sich um Parkour-Trainingsmodule – eine beliebte Sportart, in der man durch urbane Umgebungen springt und klettert. Parkour geht aus einer militärischen Flucht- und Kampftechnik hervor, die überdimensionalen Spielzeuge sind ursprünglich Drill-Werkzeuge. Sie drehen das Siri-Prinzip um: Aus Menschen werden Maschinen gemacht.

Während Steyerl grossformatig auftrumpft, nimmt Rosler in der Ausstellung die bedeutend kleinere Rolle ein. Diese bewusste Gewichtung mag unfair scheinen, in Wahrheit ist es genau die richtige Entscheidung: Die Werke der beiden Künstlerinnen gewinnen gerade durch ihre Gegenüberstellung an Aussagekraft. Es geht nicht darum, zweimal eine Soloshow mit besonders bezeichnenden Werken hinzulegen. Hier ist keine Profilierung gefragt. Das Konzept geht tiefer: zwei Künstlerinnen, die mit scharfem Blick ihre politische und körperliche Umgebung sezieren und gemeinsam an neue, offene Enden gelangen. Oder anders gesagt: das Gegenteil von eben rasch mal Siri fragen.

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