Die 65-jährige Elisabeth Marti hat gerade keine Zeit für ein Gespräch. Es steht Kundschaft im Laden. Die Geschäfte im eigenen Sportgeschäft laufen rund. Später, als der Kunde gegangen und die Ware verkauft ist, sagt sie: "Ich arbeite leidenschaftlich gerne." Sie ist nicht nur Unternehmerin, sondern auch Buchautorin. Ihr Werk "Mutausbruch" war ein Bestseller.

Doch ihr Start ins Leben war hart: Sie war die Zweitälteste von vier Geschwistern. Als der Vater starb, brachte die Mutter die damals vierjährige Elisabeth auf einen Bauernhof. Statt Spielen und Lernen stand für Elisabeth Arbeiten auf dem täglichen Stundenplan. "Die Bäuerin habe ich als ganz böse Frau in Erinnerung", sagt sie. Schläge mit dem Teppichklopfer waren an der Tagesordnung. Manchmal konnte Elisabeth vor Schmerzen nicht mehr sitzen und kaum gehen.

Nach der Schulzeit arbeitete Elisabeth Marti als Haushalts- und Küchenhilfe, in der Pflege und als Kinderbetreuerin. Zusammen mit ihrem Ehemann eröffnete sie ein Elektrofachgeschäft, welches die beiden aber aufgeben mussten.

Heute führt Elisabeth Marti zusammen mit ihrer Tochter ein Sportgeschäft. Sie ist viel gereist, hat das Klettern und den Sport für sich entdeckt. "Es gab einen Zeitpunkt, wo ich sagte, dass ich mich entscheiden muss: entweder für immer leiden oder den Mut aufbringen, das Leben zu leben."

Dass sie nun vom Fotografen Peter Klaunzer porträtiert wurde, findet sie wichtig, aber nicht um Ihretwillen. "Die Verdingkinder sollen nicht in Vergessenheit geraten. Und sie stehen auch dafür, dass es immer Ungerechtigkeiten gibt, vor denen man nicht die Augen verschliessen sollte."

Schicksale erhalten Gesicht

In seinen Bildern nähert sich Peter Klaunzer den bewegenden Lebensgeschichten wie jener von Elisabeth Marti behutsam an. Er ermögliche einen Einblick in die heutigen Lebensumstände der betroffenen Personen, heisst es in der Einladung zur Ausstellung. Die Ausstellung ist auch eine Hommage an hunderttausende Betroffene, die oftmals unerkannt und ungewürdigt bleiben. Die Ausstellung will zur Rehabilitation der Verdingkinder beitragen.

Auf die Idee zur Ausstellung kam Peter Klaunzer Ende 2014, als er für die Fotoagentur Keystone (heute Keystone-SDA) die Einreichung der Wiedergutmachungsinitiative auf dem Bundesplatz fotografierte. Er kam damals mit ehemaligen Heim- und Verdingkindern in Kontakt und sah, wie schwierig diese Ausgangslage für das spätere Leben dieser Menschen war.

Die Ausstellung wurde zuerst während acht Monaten von November 2016 bis Juni 2017 im Käfigturm in Bern gezeigt. Die Ausstellung im Anna Göldi Museum ist adaptiert und bis am 28. Oktober zu sehen.

Fürsorgerische Zwangsmassnahmen waren in der Schweiz bis 1981 angeordnet worden. Zehntausende von Kindern und Jugendlichen wurden an Bauernhöfe verdingt oder in Heimen platziert, viele wurden misshandelt oder missbraucht. Menschen wurden zwangssterilisiert, für Medikamentenversuche eingesetzt oder ohne Gerichtsurteil weggesperrt, weil ihre Lebensweise nicht den Vorstellungen der Behörden entsprach.

Das Parlament entschied im September 2016, dass ehemalige Verdingkinder und andere Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen vom Bund einen Solidaritätsbeitrag von bis zu 25'000 Franken erhalten sollen. Insgesamt stehen 300 Millionen Franken zur Verfügung. Gesuche konnten bis am 31. März 2018 eingereicht werden. Die Zahl der Gesuche blieb mit 9000 aber deutlicher tiefer als die erwarteten 12'000 bis 15'000.