Trotz des immensen Basler Kulturangebots fährt das Schweizer Publikum regelmässig zu Kulturveranstaltungen und Ausstellungen über die Grenze ins Elsass und nach Südbaden. Das funktioniert um so besser, je leichter und unkomplizierter dies ist. Eine wichtige Rolle spielen Nähe und Erreichbarkeit.

Wenn sich das Vitra Design Museum, Vitra Schaudepot, Gallery und Fire Station im deutschen Weil am Rhein 2017 über einen Besucherrekord von knapp 179'000 Design-Interessierten freuen dürfen, ist das zu einem Drittel auf Besucher aus der Schweiz zurückzuführen. Davon stammt etwa die Hälfte aus der Region Basel.

Allein die grosse Ausstellung über Roboter hat mehr als 40'000 Besucher angelockt. Zu Vitra kommt man leicht: Entweder direkt mit dem deutschen 55er Bus der SWEG vom Basler Claraplatz, von der Endstation des 8er-Trams zu Fuss in zehn Minuten oder mit dem Velo. Ausserdem sind genügend Parkplätze für Autofahrer vorhanden.

Auf Schweizer angewiesen

Auch im Lörracher Burghof, den es seit 1998 gibt, spielen Schweizer Besucher eine «wichtige Rolle», wie Mediensprecher Jan Obri mitteilt. «Wir sind auch auf das Schweizer Publikum angewiesen. Genaue Zahlen möchten und können wir aber nicht rausgeben.» Es seien auf jeden Fall deutlich weniger als die Hälfte und es sei von Genre zu Genre verschieden. «Tanz läuft gut, ebenso vereinzelte Klassik-Konzerte mit bekannten Künstlern und teilweise auch Jazz», präzisiert er. Vom Basler Bahnhof SBB ist der Burghof jede halbe Stunde mit der S-Bahn bequem zu erreichen.

Noch grösser sei der Anteil der Schweizer Besucher beim Festival Stimmen – hier vor allem bei den grossen Marktplatzkonzerten. «Massive Attack kam 2016 sehr gut an. Es ist auch eine Frage der Exklusivität und der Preise.» Der Burghof sucht auch Kooperationen wie mit Culture Scapes oder dem Tanzfestival Steps. «Wir sind im kommenden April Spielort. Das ist dann ein Ansporn, mal zu uns zu kommen», betont Obri.

Erstaunlich gut hat sich das Kunstmuseum Fondation Fernet Branca entwickelt, das sich seit 2006 in einer stillgelegten Brauerei in Saint-Louis befindet. Der damalige Maire Jean Ueberschlag war dem Rat von Ernst Beyeler gefolgt, auf Qualität zu setzen. So erinnert das Museum tatsächlich im Kleinen ein wenig an die Fondation Beyeler. Es strahlt einen zenmässigen Charme aus, was sich mittlerweile auch in Basel herumgesprochen hat. Die derzeitige Ausstellung zu den Künstlern Gilgian Gelzer und Raúl Illarramendi lockte in den letzten drei Monaten die erstaunliche Zahl von 36 Prozent der Besucher aus der Schweiz ins Südelsass. Vorher sind die Zahlen nicht erhoben worden.

Mehr Besucher dank 3er-Tram

Ganz in der Nähe befindet sich seit der Jahrtausendwende das Theater La Coupole. Eléonora Rossi, künstlerische Leiterin, spricht von zehn Prozent Besuchern aus der Schweiz, französisch- wie auch deutschsprachig. «Sie interessieren sich für Konzerte, Tanz, Operette, Oper, Zirkus aber auch Theater.» Mit der neuen 3er-Tramverlängerung hätten die Zahlen bereits zugenommen. Die Haltestelle Soleil liegt einige Hundert Meter vom Theater entfernt. Positive Auswirkungen des Trams erhofft sich auch die Fondation Fernet Branca, die sogar ein wenig näher liegt.

Mit einer Tramhaltestelle in der Nähe kann das «Théâtre de la Fabrik» nicht dienen. Es bietet deutschsprachiges Kleintheater, Kabarett und Musik an. Die Besonderheit: Es befindet sich in einer alten Garnfabrik im elsässischen Hégenheim – 300 Meter hinter der schweizerisch-französischen Grenze in Verlängerung der Hegenheimerstrasse. Theaterleiter Freddy Allemann sieht sein Theaterprojekt auch als Engagement für trinationales Denken. Am Anfang war es schwer, die Leute über die Grenze zu holen.

«Mittlerweile sind wir fester Bestandteil der Kleintheater in der Region Basel und haben ein Stammpublikum. Diese Saison und auch die letzte war die Auslastung gut», berichtet er. Oft sei man ausverkauft. «95 Prozent unserer Besucher kommen aus der Nordwestschweiz.»

Fahrdienst wird rege genutzt

Die Lage in der Einöde hat einen Vorteil: Es gibt Parkplätze. Den Nachteil der fehlenden öV-Anbindung hat man kreativ gelöst: Drei Autos stehen für einen Fahrdienst vom Kannenfeldpark zum Kleintheater zur Verfügung. Die Fahrt dauert wenige Minuten, man zahlt dafür so viel, wie man möchte. «Der Fahrdienst hat enorm zugenommen und wird in den Wintermonaten rege genutzt», erzählt Allemann.

Generell gilt, dass die Basler die Organisation von Kultur-Shuttles sehr schätzen. Das berichtet auch Fabienne Blanc, Geschäftsführerin der Regionale. Einmal im Jahr finden in 18 Institutionen im Dreiland Kunstausstellungen statt. Die Grundidee ist, dass an jedem Ausstellungsort Künstler aus den drei Ländern vertreten sind. An drei Sonntagen wird für 20 Franken ein Shuttle mit Führungen angeboten. «Von Basel sind die Busse immer sehr gut besetzt», berichtet Blanc.

Mit einem ähnlichen Angebot macht die Kaserne seit einigen Jahren gute Erfahrungen. Unter dem Titel «Voyage Voyage» finden zwei bis drei Mal im Jahr Busfahrten zur Filature in Mulhouse statt. 45 Franken kostet das und im Preis sind Fahrt und Eintritt enthalten. 50 Plätze gibt es im Bus. «Das ist sehr erfolgreich und oft ausverkauft», sagt Geschäftsführer Thomas Keller.

Filature und Kaserne habe teilweise ein vergleichbares Programm. «Wir fahren zu Aufführungen, die bei uns nicht gezeigt werden», so Keller weiter. Der Fall war das bei der Trisha Brown Dance Company oder dem kanadischen Theaterregisseur und Schauspieler Robert Lepage. Zuletzt war der Bus am 13. Januar voll besetzt, als in der Filature das Tanzstück Kalakuta Republik von Serge Aimé Coulibaly gezeigt wurde. Die Filature organisiert ihrerseits regelmässig Car-Reisen zu Aufführungen der Kaserne.

Zahlen, wie viele Schweizer Besucher insgesamt in die Filature kommen, gibt es nicht. «Bei Jazz- und anderen Konzerten, Tanz, Zirkus und Opern höre ich allerdings Besucher Deutsch oder Schweizerdeutsch sprechen», erzählt Michel Charles-Beitz, Generalsekretär der Filature. Zu Opern und klassischen Ballett-Aufführungen kommen fünf Prozent der Zuschauer aus der Schweiz, heisst es bei der Opéra du Rhin.

Ein regelmässiger Opern-Besucher ist der Basler Raumplaner Hans Wirz. Er schätzt, dass in Frankreich werkgetreuer inszeniert wird. «Der Regisseur spielt sich nicht so in den Vordergrund.» Im Schnitt fünf Mal im Jahr fährt er in die Filature. Ein Nachteil ist die schlechte Verkehrsanbindung: Schon um 22.16 Uhr fährt der letzte Zug zurück nach Basel. Dann sind die Vorstellungen noch nicht beendet. Wirz behilft sich mit Mobility.

Kein HdM-Effekt in Colmar

Je weiter man sich von Basel entfernt, desto mehr nimmt das Interesse am Kulturangebot ab. So verzeichnete das renommierte Colmarer Unterlindenmuseum mit seinem berühmten Isenheimer Altar von Matthias Grünewald 2015 und 2016 gerade mal drei Prozent Besucher aus der Schweiz. 2017 waren es mit 3,5 Prozent etwas mehr, aber in absoluten Zahlen aufgrund der zurückgegangen Eintritte weniger.

Am geringen Schweizer Interesse hat auch der spektakuläre Erweiterungsbau der Basler Architekten Herzog & de Meuron nichts geändert, der Anfang 2016 feierlich eingeweiht wurde. «Es gab keinen wirklichen Effekt Herzog & de Meuron, obwohl wir das erwartet hätten», kommentiert Mediensprecherin Marie-Hélène Siberlin.

Spektakuläre Zahlen gibt es auch auf der anderen Rheinseite, in Freiburg im Breisgau, nicht. Tim Lucas, Mediensprecher am Theater Freiburg, hat keine Erhebungen zu Schweizer Besuchern. «Interesse gibt es vor allem an Musiktheater und Tanz. Wir wünschen uns mehr Publikum aus der Schweiz, haben aber durchaus Stammkunden aus Basel.»