Velo
Transportmittel oder Lifestyle-Objekt: Welcher Velotyp sind Sie?

Der Frühling ist, die Leute schwingen sich wieder aufs Velo. Doch welcher Radfahrtyp sind Sie? Ein Technikfreak, ein Nostalgiker, eine Fashionista oder doch ein Familienarbeiter?

Andrea Freiermuth
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Nostalgisch oder modebewusst: Welcher Velotyp sind Sie?

Nostalgisch oder modebewusst: Welcher Velotyp sind Sie?

Keystone

Das Velo ist längst nicht nur ein Transportmittel für Mittellose oder Trainingsgerät für Sportverrückte: Es ist ein Lifestyle-Objekt, mit dem man an seinem Image feilt und seine Persönlichkeit definiert. Egal,ob Banker, Kreativer oder Pendler – für jeden gibts den passenden fahrbaren Untersatz.

Der Banker Er muss den Mercedes nicht zu Hause lassen. Denn heute wollen sogar Autohersteller im boomenden Velomarkt mitmischen. Die Mercedes-Benz-Velolinie ist allerdings nur was für Markengläubige.

Viel besser fahren Finanzdienstleister mit einem Elektrovelo wie etwa mit dem Stromer Platinum von Thömus. Das Designervelo unter den E-Bikes führt schnell, schweisslos und schnittig nach oben – äh ans Ziel. Zwar ist das Schweizer Produkt keine Prestigemarke, trotzdem hebt man sich damit vom Volk ab. Denn nur Gutbetuchte wollen sich ein Elektrovelo für rund 5000 Franken leisten. Apropos Tuch: Beim britischen Premium-Velokleider-Label Rapha gibt es einen dreiteiligen Nadelstreifenanzug für Businessbiker, für 3000 Pfund.

Der Nostalgiker Er fährt die Oldtimer unter den Zweirädern: Rennvelos, die noch aus der Zeit von Hugo Koblet und Ferdy Kübler stammen; Hollandräder mit geschwungenem Rahmen und Körbchen am Lenker oder Traditionsmarken wie Condor, Cavallo oder Cilo, die schon vor Jahren bankrott gingen.

Vielleicht ist er sogar Mitglied in einer Vereinigung wie etwa dem Velosolexclub Nordwestschweiz, dem Militärvelo-Verein Appenzell oder dem Velo-Veteranen- Club der Schweiz. Der Liebhaber historischer Zweiräder trägt aus Prinzip keinen Helm und scheut sich auch nicht im Wolltrikot und bloss mit einem Gang über den Gotthard zu fahren. Seine Freizeit verbringt er an Velobörsen, auf Martkplätzen im Internet – oder im Keller am Flicken.

Die Fashionista Man würde es nicht denken, aber selbst modebewusste Mädels lieben das Fahrrad. Nicht etwa weil jetzt auch Armani, Chanel und Gucci Zweiräder mit ihrem Namen schmücken. Nicht weil Velos heute cool und trendy sind.

Nicht weil es inzwischen modische Velo-Accessoires wie zum Beispiel als Hüte getarnte Helme (Yakkay), farbig glänzende Komponenten (Tune) oder Sattelbezüge im Leopardenlook (Liix) gibt.

Nicht weil frau auf dem Velo automatisch eine gute Figur macht. Und auch nicht wegen Fashionblogs wie Velovogue, Cyclechic oder Velocouture. Nein, der Grund ist viel profaner: Mit dem Velo kann frau parken, wo immer sie will. Das ist äusserst praktisch, denn jeder Schritt in Highheels ist einer zu viel.

Der Pendler Berufsreisende haben zwei Optionen: Entweder sie geben sich mit einem Rostgöppel zufrieden oder sie investieren in ein Klappvelo. Letzteres hat den Vorteil, dass es zum ständigen Begleiter – und so nie zum Opfer von hinterhältigen Dieben wird.

Skeptiker meinen zwar immer noch, dass Faltvelos umständlich sind und schmutzig machen. Aber das war einmal: Heute lassen sie sich mit wenigen Handgriffen auf Aktentaschengrösse zusammenfalten und oft haben sie einen Riemenantrieb.

Das heisst, an der Stelle der schmierigen Kette befindet sich ein sauberes Gummiband. Und auch die plus minus zehn Kilogramm, die durch den Zug geschleppt werden müssen, stellen kein Hindernis dar. Im Gegenteil: Etwas Gewicht ist gut für den Bizeps, denn fürs Training im Fitnesszentrum fehlt dem echten Pendler sowieso die Zeit.

Der Familienarbeiter Er fährt mit Vorteil ein Velo mit viel Laderaum. Denn schliesslich muss er den Nachwuchs in die Krippe oder auf den Spielplatz bringen und Unmengen von Nahrungsmitteln und Getränkeharrassen nach Hause schleppen. Der Minivan unter den Zweirädern ist das Cargo Bike der holländischen Marke Bakfiets. Bei diesem Modell ist zwischen dem Lenker und dem Vorderrad eine Holzbox mit Sitzbank montiert.

Der Pragmatiker Ihm ist es egal, wie er daherkommt. Hauptsache, das Gefährt bringt ihn sicher und sauber von A nach B. Ein Velo ohne Licht, Schutzblech und Gepäckträger wäre für den praktisch veranlagten Radfahrer unvorstellbar. Am liebsten hat er auch gleich ein integriertes Schloss, Reflektoren in den Rädern und ein fest installiertes Körbchen. Trotz dem Extragewicht überholt er immer wieder mal einen Rennradfahrer – schliesslich fährt der Pragmatiker nicht nur bei schönem Wetter Velo und hat darum eine recht gute Kondition.

Der Technikfreak Der erste Samstag im September ist ihm heilig. Dann nämlich pilgert er an den Publikumstag der Eurobike in Friedrichshafen am Bodensee. An der weltgrössten Fahrradmesse informiert er sich aus erster Hand über alle Neuheiten der kommenden Saison.

Er hat zahlreiche Fachmagazine abonniert und blüht beim Fachsimpeln auf. Selbstverständlich hat er sein Bike rechtzeitig zum Frühlingsbeginn aufgerüstet – oder gleich ein neues Modell gekauft. 2011 lautet sein Credo Riemenantrieb, 29-Zoll-Räder, Nabenschaltung und Leistungsmessung in den Pedalen.

Der Kreative Alles, was ihn vom Wesentlichen ablenkt ist ihm ein Gräuel. Darum ist sein Flitzer schlank, schlicht und oft schwarz. Ohne Schutzblech und anderen Schnickschnack. Purist, der er ist, fährt er am liebsten ein Single Speed ohne Bremsen.

Dass er damit an der Kreuzung nicht rechtzeitig Halt machen kann und mit bloss einem Gang am Berg schnell mal stehen bleibt, kümmert ihn nicht gross. Er ist halt unkonventionell und den Leitsatz «form follows function» hat er schon längst abgeworfen – zusammen mit dem Gepäckträger.

Der Alternative Bei ihm gilt die Devise: Hauptsache anders. Darum fährt er am liebsten Liegerad. Das sieht zwar komisch aus und ist eher unpraktisch, aber ist sicher nicht Mainstream. Der alternative Velofahrer ist Mitglied des Vereins Future Bikes Schweiz und Teilnehmer der Spezialfahrradmesse Spezi Ende April im deutschen Germersheim.

Dort tauscht er sich mit seinesgleichen unter anderem darüber aus, wie man es verhindert, von den Autos plattgewalzt zu werden. Das ist natürlich für alle Radler ein dringliches Thema, aber für Liegevelofahrer im Speziellen – denn sie liegen ja praktisch schon auf der Strasse.

Golden Agers Die Kinder sind draussen und das Haus ist abbezahlt. Darum geben Leute über 50 gerne mal 2000 oder 3000 Franken für ein gutes Velo aus. Schliesslich ist so ein Fahrrad auch eine Investition in die Gesundheit.

Männer dieser Gattung erfüllen sich vielleicht sogar einen lang gehegten Wunsch, kaufen sich ein Rennrad aus Karbon und arbeiten dann an ihrer Kondition. Dabei gilt: Je grösser der Bauch, desto leichter das Velo.

Nützliche Velolinks

www.velomarkt.ch: Online-Börse für Gebrauchtvelos, nach Kategorien geordnet.

www.veloboerse.info: Online-Börse für Gebrauchtvelos, mit detaillierter Suchmaske.

www.pro-velo.ch: Nationaler Dachverband der Verbände für die Interessen der Velofahrenden in der Schweiz. Velobörsenkalender mit rund 30 Einträgen im April.

www.velojournal.ch: Führende Schweizer Zweirad-Fachzeitschrift und das Verbandsorgan der Pro Velo.

www.bikedays.ch: Das Outdoor-Velo-Festival vom 6. bis zum 8. Mai in Solothurn.

www.eurobike-show.de: Internationale Fahrradmesse in Friedrichshafen mit mehr als 1000 Ausstellern, Publikumstag am 3.September.

www.slowup.ch: Autofreie Erlebnistage von Schweiz Mobil, Saisonstart am 10.April am Murtensee.