Satire

Tabubruch mit Menschlichkeit: Renato Kaiser mit Salzburger Stier ausgezeichnet

Das Gegenteil einer intellektuellen Kunstfigur: Der 33-jährige Kabarettist und Satiriker Renato Kaiser.Bild: Filolino

Das Gegenteil einer intellektuellen Kunstfigur: Der 33-jährige Kabarettist und Satiriker Renato Kaiser.Bild: Filolino

Der Satiriker Renato Kaiser erhält den renommierten Kabarettpreis Salzburger Stier. Die Jury lobt ihn als präzis und eigenwillig.

Renato Kaisers erstes Bühnenprogramm aus dem Jahr 2010 trug den charmanten Titel «Er war nicht so – ein Nachruf». Die Chance, dass in ferner Zukunft einmal einer einen Nachruf auf diesen Ostschweizer halten könnte, stehen seit gestern besser denn je. Denn der 33-jährige Satiriker und Bühnenkünstler hat für die Schweiz den renommierten Kabarettpreis Salz­burger Stier gewonnen. Zu­sam­men mit dem österrei­chischen Kabarettisten Florian Scheuba und der Satirikerin Sarah Bosetti aus Deutschland.

Nach Patti Basler (2019), Christoph Simon (2018), Hazel Brugger (2017) und Gabriel ­Vetter (2006) ist Renato Kaiser bereits der fünfte Künstler, der sein kabarettistisches Handwerk von der Pike auf mit Auftritten an Poetry Slams stetig verfeinert und perfektioniert hat. Die Jury begründet ihren Entscheid mit Kaisers Charme, seinem «präzisen, eigenwilligen Denken» und seinem «mitreissenden Talent».

Eine neue Generation von Bühnenkünstlern

In den Sozialen Medien klopften ihm gestern die Alt-Stiere in der traditionell eng verbundenen Slamszene freudig auf die Schultern. «Er wird ihm nicht zu Kopf steigen. Denn Renatos Kopfhaut ist eine semi-permeable Membran. Da geht Verstand rein und heraus diffundiert Liebe», schrieb Patti Basler.

Christoph Simon kalauerte mit Pathos ein royales «Feiert den Kaiser!». Gabriel Vetter, der den Stier einst als jüngster Preisträger der Geschichte zugesprochen bekam und mit dieser gewichtigen Legitimation seines Schaffens vielen nachfolgenden Slam­poeten den Weg ins Kabarett ­ebnete, grub ein paar Fotos aus dem Archiv aus, auf denen man den Kaiser als jugendliches Milchgesicht sieht – mit viel Haupthaar auf dem Kopf.

Das ist einige Jahre her, die ­Haare sind weg, und Renato Kaiser steht heute mit seiner ­unfrisierten - Art für eine neue, lockere und erfolgreiche Generation Bühnenkünstler: Sie bloggt, schreibt Bücher und Kolumnen, veröffentlicht Youtube-Videos, sie moderiert und veranstaltet und wechselt geschmeidig zwischen Bühnen, Youtube, Radio und Fernsehen hin und her.

Seinen Stil und die Routine hat sich der Studienabbrecher Kaiser, der 2012 die Schweizer Slammeisterschaften gewonnen hat, auf Slambühnen erarbeitet. «Um 2012/13 wusste ich plötzlich nicht mehr, wofür ich eigentlich stand. Da wurde mir bewusst, dass alles, was ich tue, durch die Klammern Satire und Komik zusammengehalten wird», erzählt er. Drei Kabarettprogramme und zwei humoristische Bücher hat er geschrieben. Kaiser ist Gastgeber der ­Satire-Show «Kaiser-Schmarren» und als Radiosatiriker in der «Zytlupe» auf SRF1 zu hören.

Was er sich für seinen ­Grabstein wünscht

Das Schweizer Fernsehpublikum kennt ihn als semi-seriösen Korrespondenten aus Michael Elseners «Late update»-Show, wo er mit gestreifter Krawatte und einer für Journalisten unerhörten Portion Impulsivität das politische Weltgeschehen kommentiert.

Dabei bleibt Kaiser bei allem, was er tut, das Gegenteil einer intellektuellen Kunstfigur, wie sie die Slampoetin und Satirikerin Lisa Eckhart ­verkörpert, die den Stier im ­letzten Jahr für Österreich gewann. Er macht kein fauchendes, beissendes Kabarett mit Raubtierrhetorik. Er ist laut und freundlich. Bodenständig und tiefgründig. Mit seiner Ausstrahlung an maximaler Freundlichkeit lässt er einen vergessen, wie intelligent und bissig seine Pointen bisweilen sind, die ihm so locker über die Zunge gehen. Vielleicht auch deshalb löst der Tabubrecher Kaiser im Internet keinen Shitstorm aus.

Das zeigt sich wunderbar an Kaisers erster SRF-Doku «Tabu», in der er das Wagnis eingeht, über Randgruppen ­Witze zu reissen anstatt die Mächtigen in die Pfanne zu ­hauen. Kaiser begleitet in dem Fernsehformat Angehörige einer Randgruppe über mehrere Tage: arme Menschen, behinderte Menschen, übergewich­tige Menschen, unheilbar kranke Menschen.

Und er macht auf der Bühne Witze über sie, über die sie selbst am meisten lachen müssen. «Unsere Gesellschaft empfindet diese Witze ja nur als Problem, weil wir diese Menschen als schwach ­etikettieren», analysiert Kaiser die scheinheiligen Motive hinter diesem übertriebenen und oft auch gefährlichen In-Schutz-Nehmen von Randgruppen.

Zurück zum Nachruf. Was soll denn da einst drinstehen über ihn? «Meinetwegen darf man alles, was der Salzburger Stier über mich gesammelt hat, auf meinen Grabstein schreiben. Auf der Rückseite könnte dann stehen: ‹Okay, wenn ihr meint...?›»

Autor

Julia Stephan

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