Kolumne

Sprachliche Moden und Marotten: Warum Social Distancing besser ist als Physical Distancing

«Schweiz am Wochenende»-Kolumnist Pedro Lenz.

«Schweiz am Wochenende»-Kolumnist Pedro Lenz.

In seiner Kolumne schreibt Schriftsteller Pedro Lenz diese Woche über ein Wort, das die meisten von uns erst seit ein paar Wochen kennen.

Es gibt Leute, die meinen, jedes Wort einer Sprache sage in allen Ländern das Gleiche. Das stimmt nicht. Reden wir etwa über einen Alltagsgegenstand wie unser Handy, verstehen nur wir, was wir damit meinen. Für das mobile Telefon verwenden wir im Schweizerdeutschen die englische Bezeichnung «Handy». Das tun wir ungeachtet der Tatsache, dass englischsprachige Menschen das Wort «Handy» im Zusammenhang mit mobilen Telefongeräten nicht verstehen. Was bei uns ein «Handy» ist, ist in den USA ein «Cell Phone» und in England ein «Mobile Phone». «Handy» ist demnach ein englisch klingendes schweizerdeutsches Mundartwort.

Ähnlich verhält es sich mit dem Wort «Goalie». Das schweizerdeutsche Wort für den Torhüter klingt in unseren Ohren Englisch. Es ist eine Abwandlung der englischen Berufsbezeichnung «Goalkeeper», wird aber im Englischen weder verwendet noch verstanden.

Irgendwann wird sich die Geschichtsschreibung mit der Coronapandemie von 2020 befassen. Dann wird ein Begriff vorkommen, den man vielleicht im englischen Sprachraum ganz anders oder gar nicht versteht. Das Wortpaar «Social Distance», das wir heute und hier so oft verwenden, meint bei uns den Abstand zwischen den Menschen. Da könnte jemand argumentieren, das Wortpaar sei falsch, weil es ja bei «Social Distance» nicht um eine soziale, sondern um eine rein körperliche Distanz geht. Deswegen müsse das Wortpaar, der sprachlichen Logik gehorchend, «Physical Distance» heissen.

Wer so argumentiert, hat streng sprachlich gesehen wohl recht. Aber der Begriff «Social Distance» ist, ähnlich wie «Handy» oder« Goalie», ein sehr spezifischer Begriff. «Social Distance» verwenden wir bei uns nur im Zusammenhang mit der Coronapandemie. Noch vor zwei Monaten wussten die meisten von uns mit diesem Wortpaar nichts anzufangen.

Wenn also jemand sagt, man soll bei uns im Zusammenhang mit dem Abstand von zwei Metern zwischen den Leuten nicht von «Social Distance», sondern von «Physical Distance» reden, dann stimmt das nur bedingt. Rein theoretisch könnte man den bewährten Begriff «Abstand» verwenden. «Abstand» hätte als Begriff in der Deutschschweiz zwei Vorteile. Zum einen ist er Deutsch, was ihn für viele verständlich macht. Zum andern ist er klanglich mit «Anstand» verwandt, was eine Kampagne ermöglichen würde mit schönen Sätzen wie: «Wer Anstand hat, hält Abstand» oder «Abstand aus Anstand».

Das Problem ist allerdings, dass «Abstand» als Begriff bereits zu verbreitet ist. Wenn wir das Wort «Abstand» hören, denken wir vielleicht ans Abstandhalten auf der Autobahn, aber nicht unbedingt an einen medizinisch empfohlenen Abstand. Reden wir dagegen von «Social Distance», dann wissen mittlerweile alle Deutschschweizerinnen und Deutschschweizer, dass der medizinisch notwendige Abstand gemeint ist. Dass «Social Distance» nicht sozial gemeint ist, verstehen unterdessen selbst die Asozialen.

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