Sprachliche Moden und Marotten
Von der definitiven Endgültigkeit der Sprache

Unser Kolumnist Pedro Lenz stört sich definitiv am Wörtchen «definitiv», das heute inflationär gebraucht wird.

Pedro Lenz
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«Schweiz am Wochenende»-Kolumnist Pedro Lenz.

«Schweiz am Wochenende»-Kolumnist Pedro Lenz.

CH Media

Wer sich sprachlich äussert, möchte möglichst langfristig wahrgenommen werden. Das Problem ist bloss, dass Sprache immer flüchtiger wird. ­E-Mails, Kurznachrichten oder Textbeiträge in sozialen Netzwerken haben keine lange Halbwertszeit. Sie werden hinausgeblasen und sind kurz danach meistens schon vergessen. Oder wissen Sie noch alles, was sie in der letzten Woche elektronisch verbreitet haben? Und wissen sie noch, was Sie in dieser Zeit elektronisch zugeschickt bekommen haben?

Auf elektronischem Weg wird viel geschrieben, wenig gelesen und fast nichts behalten. Ein bisschen anders sieht es mit der gedruckten Sprache aus. Diese Kolumne zum Beispiel ist auf eine Zeitungsseite gedruckt. Ein Exemplar dieser Zeitung könnte etwa als Isolationsstoff im Hohlraum ­zwischen zwei Holzwänden verwendet werden. Würde die betreffende Wand in hundert Jahren herausgerissen, könnte jemand diesen Text noch
in hundert Jahren lesen. Bedingung wäre freilich, dass Leute in hundert Jahren überhaupt noch wissen, dass auf Zeitungspapier Texte stehen können.

Wenn die elektronische Sprache schon flüchtig ist, dann ist es die mündliche Sprache erst recht. Das ist auch gut so, denn oftmals ist es sicher vorteilhaft, dass unüberlegt geäusserte Sätze sich verflüchtigen. Das gibt einem die Chance, dem Gegenüber zu sagen, man habe den geäusserten Satz nicht so gemeint, oder mehr noch, das gegenüber habe ihn nicht richtig verstanden.

Das ist, dies nur als eingeschobener Gedanke, ein grosses Problem bei SMS-Nachrichten oder E-Mails. Sie werden oft in der Attitüde der Mündlichkeit verfasst, also spontan, oft unüberlegt und flüchtig. Die Empfängerin oder der Empfänger kann aber einen so abgeschickten Text hundert Mal durchlesen und sich in einzelne Formulierungen verbeissen. Das wäre bei einem Telefongespräch oder einem Gespräch am Küchentisch kaum möglich, weil der Satz, der unbedacht geäussert wurde, nicht beliebig oft wieder hervorgeholt werden kann.

Heute möchten allerdings viele Menschen, selbst auf die Gefahr hin, sich zu blamieren, dass ihre Sätze (ob gesprochen oder geschrieben) ewiggültig sind. Nur so ist der inflationäre Gebrauch des Adjektivs «definitiv» zu erklären.

Kaum jemand schafft es heute noch, einen normalen Aussagesatz zu machen, ohne das Adjektiv «definitiv» zu verwenden. Dabei kann es um völlig belanglose Werturteile gehen: «Das ist definitiv die beste Pizza, die ich diese Woche gegessen habe.» Wir vernehmen den Begriff auch bei Skisportkommentaren: «In dieser Passage ist sie definitiv sehr stark gefahren.» Selbst in Liebeserklärungen: «Ich habe definitiv Lust auf dich.»

Wie bei fast allen Sprachmarotten ist im Nachhinein schwer zu klären, wann sich dieses recht sinnfreie «definitiv» in der Alltagssprache eingenistet hat. Anzunehmen ist, dass sich «definitiv» irgendwann wieder zurückzieht und nur noch dann zum Einsatz kommt, wenn es inhaltlich Sinn macht. Es wäre definitiv wünschenswert.