Oh mein Gott, denkt man sich gleich zu Beginn von «Ready Player One», geht es der Welt in 27 Jahren wirklich so schlecht? Wir blicken auf eine Stadt, die nur aus chaotisch aufgetürmten Wohnwagen besteht: So haust die Menschheit im Jahr 2045.

Kein Wunder, dass sich hier alle eine Brille aufsetzen und stundenlang in die virtuelle Welt namens Oasis eintauchen. Die echte Welt, erklärt uns der Teenager Wade Watts (Tye Sheridan), werde eigentlich nur noch für drei Dinge benötigt: um zu schlafen, um zu essen und um die Toilette zu benutzen.

Trailer zu «Ready Player One»

Der Trailer zu «Ready Player One»

Die Oasis ist grenzenlos – hier kann jeder und jede sein und tun, was er oder sie möchte. Wade beispielsweise nennt sich Parzival, rast mit dem DeLorean aus «Zurück in die Zukunft» durch ein virtuelles New York und sucht nach einem goldenen Ei.

Dieses hat James Halliday (Mark Rylance), der kürzlich verstorbene Schöpfer von Oasis, irgendwo in seinem digitalen Erzeugnis versteckt. Der Clou: Wer das Ei zuerst findet, wird neuer Besitzer von Oasis.

Dazu gilt es allerlei Rätsel zu lösen sowie unbeschadet an berühmten Filmschurken wie Godzilla, Freddy Krueger oder den unheimlichen Zwillingen aus «The Shining» vorbeizukommen. Halliday hat die Oasis mit popkulturellen Referenzen aus seiner Jugend vollgespickt.

In der virtuellen Welt kurvt Parival mit dem DeLorean aus «Zurück in die Zukunft» herum.

In der virtuellen Welt kurvt Parival mit dem DeLorean aus «Zurück in die Zukunft» herum.

Das war bereits die Ausgangslage im 2011 erschienenen Bestsellerroman «Ready Player One» von Ernest Cline. Die Wahl, wer den Stoff nun fürs Kino fit machen sollte, fiel logischerweise auf Steven Spielberg.

Kaum ein anderer Filmregisseur hat die Popkultur der 1970er- und 80er derart seinen Stempel aufgedrückt: «Der weisse Hai», «Unheimliche Begegnung der dritten Art», «E.T.», «Indiana Jones» ...

In seiner Bescheidenheit hat Spielberg bei seiner Verfilmung nun aber auf Clines Anspielungen an seine Filme verzichtet. Einzig der T-Rex aus «Jurassic Park» hat in «Ready Player One» einen Auftritt.

Missratener jugendlicher Elan

Aber Moment mal, denken Sie jetzt vielleicht, läuft von Spielberg derzeit nicht auch noch der Journalistenfilm «The Post» mit Meryl Streep und Tom Hanks im Kino?

Richtig – in einem Anflug von jugendlichem Elan hat der 71-jährige Regieveteran gleich zwei Filme auf einmal rausgehauen. Allerdings mit bescheidenem Erfolg.

«The Post» hatte er in Windeseile fertiggestellt, damit sich der Film gerade noch für die Oscars qualifizieren konnte. Wo er dann, gefärbt von teilweise vernichtenden Kritiken, nur zwei Nominationen (und null Preise) erhielt.

Steven Spielbergs Name allein garantierte einst volle Kinosäle.

Steven Spielbergs Name allein garantierte einst volle Kinosäle.

Und «Ready Player One» schaffte es am vergangenen Wochenende zwar an die Spitze der amerikanischen Kinocharts, allerdings mit dem bescheidenen Einspielergebnis von knapp über 50 Millionen Dollar. Ob der Film sein gewaltiges Produktions- und Marketingbudget von über 400 Millionen Dollar wieder einspielt, ist fraglich. Schon Spielbergs letzter teurer Film «The BFG» hatte 2016 an den Kinokassen enttäuscht.

Wie konnte Spielberg, dessen Name allein einst volle Kinosäle garantierte, plötzlich zur Hypothek für die grossen Hollywoodstudios werden? Das ist das grösste Rätsel, das «Ready Player One» aufwirft. Denn eigentlich bietet dieser Film dem Regieveteranen eine ideale Spielmatte, um sich auszutoben.

Was Spielberg allerdings darauf anstellt, ist ein visuell überbordendes Chaos, das im besten Fall für Verwirrung sorgt und im schlechtesten für Kopfschmerzen. Durch jedes Bild huschen Hunderte verschiedene Film- und Videospielfiguren, so schnell und klein, dass man als Zuschauer am liebsten auf den Pause-Knopf drücken möchte.

Cineastisches Wimmelbild: Ach, könnte man im Kino bloss den Pause-Knopf drücken...

Cineastisches Wimmelbild: Ach, könnte man im Kino bloss den Pause-Knopf drücken...

Doch dieses Wo-ist-Walter-Spielchen verliert spätestens nach dem dritten Mal seinen Reiz. Obwohl Spielberg stark in den Romaninhalt eingegriffen hat, begeht er denselben Fehler wie Autor Cline: statt zu kuratieren, stapelt er einfach eine Referenz auf die nächste.

In der Summe macht das dann etwa so viel Spass, wie in einem dicken, schweren und verstaubten Popkultur-Almanach zu Blättern.

Das Vermächtnis wackelt

Mit einer rasanten Aussenseitergeschichte um Wade und seine Kumpane, die die böswillige Firma IOI überlisten müssen, versucht Spielberg das Ganze noch aufzuwerten, scheitert dabei aber an platten Dialogen und eindimensionalen Filmfiguren.

Und anders etwa als der Film «The Lego Movie», der ebenfalls verschiedene Ikonen aus der Popkultur zusammenbringt, nimmt sich «Ready Player One» viel zu ernst.

Die Firma IOI wird im Film als böse dargestellt, weil sie die Oasis mit Werbeflächen monetarisieren will – aber dass Wade, Halliday und Co. in ihrer popkulturellen Ehrfurcht selbst die Konsumgesellschaft abfeiern, nimmt der Film kritiklos hin. Auch die Pointe, dass die Oasis im Vergleich zur echten Welt bloss eine weitere Dystopie ist, kehrt Spielberg unter den Teppich.

Er strebt hier nur eines an: einen cineastischen Zuckerrausch wie zu seinen besten Zeiten.
Doch die sind längst vorbei. «Ready Player One» ist ein Spektakel mit wenig Inhalt und wenig Herz.

Das Traurigste daran ist: Spielberg höhlt damit ein Stück weit sein eigenes Vermächtnis aus. Früher hatte uns seine Kamera den wundersamen kindlichen Blick auf die Welt eröffnet. Doch dieser Neugier und Abenteuerlust scheint er heute entwachsen.

Ready Player One (USA 2018) 140 Min. Regie: Steven Spielberg. Ab Donnerstag, 5. April im Kino. ★★☆☆☆