Das Wetter war dem Montreux Jazz Festival so hold wie kaum je zuvor: Lediglich 2 Regentage standen 14 Sonnentagen gegenüber. Allerdings war das Programm heuer so blendend nicht, denn die grossen Entdeckungen, die Exklusivitäten und die Stars blieben eher rar.

Rarer als auch schon machte sich bei der 52. Ausgabe das Publikum. Nur sechs der 48 Konzerte waren ausverkauft. Das Festival mit seinem 28-Millionen-Budget trug jedoch keinen Schaden davon.

Die schönsten Bilder vom 52. Montreux Jazz Festival:

Auch wird Montreux seinen Ruf als das weit über die Grenzen hinaus einflussreichste Schweizer Musikfest nicht einbüssen. Dank Momenten wie diesen, an die man sich gerne erinnern wird:

  • Rührung Die Aufregung im Vorfeld erinnerte ein wenig an die diversen Auftritte von Prince am Festival: Massen von Autogrammjägern und kreischende Groupies sorgten für Anspannung beim Veranstalter und den Medien. Johnny Depp sang David Bowies «Heroes» ergreifend und brachte als Keith-Richards-Double obendrein Glamour ans Festival. Mit Alice Cooper und Joe Perry spielte er sich als zweiter Gitarrist bei den Hollywood Vampires quer durch die Rockgeschichte – und war für einmal Teil einer aufgestellten Partyband, laut Cooper der «teuersten Covergruppe der Welt». Dabei war der Schauspieler allerdings meist mehr mit den weiblichen Fans in der ersten Reihe beschäftigt und flirtete heftigst.
  • Exoten Mit Mashrou’ Leila gastierte erstmals eine Band aus Beirut am Festival. Wunderbar gut gelaunt sang sie gegen Bigotterie, Polizeigewalt und Politkorruption an. Schön, dass man dazu gar tanzen konnte! Die fünfköpfige Indierockband geniesst im Libanon Kultstatus und steht für eine sich öffnende arabische Welt.
  • Vorhang Eine andere Welt hingegen macht sich zu: Definitiv das letzte Mal spielten Deep Purple in Montreux auf. Die britische Band, die 1972 das Festival und seinen Gründer Claude Nobs im Hit «Smoke on the Water» verewigte, schaute auf der Long Goodbye Tour ein letztes Mal vorbei. Es war einer der wenigen ausverkauften Abende.
  • Jazzhaus Stilvoll und mit seinen 600 Plätzen oft sehr gut besetzt präsentierte sich immerhin der neue Jazzclub. Im intimen Petit Palace gab es grosse Meister wie Manu Katché, Gregory Porter oder auch Philipp Fankhauser zu erleben. Das unsägliche und des Festivals unwürdige Provisorium der letzten Jahre ist schon vergessen.
  • Aufruf Politisch gab sich Rapper Pharrell Williams bei seinem Aufruf zur Individualität: Jeder soll sich selber sein, ob weiss oder schwarz, ob schwullesbisch oder hetero. Er war vier Jahre nach einem misslungenen Auftritt mit seinem N.E.R.D.-Projekt angetreten und sorgte für enorm viel Energie.
  • Einsatz Power bewies auch die unverwüstliche Punk-Legende Iggy Pop. Der Einsatz des 71-Jährigen blieb beim Stagediving gar mit Verlust verbunden: Er schlug sich an einem Absperrungsgeländer gar einen Vorderzahn aus. Ein wüster Anblick!
  • Augenweide Emotionale Blicke zurück garantieren die Fotos vom Aufstieg David Bowies. Der Londoner Fotograf Mick Rock, einer der grössten seines Fachs, war 1972 und 73 ganz nah am schillernden Sänger dran. Zu sehen sind die historischen Schnappschüsse noch bis morgen Abend im Petit Palais des Montreux Palace.
  • Überraschung Billy Idol gefiel zwar in einer leidenschaftlichen Hit-Show, doch die Stimme bei seinem «Rebell Yell» blieb nur noch wenig rebellisch. Dafür setzte sein begnadeter Gitarrist Höhepunkt an Höhepunkt: Steve Stevens, der schon Michael Jackson und Robert Palmer begleitete, stahl seinem Frontmann locker die Show, spielte mal Led Zeppelin oder das klassische Concierto de Aranjuez an. Locker-lässig erwies er sich als der versierteste und (nicht nur äusserlich) originellste Gitarrist des Festivals.
  • Energie Er gilt als der derzeit umtriebigste Saitenmeister seines Genres: Jack White. Der Hüne, bekannt von Bands wie White Stripes, Raconteurs und Dead Weather, sorgte mit neuem Solomaterial für einen ungestümen Abend.
  • Heimspiel Einst sang sie mit Lunik berührenden Pop, inzwischen ist Jaël solo erfolgreich. Die Bernerin präsentierte sich mit dem litauischen Orchester Klaipédos Kamerinis Orkestras im Club von zarter Seite. Und vor allem als äusserst professionelle Entertainerin mit grosser Stimme. Steht ihr in Zukunft endlich die berechtigte internationale Karriere bevor?
  • Vorfreude Apropos Zukunft: Mit dem Höhepunkt 2019 wird bereits jetzt Marketing betrieben, denn Stadionrocker Elton John wird an zwei Abenden das kommende Montreux Jazz Festival eröffnen. Es ist ab 29. Juni 2019 also wieder mit mehr Exklusivität zu rechnen als heuer.