Kultur

Sie bringen die Schweiz zum Lachen: Was der Erfolg von Divertimento über den Humor in diesem Land verrät

Passen zusammen wie Topf und Deckel: Jonny Fischer (40, links), und Manu Burkart (42) von Cabaret Divertimento.

Passen zusammen wie Topf und Deckel: Jonny Fischer (40, links), und Manu Burkart (42) von Cabaret Divertimento.

Jeder 20. Schweizer hat in den letzten fünf Jahren eine Show von Divertimento besucht. In 19 Bühnenjahren hat das Duo eine Million Tickets verkauft. Unsere Autorin findet sie trotzdem nicht lustig. Versuch einer Annäherung.

Es ist ein alter Witz, aber ein guter: Ein Falschfahrer fährt auf der Autobahn und hört die Radiodurchsage: «Achtung, auf der A3 kommt Ihnen ein Falschfahrer entgegen.» Worauf dieser ausruft: «Einer? Nein, Tausende!»

So geht es mir mit dem Humor von Divertimento. Ich finde Divertimento nicht lustig. Und oute mich mit dieser Aussage als Falschfahrerin. Denn Divertimento fahren auf der Autobahn des Erfolgs. Schätzungsweise eine Million Tickets haben Jonny Fischer, 40, und Manu Burkart, 42, seit ihrem Début im Jahr 2002 verkauft. 1791 Shows haben sie gespielt. Dafür muss man fast fünf Jahre pausenlos jeden Abend auf einer Bühne stehen. Ihr aktuelles Programm «Sabbatical» hat schätzungsweise jeder 20. Schweizer schon gesehen. Obwohl es schon fünf Jahren rauf- und runtergespielt wird, ist es bis zur Dernière im Januar 2021 fast restlos ausverkauft. Fans müssen auf dem Onlinemarkt mit der Maustaste schnell unterwegs sein. Einmal aufgeschaltete Tickets landen schon nach wenigen Minuten im digitalen Einkaufswagen.

Divertimento sind mehr als Comedians. Sie sind die Popstars der Schweizer Humorindustrie. Sie füllen das Zürcher Hallenstadion. Das Narrativ ihres Erfolgs ist in den Medien mindestens so präsent wie ihre Bühnenkunst. Comedy, das ist harte Arbeit, sagen Jonny Fischer und Manu Burkart. Und sprechen öffentlich über den Druck der Leistungsgesellschaft, in der sie wie ihr Publikum irgendwie funktionieren müssen. Und sie bewältigen den Druck bravourös. Fünf Bühnenprogramme haben sie gemacht. Ihre Büezer-Mentalität und die für schweizerische Verhältnisse ungewohnte Offenheit kommen beim Publikum an.

Jonny Fischer und Manu Burkart sind das Gegenteil von distanzierten, intellektuellen Satirikern, die ihr Privatleben hinter einer Mauer der Verschwiegenheit verbergen. Sie sind ­Comedians zum Anfassen und beherrschen trotzdem die Schweizer Diskretion perfekt: «Ich lasse die Hosen nur bis zu den Knien runter, aber nicht bis zu den Knöcheln», erklärt Manu Burkart. Übersetzt heisst das: Blicke in den Backstage sind okay, Blicke ins Schlafzimmer eher nicht.

Zwei Künstler auf Augenhöhe mit dem Volk

Stundenlang schauen die Fans deshalb zu, wenn das Schweizer Fernsehen Jonny Fischer und Manu Burkart auf ihren Reisen durch Schottland und Südafrika begleitet oder in einer Doku näher an Herrn und Frau Schweizer bringt. Für einen Käsehersteller vagabundieren sie schon mal zwölf Stunden von Brunnen über Luzern und das Entlebuch nach Bern und schütteln als normales Fussvolk ihrem normalen Publikum sehr normal die Hände. Das ist Kunst gewordener Alltag, wie man ihn aus den Büchern des norwegischen Autors Karl Ove Knausgård kennt. Letztes Jahr lotste Manu Burkart seinen Bühnenkollegen in einem SRF-Beitrag gar zu den Wohnorten der gemeinsam ersonnenen Bühnenfiguren, etwa zum kiffenden Bündner Gianfranco oder zum Möchtegernrapper JK nach Spreitenbach. Spätestens hier wird klar, warum dieser Humor funktioniert: Die Figuren leben in der Mitte unserer Gesellschaft.

Sind das erfolgreichste Comedy-Duo der Schweiz: Jonny Fischer (links) und Manu Burkart sind die Köpfe hinter dem Cabaret Divertimento.

Sind das erfolgreichste Comedy-Duo der Schweiz: Jonny Fischer (links) und Manu Burkart sind die Köpfe hinter dem Cabaret Divertimento.

Divertimento, das ist auch die Geschichte einer Männerfreundschaft. Die Freundschaft von zwei Lehrerseminaristen, die sich 2000 zum ersten Mal in einem Musiksaal begegnet sind und herausfanden, dass sie wie Topf und Deckel zusammenpassen. Für ihre Fans stehen Freunde fürs Leben auf der Bühne, mit dem verbindenden Kitt Humor – wer wünscht sich so etwas nicht für sich selbst? Diese Kerle hecken Gags wie Pfadfinderbuben aus. Ihre etwas ungelenk und handgebastelt daherkommenden Shows erinnern daran, dass niemand perfekt ist. Und nicht perfekte Menschen sind nun mal sehr sympathisch.

Im Publikum sitzen sich in die Seiten stossende, kichernde Menschen, die losprusten, wenn die Pointe eigentlich noch hinterm Vorhang auf ihren Auftritt wartet. Die noch ganz berauscht vor Glück das Personal aus den Divertimento-Shows auf der Heimreise im Zug imitieren. Die sich für ein Autogramm von Jonny Fischer und Manu Burkart geduldig in der Reihe anstellen. Oder für eine DVD, ein Divertimento-Buch oder ein Divertimento-Spiel. Denn all das gibt es im Fanshop der beiden zu kaufen.

Dieser «Hype mit Boygroupcharakter», wie ihn Burkart in manchen Shows erlebt, ist ihm selbst nicht ganz geheuer. Denn als Comedian ist man sich gewohnt, um die Gunst seines Publikums zu kämpfen.

Unter die Gürtellinie, aber auf Ansage

Für mich beginnt Humor da, wo Divertimento aufhören. Die aus Nummernkabarett, etwas Artistik und musikalischen Ohrwürmern zusammengewürfelten Programme erzählen keine Geschichten im strengen Sinn. Sie evozieren eine Alltagssituation und lösen sie in clowneskem Schabernack auf, bevor es für den Zuschauer ungemütlich wird. Geht der Humor doch mal unter die Gürtellinie, wird der entstandene Schaden schnell mit begleitenden Worten gekittet. Es sind Nummern, die man von Turnerabenden kennt. Wenn der eigene Nachbar in Frauenklamotten auf der Bühne steht und das Dorf dafür Szenenapplaus spendet. Figuren wie die bünzlige Ursula aus dem Divertimento-Kosmos laden mit übertriebener Mimik und Gestik zum Lachen ein. Und Jonny und Manu lachen mit, damit man auch weiss: Lachen ist erlaubt.

Viele Grossmütter finden das lustig, aber ihre Enkel ebenso. Deshalb ist ein Divertimento-Abend auch ein Generationenereignis. Man teilt sich in der Pause die Familienpizza. Von der Klimakrise und von globalen Kriegen bleibt man verschont. Das Schlachtfeld dieses Humors ist der Alltag. Weshalb ein Satz wie «Kinder sind anstrengend» in einer Divertimento-Show zu Szenenapplaus führt.

Humor als Medizin gegen die Alltagssorgen

Ein Comedy-Act, der das italienische Wort für kurzweilige Unterhaltung im Namen führt, braucht sich für seinen Unterhaltungswillen auch nicht zu rechtfertigen. «Wir machen keine Satire, keinen hochintellektuellen Humor. Das können andere besser», findet Manu Burkart. «Wir wollen die Leute unterhalten, sie ihren Alltag vergessen lassen.» Regelmässig erhält er Mails von schwerkranken Menschen in seelischer Notlage, die sich für den leicht verdaulichen Divertimento-Humor persönlich bedanken. Gerade erst kam eine Frau mit einer transplantierten Niere nach einer Show persönlich auf die beiden zu. Die Youtube-Videos hätten ihr über die schwerste Zeit hinweggeholfen. Divertimento sind also auch Trost spendende Medizin für eine verletzte Volksseele.

Bin ich nun tatsächlich auf der falschen Humorautobahn unterwegs, wenn mich Divertimento nicht zum Lachen bringen? Der Psychoanalytiker und Satiriker Peter Schneider hat mich schliesslich im telefonischen Therapiegespräch beruhigt: «Es ist mit dem Humor ein bisschen wie beim Sex. Was man sexy findet, das kann man sehr schlecht beschreiben. Ein Tonfall in der Stimme, ein Grübchen. Sie müssen das nicht lustig finden.»

Autor

Julia Stephan

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