SERIE: SCHWEIZER ROCK PIONIERE (2)
Walty Anselmo: Der Schweizer Jimi Hendrix – wie er zum ersten Rockmusiker des Landes wurde

Walty Anselmo war in den 1960er-Jahren der erste Schweizer Rockmusiker. Krankheitsbedingt muss der 75-Jährige jetzt kürzertreten. Eine Ära geht zu Ende.

Stefan Künzli
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Links 1970: Gitarrist Walty Anselmo bei Krokodil. Rechts heute: Der 75-jährige Walty Anselmo in Zürich.

Links 1970: Gitarrist Walty Anselmo bei Krokodil.
Rechts heute: Der 75-jährige Walty Anselmo in Zürich.

Bild: Archiv Düde Dürst / Alex Spichale

Hendrix war die Erleuchtung. Die Schweiz schüttelte sich noch zur Beat-Musik, als Walty Anselmo Anfang 1967 erstmals die Musik des amerikanischen Gitarrenmagiers hörte. «Hendrix hat bei mir extrem viel ausgelöst», sagt Anselmo. Das war es, wonach er lange gesucht hatte. Eine Wende bedeutete es nicht nur für den jungen Zürcher Gitarristen, sondern für die ganze Schweiz. In Anlehnung an die Jimi-Hendrix-Experience gründete der erste Schweizer Rockmusiker die erste Schweizer Rockband: Anselmo Trend.

Die Entwicklung des Musikers und Gitarristen Walty Anselmo ist deshalb interessant, weil er alle Entwicklungsstufen zur Rockmusik erlebt und in der Schweiz massgeblich geprägt hat. Ob Rock ’n’ Roll, Gitarrenmusik der Shadows, Beat, Rhythm and Blues, Folk, Soul oder eben Rock. «Ich war immer zuvorderst dabei und habe Sachen aufgesogen, initiiert und aufgegleist», sagt Anselmo. Ein Pionier.

Hinweis

Serie: Schweizer Rock-Pioniere
Bild: zvg

Serie: Schweizer Rock-Pioniere

Das Porträt von Walty Anselmo ist eine gekürzte Fassung aus dem Buch «Schweizer Rock Pioniere» von Stefan Künzli, das die Gründerjahre der Rockmusik in der Schweiz thematisiert. In einer losen, kleinen Serie porträtieren wir hier Schweizer Rockmusiker der ersten Stunde. Der Autor ist Musikredaktor und Kulturchef von CH Media. Das Buch erscheint am 19. Oktober im Verlag Zytglogge und kann schon jetzt über bestellungen@zytglogge.ch bestellt werden.
Stefan Künzli: Schweizer Rock Pioniere.
Eine Spurensuche in den rebellischen Gründerjahren. Zytglogge, 352 Seiten.

TV-Bericht im Schweizer Fernsehen.

Geboren ist Walter 1946 in der dritten Generation von italienischen Einwanderern in der Schweiz. Der Vater war ein begeisterter Marschmusikant in der Musikgesellschaft von Rüsch­likon und eine Respektsperson im Dorf. Ein überangepasster Neoschweizer, der mit «den Tschinggen» nichts zu tun haben wollte. «Das Verhältnis zu meinem Vater war gar kein Verhältnis», sagt Anselmo. Er interessierte sich nicht für die Musik seines schüchternen Sohnes, der sich mit 14 aus seinem ersparten Geld eine Gitarre kaufen konnte und wie ein Besessener übte.

1964 wurde Anselmo Frontmann von Hellfire, damals eine der gefragtesten Bands in Zürich. Dreimal die Woche zündete die Band im «Longstreet» mit ihrer Mischung aus Rock ’n’ Roll und Beat das Höllenfeuer. Die Bude war stets voll, übervoll, die Gage lächerlich klein. 300 Franken in der Woche für vier Leute und drei Konzerte. «Wir füllten das Lokal, die Veranstalterin hat abkassiert», sagt er, «heute würde man das Ausbeutung nennen, uns war das egal, wir wollten spielen.»

«Wir haben eigentlich nichts verdient»

Der hochtalentierte Gitarrist war noch in der Stifti, eine Lokalgrösse, aber weit davon entfernt, von der Musik leben zu können. Das Geld ging für die neuen elektrischen Instrumente und das technische Equipment drauf. «Ich hatte schon eine Fender-Stratocaster und ein Wah-Wah-Effektgerät. Technisch war ich immer auf dem neusten Stand», sagt Anselmo. Doch mit der Gage wurden die Instrumente abbezahlt. «So haben wir eigentlich nichts verdient», sagt er, «ich konnte nie mit Geld umgehen.» Geldprobleme sollten seine gesamte Profikarriere begleiten.

Als die Rolling Stones 1965 den Urknall der Rockmusik zündeten, war Walty Anselmo noch bei Hellfire. Die neuen Trends und neuen musikalischen Impulse faszinierten und verunsicherten ihn gleichzeitig. Erst mit Hendrix traf ihn die Wucht des Rock. Wann und wo das erste Rockkonzert der Schweiz, der erste Auftritt von Anselmo Trend, stattfand, weiss Anselmo nicht mehr. «Mein Gedächtnis …!» Sein Ruf als Hendrix der Schweiz verfestigte sich. Für das Monsterkonzert mit Hendrix war Anselmo Trend als einzige Schweizer Band gesetzt. Zwei Abende für die Schweizer Rockgeschichte, zwei unvergessliche Abende für Anselmo. Denn vom Veranstalter erhielt er einen Doppelauftrag. Neben dem Auftritt sollte er den neuen Gitarrengott vom Flughafen abholen.

«Wir hatten kein Namensschild dabei, und Jimi kannte mich nicht. Er kam durch die Tür, schaute sich um, ging schnurstracks auf mich zu und sagte: ‹Hello brother.› Bis heute der eindrücklichste Moment meines Lebens», erzählt Anselmo. Hendrix ist für ihn bis heute wie ein Bruder. «Wenn ich seine Musik heute höre, bewegt mich das emotional. Ich höre das, wie wenn er noch mit mir sprechen würde.»

Bild: Ulstein Bild Dtl.

Die Abhängigkeit von Platten­firmen war gross, die Gage klein

Bei der progressiven Rockband Krokodil wechselte Anselmo Ende der 60er-Jahre endgültig ins rockende Profilager. Die Schweizer Superband mit Düde Dürst, Hardy Hepp, Terry Stevens und Mojo Weideli startete mit viel Vorschusslorbeeren. Die Bandmitglieder konnten sich gut über Wasser halten. «Wir hatten einen Star-Nimbus und in Deutschland ein irrsinniges Echo», sagt Anselmo weiter. Dann kam es wieder, das Geldproblem. «Du kannst noch so viele Konzerte geben, ein noch so guter Liveact sein. Wenn die Platten in den Regalen bleiben, geht die Rechnung nicht auf», sagt Anselmo. Die Abhängigkeit von den Plattenfirmen war gross und die Gagen zu klein. «Du erhältst eine Gage von 2000 Mark, musst einen Bus mieten, Benzin für die gefahrenen Kilometer und zwei Roadies bezahlen. Dann kommst du nach Hause und jeder bekommt noch 20 Franken ausgezahlt. Dabei hast du seit drei Monaten deine Miete nicht mehr bezahlt», erzählt Anselmo.

Unter diesen Bedingungen litt zusehends die Kreativität. «Ich war ausgebrannt und hatte keine Ideen mehr», sagt Anselmo. «Es machte keinen Sinn mehr, weiterzumachen. Ich hatte einen riesigen Schuldenberg und konnte es nicht mehr ertragen, meine Freunde immer wieder zu vertrösten. Ich wollte Tabula rasa machen», sagt Anselmo. Deshalb hat er wieder einen Job als Drucker angenommen. Die Profikarriere des ersten Schweizer Rockmusikers war 1974 vorbei.

Auch mit dem Alkoholkonsum ist es immer schlimmer geworden. «Manchmal ist es ausgeartet, ich wurde unzuverlässig und unpünktlich», sagt Anselmo. Dabei hat alles mit Gelenkschmerzen angefangen. Anselmo leidet seit Jahren an Morbus Bechterew, einer besonders fiesen Form von Rheuma. Wenn er sich morgens aus dem Bett quälte, plagten ihn Schmerzen in Rücken und Beinen. Als Erstes ging er in die nächste Beiz und genehmigte sich zwei Kaffee Doppellutz. «Dann hatte ich Ruhe. Alkohol war das wirksamste Schmerzmittel und wurde mein ständiger Begleiter. Wenn ich trank, hatte ich keine Schmerzen. So bekam ich ein ­Alkoholproblem», sagt er. «Am Schluss stand ich auf der Kippe.» Mit Hilfe seiner heutigen Frau Renata, die in Zürich ein Bonsaigeschäft führt, konnte er einen Schlussstrich ziehen und ist seit 2004 trocken. «Von einem Moment auf den anderen habe ich aufgehört und keinen Tropfen Alkohol mehr getrunken», sagt er.

In seinen Adern fliesst immer noch Krokodilblut

Heute wohnen die Eheleute Anselmo zusammen in einem Bauernhaus am Bachtel. Zuletzt plagten Anselmo wieder gesundheitliche Probleme. Vieles ist zusammengekommen. Die Gelenkschmerzen sind zurück, und seit einigen Jahren beeinträchtigt Parkinson das Gitarrenspiel.

Als das Krokodil 2020 in der Formation Düde Dürst, Terry Stevens und neu Erich Strebel (Keyboards) und ­Adrian Weyermann (Gitarre) wiederbelebt wurde, war Anselmo noch dabei. Ein festes Engagement in der Band ist ihm heute aber nicht möglich. Eine grosse Karriere einer prägenden Figur in der Gründerzeit des Rock geht damit zu Ende. An der Plattentaufe der neuen Platte «Another Time» in der Alten Kaserne in Zürich wurde Anselmo als Gastmusiker gefeiert. In seinen Adern fliesst immer noch Krokodilblut. Walty Anselmo ist und bleibt ein Teil von Krokodil.

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