Zufall oder Schicksal? Wir sind unterwegs zum Treffen mit Stefan Haupt, als uns Zwingli auf der Strasse begegnet: als Namensschild, einen Steinwurf vom Büro des Regisseurs entfernt – Zwinglistrasse. Unverhofft im Rücken, wie ein Geist, taucht gleichzeitig Stefan Haupt auf, als wir gerade auf den Klingelknopf drücken. Das ist als Einstimmung fast schon Futter für Aberglauben, fast katholisch – mitten im reformierten Zürich.

Aber es bleibt dabei: Zwingli hat hier die Dinge gründlich umgekrempelt, jedoch ganz und gar nicht «zwinglianisch». Es ist höchste Zeit, mit ein paar Vorurteilen aufzuräumen. Darauf hatte Haupt umso mehr Lust, je näher er dem Reformator kam. Und darauf hat er offensichtlich heute noch Lust, so lebhaft wie im Folgenden das Gespräch mit ihm verläuft.

Stefan Haupt, Sie sind im Alter von 20 Jahren aus der Kirche ausgetreten. Was reizte Sie daran, einen Film über Zwingli zu drehen?

Stefan Haupt: Das ist vor allem ein Bauchgefühl. Als ich für meinen letzten Film, «Finsteres Glück», bei der Landeskirche um finanzielle Unterstützung nachfragte, sagte man mir, dafür sei die Chance gering, denn alles Geld fliesse in einen Zwingli-Film. Das weckte sofort mein Interesse. Als Zürcher Stadtkind kenne ich die alten Mauern sozusagen wie ein seelisches Innenfutter. Daran haftet viel Geschichte, auch Kirchen-, Reformationsgeschichte.

Und der Kopf der Reformation? Wie viel wussten Sie zu jenem Zeitpunkt von Zwingli? Weit mehr oder nicht viel mehr als das Vorurteil, das ihn als militant lustfeindlichen Bibelorthodoxen beschreibt?

Aufgewachsen bin ich in einer Freikirche, bei den Methodisten. Mein Vater dirigierte da einen Chor und einen zweiten bei der Landeskirche. Diese fühlte sich für mich immer viel freier an. Das Zwinglianische war dadurch von früh an positiv konnotiert. Zudem waren wir oft in Wildhaus gewesen – die Familie meiner Mutter stammt aus dem St. Galler Rheintal – und da oben natürlich in Zwinglis Geburtshaus. Von seiner theologischen Arbeit wusste ich aber herzlich wenig. Und war darum ebenfalls überrascht von der wirklich grossen Statur und dem vielschichtigen Wesen dieses Mannes.

Da muss man dem Zwingli-Jahr dankbar sein, das es ermöglicht, diesen Mann, endlich vom Vorurteil befreit, näher kennen zu lernen – auch dank Ihrem Film.

Nicht zu vergessen die hohe Brisanz, die Zwingli heute wieder hat. Wenn Politiker jetzt fordern, die Kirche solle sich weniger in die Politik einmischen, dann sind wir direkt bei Zwingli. Er mischte sich voll und ganz in die Politik ein, war für den Zürcher Stadtrat geradezu der Spiritus Rector. Christliches Leben beschränkt sich nicht auf das Sitzen in der Kirchenbank fürs Seelenheil. Zwingli verstand es als klaren Kompass für das politische Handeln – in Bezug auf Arme, Flüchtlinge … was beispielsweise in aller Klarheit bedeutet: keine Waffen in Bürgerkriegsländer, Unterstützung der Konzernverantwortungs-Initiative und so weiter.

«Zwingli» – der Trailer zum Film.

Mit Zwinglis Ankunft wurde in Zürich in wenigen Jahren alles umgekrempelt: Sozialwesen und Bildung, die Ehegesetze werden gelockert, die Frau gestärkt, die Musen geachtet. Nie mehr seither hat sich Zürich so schnell verändert und wird das auch nie mehr tun …

Warten Sie ab! Es tut sich was, passen Sie auf, vor allem auf dem Immobiliensektor. (lacht) Aber im Ernst: Zwingli hatte Klarheit im Geist, Rednergabe, Mut und Charakterstärke. Er hätte problemlos mit seiner Anna zusammenleben und einfach wie alle die Konkubinatssteuer zahlen können, aber nein, der Leutpriester nahm sie offiziell im Grossmünster zur Frau und nahm ihre Kinder aus erster Ehe an.

Waren Sie überrascht zu sehen, dass es ausser einem Film in den Achtzigerjahren bislang noch keinen grossen Zwingli-Film gab?

Schweizer sind wohl nicht sehr begabt im Personenkult. Das hat seine schöne Seite, wenn eine Bundesrätin, ein Bundespräsident auf dem Weg ins Büro einfach das Tram nehmen kann. Die andere Seite ist, dass wir das Eigene nur schlecht würdigen können. Interessanterweise war das auch schon in Reformationszeiten angelegt; von Zwingli gibt es – im Unterschied zu Luther – kein einziges Bild zu Lebzeiten. Alle reden von der Luther-Bibel, aber Zwinglis Bibel heisst «Zürcher Bibel», er wollte seinen Namen nicht drinstehen haben. Zwingli wollte keinesfalls, dass man das Denken an der Kirchenpforte abgab, sondern es mit hineinnahm.

Mit einem Budget von knapp 6 Millionen Franken ist «Zwingli» einer der teuersten Schweizer Filme aller Zeiten. Beeinflusste Sie das in der Weise, wie Sie an den Film herangegangen sind?

Nicht wirklich. Von mir aus könnte man den Hinweis auf die Kosten auch einfach herausnehmen. Denn wie teuer oder günstig ein Film ist, taugt einfach nicht als primäres Qualitätskriterium. Es mir recht gut gelungen, mir den Druck des «teuersten Films» nicht auf die Schultern zu laden. Hingegen verspürte ich stark den eigenen Druck, dieser Geschichte gerecht zu werden. Je mehr wir zu Zwingli lasen, desto grösser wurde die Gewissheit, wie viele ausserordentlichen Geschichten darin stecken. Da wäre Stoff für eine ganze Serie vorhanden gewesen.

Stand nie zur Diskussion, diesen reichhaltigen Stoff als Mehrteiler oder als Serie zu verfilmen?

Für mich passt nach wie vor das Kinoformat am besten. Um Serien in der Schweiz zu produzieren, bräuchte es sofort das Fernsehen. Und auch dann wahrscheinlich nur mit Blick auf grosse Jubiläen hin. Für einen Zweiteiler im Fernsehen, der als Idee mal im Raum gestanden war, wäre ich schon zu haben gewesen. Logistisch wäre das aber eine noch viel kompliziertere Angelegenheit geworden.

Ein Klischee besagt: Je mehr Geld in einem Film steckt, desto mehr wird Einfluss darauf genommen, dass er ein möglichst grosses Publikum findet. Haben Sie das bei «Zwingli» so erlebt?

Unser Hauptdarsteller Max Simonischek sagte treffend, er finde es toll, wenn verschiedene Kompetenzen in eine gemeinsame Richtung zusammenarbeiten. Und hier haben wir einen Weg gefunden, mit dessen Ergebnis ich sehr zufrieden bin. Von Anfang an war klar: Das wird ein grosser, publikumswirksamer Film, ein aufwendiger Historienfilm. Allerdings ohne gepützelte Damenhäubchen. Natürlich tauchte die Frage auf: Brauchts mehr Sex? Oder eine grosse Schlachtszene? Ich finde: Der Film ist so schon spannend genug.

Also kein «Zwingli» nach dem Vorbild von «Game of Thrones»?

Der Titel, der einmal herumgeisterte, war «Braveheart». Doch ein derartiger Film kam für mich nicht infrage, das hätte überhaupt nicht der Kern der Geschichte getroffen. Wie ich auch nicht wollte, dass mir am Ende alle Religionswissenschafter nachweisen, wie viel falsch dargestellt worden sei. Ich hatte einfach grosse Lust und fand es sehr inspirierend, genau zu wissen, wie das wirklich gewesen war. Ich gäbe wahnsinnig viel für ein Zeitfernrohr, das mich nur einen Tag lang in jene Welt blicken liesse.

Apropos Zeitreise: Sie haben den Film dort gedreht, wo vor 500 Jahren alles geschah, im Zürcher Grossmünster.

Es hat wahnsinnig viel Spass gemacht, dort zu drehen, wo Zwingli vor 500 Jahren gestanden ist. Ich glaube, das spürt auch der Zuschauer. Ich wollte eigentlich alle Bänke aus der Kirche entfernen, weil diese zu Zwinglis Zeit ja noch nicht dort waren. Die Denkmalpflege erteilte uns auch die Erlaubnis, aber wir hätten jeden noch so kleinen Schaden mit denselben Materialien reparieren müssen, die 1920 dafür verwendet worden waren. Das wäre teuer geworden! Schlussendlich liessen wir deshalb nur die Hälfte aller Bänke entfernen. (lacht)

Im Film zeigen Sie auch das Ersäufen des Täufers Manz unweit des Grossmünsters. Alleine die Täufergeschichte hätte wohl genug Stoff für einen eigenen Film hergegeben.

Ja. Die Täufergeschichte hat eine nicht zu unterschätzende Relevanz. Weltweit gehen die Täufer, die Baptisten, auf jene Zeit in Zürich zurück.

Diese Filmszene lässt Zwingli nicht gerade als Helden erstrahlen.

Jemand hat mir tatsächlich gesagt, ich hätte ihm das Bild Zwinglis zerstört. Er fragte: Wieso habt ihr ihn nicht einfach als wirklichen Held gezeigt, so wie man das bei Luther macht? Man zeigt nicht jedes Mal, dass Luther auch ein Antisemit war … Aber ich muss keinen Helden aus Zwingli machen. Ich finde es viel spannender, ihn als Menschen mit Widersprüchen und Ambivalenzen zu zeigen.

Einer dieser Widersprüche ist Zwinglis Verhältnis mit einer Barbiers-Tochter, mit der er ein uneheliches Kind gezeugt haben soll.

Es waren 24 Chorherren, die entscheiden mussten, ob Zwingli von Einsiedeln nach Zürich kommen darf oder nicht, und dabei kam zum Gespräch, dass er ein Kind und ein Verhältnis habe. Aber Zwingli wollte das dann nicht verheimlichen. Er schickte einem der Chorherren einen Brief, in dem er schrieb, dass er seinem Sexualtrieb nachgerannt sei wie ein Hund.

Zwinglis Brief ist ein Musterbeispiel, wie man in der MeToo-Zeit mit solchen Themen umgehen könnte: offen, aber nicht heuchlerisch.

Er benannte es, aber nicht auf die billige Art im Sinn von aussenwirksamer «Asche auf mein Haupt». Man muss aber auch anmerken, dass es überhaupt nicht sicher war, ob dieses Kind wirklich von Zwingli stammte. Die Barbierstochter hatte offenbar auch andere Liebhaber …

Wenn wir schon bei Zwinglis Briefen sind: Die Dialoge im Film klingen sprachlich deutlich moderner als Zwinglis Briefe, die im Film vorgelesen werden. Weshalb?

Zu diesem Thema haben wir uns viele Gedanken gemacht. Der erste Impuls aufseiten der Produktion war, dass der Film auf Hochdeutsch gedreht werden muss, damit er sich besser im deutschen Kinomarkt verwerten liesse. Da sagte ich aber von Anfang an: Der Film muss unbedingt in unserer Sprache sein, er muss lokalisiert sein. Wir haben versucht, alle heutigen Begriffe zu eliminieren. Weil aber niemand weiss, wie damals wirklich miteinander gesprochen wurde, hätten wir eine Art Kunstsprache erfinden müssen. Ich teilte das Anliegen der Produktion, dass «Zwingli» ein junger, frischer Film sein sollte. Ein Film, den man auch für Schulen und Konfirmationsklassen einsetzen kann, für ein breites Publikum.

Stefan Haupt und Zwingli-Darsteller Max Simonischeck beim Dreh einer Filmszene im Zürcher Grossmünster – dort, wo der echte Zwingli vor 500 Jahren die Bibel auf Deutsch übersetzte und damit für mächtig Wirbel sorgte.

Stefan Haupt und Zwingli-Darsteller Max Simonischeck beim Dreh einer Filmszene im Zürcher Grossmünster – dort, wo der echte Zwingli vor 500 Jahren die Bibel auf Deutsch übersetzte und damit für mächtig Wirbel sorgte.

Kommt «Zwingli» mit einem pädagogischen Auftrag ins Kino?

Der Film soll auch Schüler ansprechen, aber natürlich nicht als primäres Ziel. Ich wollte auf keinen Fall einen didaktischen Film machen, sondern eine Geschichte erzählen, über die man spricht. Was ich toll fand: Die Kirche hat überhaupt nicht reingefunkt. Es musste überhaupt nicht ein «religiöser Film» werden. Ich schickte dennoch dem Professor für theologische Reformationsgeschichte an der Uni Zürich mein Drehbuch und zeigte ihm auch einen Rohschnitt des Films, damit er mich auf allfällige Fehler aufmerksam machen könnte. Aber er war begeistert, was mich sehr freut.

Wie schätzen Sie die Erfolgsaussichten von «Zwingli» beim Schweizer Kinopublikum ein?

Natürlich hoffen wir, dass der Film sehr gut läuft. Und das Interesse am Film scheint auch riesig zu sein. Zwingli ist wohl einer der ganz grossen Schweizer … für Reformierte genauso wie für Katholiken oder Andersgläubige …

… Katholiken kommen in Ihrem Film besonders schlecht weg.

Das ist in diesem Fall wohl nicht meine Schuld! (lacht)

Hatten Sie deswegen keine Bedenken?

Eine Cutterin sagte mir vor zwei Jahren an einem Festival: «Gell, du machst den Zwingli-Film? Spinnst du?» Ich fragte sie, wie sie das meint, und sie antwortete: «Ich hasse Religion!» Dasselbe erlebte ich schon bei meinem Film «Sagrada», als mir ein Kollege sagte: «Der Film ist toll, aber du hast mir den Papst zugemutet, und ich hasse den Papst!» Was ich damit sagen will: Wir geben uns heute alle so säkular, und behaupten, dass die Kirche uns nichts mehr angeht. Doch seit dem IS sind plötzlich alle wieder Christen ... Ich glaube, dass für viele von uns die eigene Beziehung zu Kirche und Religion viel Ungeklärtes aus der Kindheit beinhaltet. Gerade in dieser Hinsicht denke ich, dass der Zwingli-Film viele Menschen anspricht und hochinteressant ist.