Kultur

Schauspielhaus Zürich: Marthaler-Fans dürfen wieder kichern

Gegen das Menschsein gibt’s bei Marthaler kein Rezept: Magne Havard Brekke als Mann ohne Gewicht auf der Zürcher Pfauenbühne.

Gegen das Menschsein gibt’s bei Marthaler kein Rezept: Magne Havard Brekke als Mann ohne Gewicht auf der Zürcher Pfauenbühne.

Das vom Lockdown verhinderte Stück durfte letzten Sonntag in Zürich endlich an die Öffentlichkeit.

Die Pandemie hatte Starregisseur Christoph Marthaler Anfang Jahr abrupt ausgebremst. Einen Tag vor der Premiere wurde seiner Inszenierung am Schauspielhaus Zürich der Lockdown-Riegel vorgeschoben. Und so konnte «Das Weinen (Das Wähnen)» nach Texten von Dieter Roth nicht stattfinden. Ironie der Geschichte: Gespielt hätte sie in einer Apotheke.

Am Sonntag kam es am Schauspielhaus Zürich endlich doch zur langersehnten Uraufführung. Und nein, der Abend mit Texten des für seine Literaturwürste, Schokoplastiken, Wort- und Lautexperimente bekannten Schweizer Künstlers Dieter Roth (1930 - 1998) ist das Gegenteil eines Pandemie-Kommentars. Auch wenn dieses Schlussbild, in dem die fünf weiss bekittelten Apothekerinnen zu Mozarts «Lacrimosa» langsam alle Medikamentenschachteln aus den Regalen plumpsen lassen, ein wenig danach aussieht. Gedanken an abwehrsteigernde Naturheilmittel, an Hamsterkäufe und an die Grenzen der Medizin stehen wie selbstverständlich im Raum.

Die Apotheke wird zu Kreuz getragen

Trotzdem wird da noch mehr zu Kreuz getragen, wenn der barfüssige Jesus (Magne Håvard Brekke) ein grün blinkendes Apothekerkreuz schultert und über die Bühne schlurft wie ein schlechter PR-Gag. Es geht um das Scheitern des Menschen an seiner Unvollkommenheit. Und der ist mit keinem Rezept beizukommen. Marthaler lässt uns deshalb gleich zu Beginn in ein gruseliges Nagelpilzbehandlungs-Werbevideo reinschauen: So einen Nagelpilz kriegt man nur mit Disziplin wieder los. Und wer bitte hat die schon, sein ganzes Leben?

Marthaler, der den vergriffenen vierten «Tränenmeer»-Band von Dieter Roth von diesem mal persönlich ausgehändigt bekam, verarbeitet den dialogischen, widersprüchlichen, manchmal ganz von Sinn befreiten Text in der gewohnt sprachlichen Präzision, nutzt Roths Spass an Buchstabenauslassungen für sprachlichen Slapstick und Roths Obsession mit dem Scheitern für heitere Komik.

Die verschworene Marthaler-Gemeinde darf also wieder kichern, wenn sich eine der Apothekerinnen in einer Yogapose selbst zu Boden ringt, oder wenn der sterile Wasserspender auf der Bühne plötzlich ferngesteuert ein Tänzchen aufführt.

Roth hatte die merkwürdigen Sätze in den 1970er-Jahren zunächst in einem Luzerner Anzeiger als Annoncen geschaltet und später in zahllosen Varianten weiterbearbeitet. Es sind absurde, eindringliche Behauptungen über die Welt, denen im nächsten Moment widersprochen wird. Die Kraft dieses riesigen Werks, das Roth von einer Träne zu einem «Tränensee» bis zu einem «Tränenmeer» literarisch ausufern liess, kriegt der gerade mit dem Nestroy-Preis für sein Lebenswerk ausgezeichnete Regisseur in 100 Minuten zwar nicht verpackt. Den Grundton des Roth’schen Universums hat er aber getroffen.

Autor

Julia Stephan

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