Isabella Rossellini, wie geht es Ihren Hühnern?

Isabella Rossellini: Sehr gut! Ostern steht vor der Tür. Da legen die Hennen die meisten Eier. Wenn die Tage länger werden und die Sonne mehr scheint, stimuliert das ihre Hormone. Wir haben derzeit Eier im Überfluss. Ende Juni beginnen sie, wieder weniger Eier zu legen — bis zum Oktober.

Haben Sie auch schon Nachwuchs?

Nein, ich möchte keine Küken haben. Meine Hühner gehören seltenen alten Rassen an, die zum Teil vom Aussterben bedroht sind. Sie stammen aus Indonesien, Chile, China, Ägypten oder Europa und sehen ganz unterschiedlich aus. Diese Vielfalt sollte erhalten bleiben. Ein Hahn erwählt sich aber nicht eine Henne und hält ihr die Treue. Er paart sich mit allen Hennen. In der nächsten Generation paaren sich Brüder und Väter mit Schwestern und Müttern. Dann hat man ein Durcheinander und kommt schnell in eine Inzuchtdepression. Die Bewirtschaftung eines Bauernhofs ist kompliziert. Ich lasse meine Hennen nicht brüten.

Dafür haben Sie ein Buch über sie geschrieben…

Ein Kinderbuch. Ich hatte erwartet, dass Hühner dumme und sehr gewöhnliche Tiere sind. Man kennt sie, wie sie picken und herumspazieren. Aber das liegt daran, dass wir sie meist nur von oben sehen. Wenn man sie fotografiert und sich auf ihre Ebene hinunter begibt, ist man überrascht, was für eine ausdrucksstarke Körpersprache sie besitzen. Sie recken und drehen den Hals, spreizen die Flügel und stellen sich sogar auf die Zehenspitzen.

«Ich wollte Hühner», lautet der erste Satz Ihres Buches. Wie entstand dieser Wunsch?

Ich lebe auf Long Island. Vor einigen Jahren kaufte ich ein Stück Land und machte daraus einen Bauernhof. Zunächst pflanzte ich nur Gemüse. Dann erwarb ich einige Bienenstöcke. In der Folge kaufte ich weitere Tiere hinzu. Ich versuchte es mit Truthühnern, Schafen und Schweinen. Für Schweine wäre mein Hof hervorragend geeignet. Das Problem ist jedoch das Schlachten. Statt mich mit den verschiedenen Techniken des Tötens herumzuschlagen, bestellte ich lieber Hühner. Die legen Eier.

Sie sind in Rom aufgewachsen und haben lange in New York gearbeitet. Was veranlasste Sie, als berühmte Schauspielerin einen Bauernhof zu betreiben?

Ich hatte immer eine Liebe zu Tieren. Als ich älter wurde, bekam ich weniger Aufträge als Model, und auch meine Auftritte als Schauspielerin wurden seltener. So kehrte ich an die Universität zurück, um Verhaltensbiologie zu studieren. Am Hunter College in New York absolvierte ich den Studiengang Animal Behavior and Conservation. Als sich dann die Gelegenheit ergab, einen Bauernhof zu betreiben, erschien mir das eine faszinierende Aussicht. Ich erfüllte mir damit einen Kindheitstraum.

Beobachten Sie eine zunehmende Sehnsucht nach einem Leben auf dem Land und in der Natur?

Die Vorstellung eines idyllischen Lebens auf dem Land entspringt meist der Fantasie von Städtern. In Wirklichkeit bedeutet die Landwirtschaft eine Menge Arbeit, und Geld gibt es kaum zu verdienen. Aber wer Freude daran findet, kann damit seinen Lebensunterhalt bestreiten. Meine Mitarbeiter führen eine Art Künstlerleben. Sie geben sich der Arbeit mit Leidenschaft hin.

Was lieben Sie an der Landwirtschaft?

Da ich immer noch arbeite, muss ich viel reisen. Komme ich dann nach Hause, freue ich mich, auf dem Bauernhof zu sein. Es ist ein völlig anderes Lebensgefühl. Ausserdem erleichtert mir das Leben auf dem Land, mich auf mein Studium und das Schreiben zu konzentrieren. In der Stadt ist man dauernd Versuchungen ausgesetzt. Da wird eine Ausstellung eröffnet, ein neuer Film läuft an, oder man ist auf eine Party eingeladen. Immer gibt es etwas, das wichtiger zu sein scheint.

Die Erkenntnisse Ihres Studiums haben Sie in amüsanten Kurzfilmen über das verblüffende Liebesleben der Tiere umgesetzt …

Die Vielfalt des Sexuallebens von Tieren ist beeindruckend. Es gibt so viele Arten der Fortpflanzung, Verführung und Aufzucht. Ich habe mehrere Serien dazu gestaltet: «Green Porno», «Seduce Me» und vor zwei Jahren «Mammas» über die Aufzucht von Jungen. Als Beraterin hatte ich die feministische Wissenschaftlerin Marlène Suk an meiner Seite. Sie stellt in ihren Arbeiten die Frage, ob es Mutterinstinkt tatsächlich gibt und Frauen mit dem Instinkt geboren werden, sich für ihre Kinder und die Familie zu opfern. Es gibt nämlich auch Muttertiere, die ihre Kinder auffressen, wie zum Beispiel die Hamster.

In Ihrer Autobiografie «Some of Me» erzählen Sie, dass bereits Ihr Vater Spielfilme über Biologie drehen wollte und Sie im Meer nach Seeigeln tauchten, damit er die Befruchtung der Eier filmen konnte. Brachte Sie diese Erfahrung auf die Idee zu den Filmen?

Ich erinnere mich, wie ich meinem Vater half. Es war faszinierend, Mein Vater interessierte sich sehr für Wissenschaft. Entscheidend für mich waren die Tiergeschichten «Er redete mit dem Vieh, den Vögeln und den Fischen» von Konrad Lorenz, die mein Vater mir gab. Das war eine Offenbarung. Ich las das Buch und wusste: Das will ich studieren. Damals wurde aber Verhaltensbiologie an den Unis kaum angeboten. Darum habe ich es jetzt nachgeholt.

«Wer einmal mit Hunden, Katzen, Kaninchen, Vögeln, Schweinen gelebt hat, dem ist nichts mehr fremd», schreiben Sie. Haben Sie vor diesem Hintergrund auch Verständnis für den derzeitigen amerikanischen Präsidenten?

Mir ist unverständlich geblieben, wie er Präsident werden konnte. Es herrschte eine grosse Politikverdrossenheit. So war das eine Protestwahl. Aber ich frage mich, ob diejenigen, die aus Protest wählten, nachher nicht selbst über das Ergebnis erschraken.