Fernsehkritik

Sandro Brotz’ erste «Arena»-Sendung – unser Autor findet: «Da geht noch mehr!»

Moderiert seit heute die «Arena»: Sandro Brotz.

Moderiert seit heute die «Arena»: Sandro Brotz.

Wahrscheinlich wird die «Arena» nie mehr die Bedeutung erlangen, die sie in den 1990er-Jahren unter Filippo Leutenegger hatte. Gesprächsthema ist sie aber immer noch und sie war es in jüngster Zeit wieder vermehrt. Unter Moderator und Redaktionsleiter Jonas Projer hat das Format ab 2014 an Relevanz gewonnen.

Zwar musste sich Projer vorwerfen lassen, er richte sich bei der Themenauswahl zu stark nach der Agenda der SVP. Auch die häufigen Auftritte von Christoph Blocher wurden ihm vorgehalten. Und es gab die Sendungen, die aus dem Ruder liefen, wie jene zur «No Billag»-Initiative.

Doch Projers Nachfolger Sandro Brotz erbt ein intaktes Produkt. Wenn auch eines mit sinkenden Zuschauerzahlen im vergangenen Jahr. Brotz liess im Vorfeld jedenfalls verlauten, er habe nicht vor, alles anders zu machen. Und so zeigte sich bei der ersten «Arena» unter der Leitung des 49-Jährigen ein vertrautes Bild: vier Gäste hinter Stehpulten, weitere Gäste in der zweiten Reihe, einzig die Experten fehlten.

Und auch bei der Themensetzung setzte die Redaktion auf Altbekanntes. Es ging erneut um die Beziehungen zur Europäischen Union, wie seit Anfang 2018 schon ein halbes dutzend Mal. Aber die «Arena» kann ja nichts dafür, wenn die Schweizer Politik bei diesem Thema auf der Stelle tritt.

Er werde von seinem konfrontativen Fragestil Abstand nehmen müssen, den er als «Rundschau»-Moderator gepflegt hatte, sagte Brotz vor der Premiere. Seine Rolle sei nun stärker die des Gastgebers. Der Rollenwechsel ist in der ersten Sendung augenfällig. Brotz nimmt sich zurück. Vom Selbstdarsteller, als der er auch schon bezeichnet wurde, ist nichts zu sehen.

Es dauert über eine Viertelstunde, bis Brotz erstmals energisch dazwischen geht. Einmal entschuldigt er sich beinahe dafür, dass er in die Diskussion eingreift: «Sie geben mir einen Pass, den ich aufnehmen muss.» Und ein andermal scheint es, als wäre SP-Präsident Christian Levrat der Moderator: Er solle zuhören und schweigen, bedeutet er dem SVP-Präsidenten Albert Rösti.

Wichtig für einen «Arena»-Moderator ist, dass er jeden Eindruck einer Parteinahme vermeidet. Der Austausch zwischen Brotz und Rösti steht an diesem Abend deshalb unter besonderer Beobachtung. Brotz geriet in der Vergangenheit mit Röstis Parteikollegen Christoph Mörgeli («Sind Sie eigentlich vom Aff bissä?») und Ueli Maurer aneinander. SVP-Nationalrat Claudio Zanetti sah die Ernennung von Brotz denn auch als «reine Provokation» des Schweizer Fernsehens gegen die SRG-kritisch eingestellte Partei.

Als wollte er diese Vorbehalte ins Leere laufen lassen, geht der neue «Arena»-Dompteur äusserst pfleglich mit Rösti um, als er diesen zum 1:1 bittet. Es ist eine der wenigen Neuerungen unter Brotz. Projer hatte in Abstimmungssendungen jeweils ausgewählte Gäste in den Prüfstand beordert. Brotz nimmt sie hingegen direkt am Pult in die Mangel.

Und hier zeigt er dann den Biss, den der Fernsehzuschauer aus der «Rundschau» kennt: «Das glauben Sie ja selber nicht», wirft er dem SVP-Präsidenten an den Kopf, gemäss dem mit der Personenfreizügigkeit nicht zwingend auch die Bilateralen I fallen würden. Als Brotz später Röstis Kontrahenten Levrat bearbeitet, verpasst er es, diesen auf die SP-internen Gräben beim Thema Europa anzusprechen.

Dass die Premiere des neuen Moderators medioker ausfällt, liegt aber in erster Linie am Thema. «Die Schweizer Europa-Politik kommt nicht Fleck» – so pries die «Arena»-Redaktion die Sendung an. Nicht vom Fleck kommt auch die Diskussion. Brotz begründet die Wahl des Themas nach der Sendung mit dessen Dringlichkeit. Sein Ziel sei es, dass die Zuschauer etwas lernten. Doch SP-Präsident Levrat fasste es nach der Sendung richtig zusammen: «Inhaltlich nichts Neues.»

Brotz bestritt seine Feuertaufe unaufgeregt und sachlich. Nun ist klar, dass ihm die Metamorphose vom giftigen Interviewer zum zurückhaltenden Gastgeber gelingen wird. Nächste Woche darf er aber gerne einen Gang höherschalten.

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